Bild: Fotocredits: Kerstin Kopf, Raphael Krome, Sophie Wanninger / Modelagentur: "Tigers" und "Tomorrow is another day" Agency

Asymmetrische Entwürfe, Drapieren in 3D und eine emotionale Herangehensweise zeichnen Jessica Dettingers Arbeit aus. Die Designerin arbeitet seit sechs Jahren in der Modeindustrie - und hält sich bewusst von Fast-Fashion und flüchtigen Trends fern. Ihr Label "Form Of Interest" gründete sie im Sommer 2014 - die Idee kam ihr noch während des Studiums an der Hochschule für Gestaltung in Pforzheim.

Der Name selbst steht für einen interdisziplinären Ansatz, der politische Inhalte, konzeptionelles Design und Kunst vereint. Mode, so die 33-Jährige, sei neben Videos, Fotos und Collagen eben nur eine von vielen Möglichkeiten, sich auszudrücken.

In der Fotostrecke: Die aktuelle Kollektion von Jessica
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In ihrer aktuellen Kollektion "I am in another universe" setzt sie sich mit Fragen des Geschlechts auseinander. Was ist männlich, was weiblich? Wo steht die Emanzipation heute? Und wie kann man die Grenzen und Konstrukte traditioneller Geschlechterrollen auflösen, ohne anderen dabei auf die Nerven zu gehen? In ihren Entwürfen möchte sie sich nicht länger auf die klassische Unterscheidung Mann/Frau beschränken.

"Bislang beschäftigte sich die Gesellschaft verstärkt mit der Rolle der Frau", sagt die Designerin. "Dabei sind Männer genauso komplex. Es gibt nicht nur den Bodybuilder oder den schwulen, modeaffinen Schönling. Es gibt viele Facetten dazwischen." Genau für diese Nuancen hat Jessica angefangen, eine visuelle Sprache zu finden.

Bei Frauen, sagt sie, sei alles möglich, wohingegen viele schon die Nase rümpften, wenn Männer nur ein rosafarbenes Hemd anhätten. Also hat sie die Formsprache, die ursprünglich für Frauen gedacht war, einfach auf Männer übertragen. Oversized statt körperbetont ist dabei nur eine Variante.

Die Farbe muss man sich als Mann erstmal trauen.
Jessica Dettinger

Subtil webt die Konzept-Künstlerin ihre Message in die Kleider ein. Ein Stück, das Rock oder Hose sein könnte. Ein Oversized-Trenchcoat, in hellblau. "Die Form steht grundsätzlich Männern und Frauen, aber die Farbe muss man sich als Mann erst mal trauen."

Auch der Bauchnabel sei ein heikles Thema. Tops, die den Bauchnabel nicht verdecken, waren in der klassischen Männermode zu lange undenkbar. "Vieles, was wir in Europa als fraglich empfinden, gehört zu der japanischen Sicht von schön", sagt Jessica. Zu ihrer größten Inspiration zählt die japanische Prêt-à-porter-Modedesignerin Rei Kawakubo.

(Bild: Fotocredits: Kerstin Kopf, Raphael Krome, Sophie Wanninger / Modelagentur: "Tigers" und "Tomorrow is another day" Agency)

"Neue Geschlechterrollen", sagt Jessica, "können nur dann geschaffen werden, wenn man Menschen die Möglichkeit gibt, diese zu leben. Mode kann da sehr unterstützend wirken."

Jessicas Liebe zur Mode hat sie auch ein Stück weit von dieser entfernt - hauptberuflich ist sie bei BMW als Farb- und Materialdesignerin tätig. Den Anfang gewinnbringend zu überbrücken, ist als Designerin nicht einfach. "Kein Label trägt sich von heute auf morgen", sagt Jessica. "Es geht auch darum, nachhaltige Produzenten zu finden und eine realistische Kalkulation zu schaffen.“ Die Nachfrage sei bereits sehr groß, jetzt muss das Projekt nur noch Schritt für Schritt wachsen.

In der Mode-Industrie, die auf ständigen Wandel und immer schneller werdende Produktzyklen setzt, hat sie sich nicht widerrufenden: "Das war mir zu oberflächlich. Ich habe mich nicht bei einem Unternehmen gesehen, das zehn Kollektionen pro Jahr herausbringt. Das ist weder nachhaltig, noch macht es Sinn. Die Sachen werden auf den Markt geworfen, nur weil man sie auf den Markt werfen muss."

Ich habe mich nicht bei einem Unternehmen gesehen, das zehn Kollektionen pro Jahr herausbringt.
Jessica Dettinger

Ihre Leidenschaft wollte sie sich nicht verderben lassen. Jedes Stück ist handgenäht, sie arbeitet meistens auf Bestellung.

Selbst einkaufen geht die Konzeptkünstlerin ungern, sie trägt hauptsächlich schwarz. "Man würde denken, ich nähe alles selber, aber ich habe für mich selbst kaum Zeit", sagt Jessica. "Viele denken, schwarz wäre ein arrogantes Statement, aber es ist einfach eine Möglichkeit, sich nicht den ganzen Tag mit seinem eigenen Outfit beschäftigen zu müssen."

(Bild: Fotocredits: Sophie Wanninger / Make-up: Sabrina Reuschl / Modelagentur: Tigers - MGMT (Leonie )
Viele denken, schwarz wäre ein arrogantes Statement
Jessica Dettinger

Stil hat für Jessica auch mit Selbstreflexion und Selbstbewusstsein zu tun. Damit, zu sich zu stehen. "Ich trage gerne Uniformen, weil ich mich nicht den ganzen kurzlebigen Trends unterwerfen möchte. Nur, weil man sich einen Trend überstülpt, heißt das ja nicht, dass man als Mensch authentisch ist." Sich komplett davon abzuwenden, ist laut Jessica nicht notwendig. Trends, die für einen selbst Sinn machen, können in Maßen auch bereichernd sein. Wichtig sei, dass man selbst weiß, wo man steht, wo man sich einordnet und wie man nach außen kommunizieren möchte.

Nur, weil man sich einen Trend überstülpt, heißt das ja nicht, dass man als Mensch authentisch ist.
Jessica Dettinger

Mit ihrer Arbeit schafft die Künstlerin nachhaltiges Design, das Körpergrenzen und modezyklische Ablaufdaten überwindet, ohne mit extravagantem Firlefanz nach Aufmerksamkeit zu schreien. Ihre straighten Unisex-Entwürfe sind das Gegenteil von dem, was man von Fast-Fashion erwartet – und trotzdem tragbar.

Eine bewusste Entscheidung gegen das Modesystem und damit auch: für die Mode.


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