Bild: Yannick von Eisenhart, bento

Hitze-Welle, Sahara-Sommer und Russen-Peitsche: Glaubt man den Schlagzeilen der Boulevard-Gazetten, erschlossen sich Deutschland vom bitterkalten Subpolar-, bis hin zum feuchtwarmen Tropenklima in den vergangenen zwölf Monaten mindestens zwei neue Klimazonen.

Herrscht ein Temperatur-Extrem, wird der Smalltalk über das Wetter plötzlich zu einem substanziellen Thema. Die gemeinsame Aufregung über Kälte und Hitze spannt eine Brücke zwischen den Mitgliedern unserer Gesellschaft. Bei Kleidungsstücken hört das gegenseitige Verständnis allerdings abrupt auf. Gesellschaftliche Konventionen sorgen dafür, dass man bestimmte Klamotten nicht tragen darf, ohne verächtlich beäugt zu werden. 

Eines dieser No-Go-Teile: das kurzärmelige Hemd.

Die meisten Menschen scheinen dieses Kleidungsstück gedanklich immer mit einer hawaiianischen Strandbar, Rentnern in Sandalen mit Tennissocken und billigen Mojitos zu verknüpfen.

Dabei kann ein Kurzarmhemd so viel mehr sein als ein unförmiger Stofffetzen mit ausgewaschenem Blumenprint, der einen Bierbauch verdeckt.

Die Liebesgeschichte zwischen mir und dem Kurzarmhemd begann früh.

Als ich an einem heißen Augusttag Anfang der Zweitausenderjahre eingeschult werden sollte, brannte die Sonne bei mindestens 40 Grad auf den Asphalt einer kleinen Hamburger Vorstadt. Zwischen einer Haribo Big-Box und angespitzten Buntstiften verzweifelte meine Mutter im Kinderzimmer am Dickschädel ihres Sohnes. Ich weigerte mich partout, das frisch gebügelte Langarmhemd anzuziehen, das sie extra für meinen großen Tag ausgewählt hatte.

Nach einem epochalen Wortgefecht, das ich mit dem Argument "Wenn ich das Hemd anziehen muss, gehe ich niemals zur Schule!" gewann, wanderte sie sichtlich zerknirscht zum Kinderkleiderschrank und zog ein beiges Kurzarmhemd aus der hintersten Ecke. Auf Brusthöhe hatte es einen schwarzen Blumenprint, der von einer Kette aus Flammen umsäumt wurde. Ich fühlte mich darin sofort wohl.

Der Einschulungstag wurde zu einer Zäsur auf dem Mode-Zeitstrahl meines Daseins.

Mit der Zeit häuften sich die Kurzarmhemden in meinem Schrank. Doch was bei Kindern noch akzeptabel war, sorgte im Teenager-Alter für ersten Unmut bei meinen Mitmenschen. 

Bei einer Schulveranstaltung im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 wurde ich als verdientes Mitglied der Jugend debattiert-AG mit der Aufgabe betraut, eine Diskussionsrunde zwischen Kommunalpolitikern im Rathaus zu moderieren. Um zwischen den mir rhetorisch deutlich überlegenene Anzugträgern meine persönliche Komfort-Zone zu kreieren und Angstschweiß zu vermeiden, entschied ich mich dafür, mein blau-weiß-rot geringeltes Kurzarmhemd zu tragen. 

Was meinen Mitschülern nicht weiter auffiel, sorgte bei den Politikern für Irritationen. Nach der Veranstaltung kam eine Lehrerin zu mir und stellte mich wegen meiner Kleiderwahl zur Rede. "Mangelnder Respekt...dünnes Eis...nicht noch mal...einiges verbaut", sind Wortfetzen, die mir bis heute im Kopf hängen geblieben sind.

Ich konnte die Aufregung nicht nachvollziehen. Warum sollte ein Kurzarmhemd meine Seriösität untergraben? 

Nur, weil ich ein anderes Kleidungsstück als mein Gegenüber anhabe, bedeutet das doch nicht, dass ich keinen Respekt vor ihm habe. Und außerdem ist nichts so entwürdigend, wie schweißgebadet an einer solchen Veranstaltung teilzunehmen. 

Dass die nackten Unterarme das Problem darstellen, wollte ich auch nicht akzeptieren. Sie sind eines der wenigen Körperteile, die sich bei den meisten Männern ähneln und so keinen Raum für Shaming oder Diskriminierung bieten. Außerdem sind sie gesellschaftlich geduldet, wenn sie in T-Shirts und Polohemden stecken. 

Während meines Studiums versuchte ich mich von dem verachteten Kleidungsstück fernzuhalten. Es schien mir, dass die Akzeptanz gegenüber Kurzarmhemden nur in urbanen Biotopen wie Bowling-Vereinen oder Polizeipräsidien vorhanden war. 

Dieses Jahr hielt ich es jedoch nicht mehr aus. Als mein Thermometer in dieser Woche schon am Morgen 22 Grad anzeigte wusste ich, dass dies die Gelegenheit war, das Kurzarmhemd wieder groß zu machen. 

Ich entschied mich für ein weißes Modell. Zwar wurde ich von mir nahestehenden Menschen als "Meister Propper" und "Traumschiff-Kapitän" tituliert, die Mehrheit akzeptierte es jedoch. Warum auch nicht? Für mich vereint das Kurzarmhemd die Seriösität seines langärmligen Bruders mit dem Tragecomfort eines T-Shirts. Mehr kann man sich in diesen Tagen von einem Kleidungsstück nicht wünschen.

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