Bücherregale kann man auf verschiedene Arten sortieren. Nach Autoren zum Beispiel, alphabetisch nach Titeln, nach Erscheinungsjahr – oder auch gar nicht. Worüber sich die meisten Buchliebhaber dabei weniger Gedanken machen: die Optik des Regals.

Auf Instagram und Pinterest sieht man derzeit allerdings Bücherregale, die einem neuen Prinzip untergeordnet sind: Sie sind gefüllt mit "Backward Books", also Büchern, die mit dem Buchrücken zur Wand und dem weißen Papierrand nach vorne gestellt werden. Auch Design-Magazine wie "Flavorwire" oder "Architectural Digest" berichten schon über den Trend.

Hier ein Eindruck:
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Die naheliegendste Frage – "Warum???" – ist erst mal schnell beantwortet: Der minimalistische Einrichtungsstil beherrscht schon seit Jahren die Instagram- und Pinterest-Feeds, ein Ende ist nicht in Sicht.

Ein Regal voller umgedrehter Bücher fügt sich besser in diesen Stil ein – nur Weiß und ein paar dünne, dezente Ränder.

Während ein Wohnzimmer, das nur in schwarz-weiß gehalten ist, jedoch lediglich eine Geschmacksfrage ist, ergeben sich bei den Rückwärts-Büchern ganz andere, praktische Probleme. Allen voran: 

Wie zur Hölle soll man in so einem Regal jemals ein Buch wiederfinden?

Von hinten sehen alle Bücher ziemlich ähnlich aus. Jeder, der mehr als den Duden und einen Kroatien-Reiseführer besitzt, wird Schwierigkeiten haben, die einzelnen Bücher auseinander zu halten.

Du möchtest noch einmal dieses geistreiche Zitat nachschlagen? Deine Freundin will sich den Roman ausleihen, von dem du ihr neulich erzählt hast? Wenn du nicht gerade ein fotografisches Gedächtnis hast: Viel Spaß dabei, jedes Buch einzeln aus dem Regal zu ziehen!

Das Entstauben wird ebenfalls zum Kampf – eine Reihe Buchrücken kann man schnell abwischen, eine Reihe Buchseiten nicht. Langsam sammeln sich Staubmäuse im minimalistischen Traum-Regalbrett. Und man kann nicht einmal mehr vor den Gästen damit angeben, Musils "Mann ohne Eigenschaften" gelesen (oder zumindest gekauft!) zu haben. 

Kurzum: Wer Bücher besitzt, weil er sie lesen möchte, lagert sie so, dass man sie auch wiederfindet. Ist das nicht der Fall, verkümmern Bücher zur Deko.

Bücher als Dekoration sind dabei sicherlich kein grundsätzlich neues Phänomen. Wir kennen vermutlich alle jemanden, der seine Bücher nach Farben sortiert hat. Und der Grund, dass sich Bücherregale oft im Wohnzimmer und nicht im Abstellraum befinden, ist bestimmt auch der, dass sie einen Raum auch gemütlich machen.

Trotzdem gehen die "Backward Books" noch einen Schritt weiter. Und sind dabei Ausdruck einer Kultur, die sich immer mehr auf das Visuelle konzentriert: darauf, ob ein Gegenstand oder ein Erlebnis social-media-tauglich ist.

Anstatt sich auf das Essen zu stürzen, wird das Smartphone ausgepackt und der beste Filter gesucht, während der Burger kalt wird und die Eiscreme auf die Hand tropft. Ein Urlaub wird nicht so gestaltet, dass er erholsam ist, sondern so, dass er möglichst viele Foto-Opportunitys vor Traumkulissen bietet.

Dieses Hotel auf den Malediven hat sogar einen eigenen Instagram-Butler:

Dass diese Entwicklung jetzt auch Bücher erreicht, ist schade. Denn Bücher enthalten, anders als Burger oder Eiscreme, Antworten auf so gut wie alle Fragen des Lebens. Sie machen uns schlau, sie bringen uns zum Nachdenken, sie können trösten, unterhalten und beste Freunde sein.

Und deshalb sollten sie nicht zu reinen Deko-Elementen degradiert werden.

Man könnte natürlich einwenden, dass das gedruckte Buch ohnehin nicht mehr zeitgemäß ist. Dass sich mit E-Books und E-Readern ganze Bibliotheken auf einem handflächengroßen Geräten abspeichern lassen. Und dass eine Regalwand voller richtiger Bücher so oder so zu einem Statussymbol wird.

Aber wer Bücher liebt, der liebt meistens auch das Buch an sich – mit schön gestaltetem Cover, Eselsohren und Markierungen. Er will diese Bücher hin und wieder aus dem Regal ziehen können, sich die Lieblingsstellen anschauen und die Stellen, wo man ins Papier geweint oder Rotwein verschüttet hat.

Und das geht einfach nicht, wenn das ganze Bücherregal eine einzige, instagram-optimierte weiße Wand ist.

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Die Katalanen wollen sich von Spanien abspalten und einen eigenen Staat ausrufen. Alle Katalanen? Nein, die Frage teilt die Gesellschaft. Sie zerstört Freundschaften und sorgt für bitteren Streit in Familien. Wir haben Steffen Lüdke mehrfach für bento nach Barcelona geschickt, um von vor Ort zu berichten.