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Fest sitzende Lederriemen, die von kalt glänzenden Edelstahl-Schnallen auf der Brust zusammengehalten werden. Ein Mann, eingespannt wie in ein Pferdegeschirr. Der Rücken durchgedrückt, der Blick streng in der Ferne. Was sich anhört, wie ein Lagebericht aus einem Fetischclub, ist eine kurze Beschreibung des Auftritts von US-Eiskunstläufer Adam Rippon bei der Oscar-Verleihung 2018. Seitdem sind ihm zahlreiche andere Prominente und Nicht-Prominente nachgefolgt: 

Der Harnisch ist plötzlich ein Mode-Statement – auch für Normalsterbliche. 

Aktuell verkauft der Onlineshop Asos ihn aus Kunstleder im summer sale bereits für 17 Euro. Spätestens damit dürften die Lederriemen im Mainstream angekommen sein.

(Bild: Screenshot: Asos/bento)

Dass der Harnisch oder auf Englisch harness ursprünglich ein sexuell aufgeladenes Statement einer Subkultur war, lässt sich auf der Asos-Seite allerhöchstens noch am Pflegehinweis erahnen ("Einfach nur drüberwischen. Easy-peasy!"). 

Tatsächlich ist er längst ein hippes Alltags-Accessoire geworden, manche Varianten erinnern eher an Pistolenhalter oder falsch zusammengenähte Bauchtaschen. Leroy Sané trug ihn kürzlich, Star-Designer Virgil Abloh zeigte den Harnisch unlängst mit Blumen bestückt.

Doch woher kommt das Interesse von Designern, Festivalbesuchern und Fußballspielern an einem Kleidungsstück, das eigentlich für queere Identität, Hingabe und frivole Fetischfeiern steht?

Der Harnisch erinnert in seiner Ur-Form nicht zufällig an Geschirre und Leinen für Haus- und Nutztiere: In der BDSM-Szene steht er bei Bondage-Fesselspielen für Unterordnung und Unterwürfigkeit. Andere, oft queere Menschen, nutzen ihn auf Partys, um sich bewusst abzugrenzen. 

Tatsächlich ist der Harnisch nicht das erste Kleidungsstück, das vom Rand der Gesellschaft in die Mitte gewandert ist und dort als It-Piece teuer (im Falle des Asos-Schlussverkaufs allerdings eher günstig) verkauft wird. Vollgestopfte Bauchtaschen, die früher eher als Erkennungszeichen von Drogendealern galten und heute oft den legitimen Status von Handtaschen haben, sind nur ein Beispiel dafür. 

Was bedeutet es für queere Menschen und BDSM-Interessierte, dass ein Symbol ihrer Kultur plötzlich als Sonderangebot für den Mainstream angeboten wird?

Die Frage erinnert an die Diskussion um kulturelle Aneignung – also den Vorwurf, die Zeichen und Symbole bestimmter Minderheiten respektlos zu kopieren, ohne ihre Bedeutung zu verstehen. Dürfen weiße US-Amerikaner indigenen Federschmuck auf Partys tragen? Und können Deutsche mit Dreadlocks Reggae machen, ohne die Rastafari-Kultur zu kennen? Darüber wird seit Jahren gestritten.

Auch aus der BDSM-Kultur, den Peitschenkellern und Darkrooms, gab es schon Direktimporte in die Konsum-Zentren deutscher Innenstädte. Gag-Ringe, Choker-Halsbänder und jüngst Netzhemden werden inzwischen auch bei Ketten wie H&M, Zara oder Urban Outfitters verkauft. 

Hengameh Yaghoobifarah schreibt und diskutiert seit Jahren über queere und Fashion-Themen – oft auch über beides zusammen. Wie muss man den Hype um den Harnisch also verstehen? Hengameh meint: "Ich merke, dass es schon seit '50 Shades of Grey' einen Hype um BDSM-Accessoires gibt, der auch Leute anspricht, die nichts damit zu tun haben. Ich glaube nicht, dass alle Menschen, die bei H&M einen Choker kaufen, wissen, dass das Halsband für Devotsein steht."

Was früher ein Erkennungszeichen für Menschen war, die beim Sex gern die Kontrolle abgaben, sich gegenseitig anketteten oder einfach nur wussten, dass sie anders waren als der Mainstream, scheint heute ein Fashion-Statement für genau diesen zu sein. Wohl nicht umsonst spricht der "Guardian" auch von "Bro-Wear". Tatsächlich klingen betont verrucht klingende Angaben wie "An einigen Tagen muss es eben etwas Besonderes sein" (Asos) oder "verstellbarer Leibgurt" (Louis Vuitton) eher nach verklemmter Massagestab-Reklame aus den Neunzigern als nach sexpositiver Queerness. 

"Der Harnisch hat nicht mehr zwangsläufig eine bestimmte Bedeutung. Man kann ihn auch tragen, ohne sich für die Sichtbarkeit von queeren Menschen einzusetzen oder offen für kinky Sachen zu sein", meint Hengameh. 

Gleichzeitig scheinen genau solche Anspielungen wichtig zu sein: Erst durch die Aufmerksamkeit des Mainstreams und die oft in der Luft hängende Frage "Darf man sowas denn anziehen?" wird der Freizeit-BDSM-Look zum vermeintlich mutigen Statement.

Gleichzeitig verhindern ironisch abgeänderte Details wie Markenlogos und Blumendeko, dass irgendjemand wirklich denken könnte, in diesem Outfit würde vielleicht doch noch etwas Anstößiges passieren.

(Bild: Screenshot: Louis Vuitton/bento)

Diese Absicherung scheint manchen heterosexuellen Harnisch-Trägern auch wichtig zu sein. Als der Hollywood-Schauspieler Timothée Chalamet ("Call Me By Your Name") in der Talkshow von Ellen DeGeneres auf seinen Golden-Globes-Auftritt in einem Louis-Vuitton-Harnisch angesprochen wurde, versicherte er fast schon beschämt: "Ich dachte, das seien Hosenträger!" 

Das klingt mehr nach "Fass mich nicht an" als nach sexueller Aufgeschlossenheit. Nicht umsonst fragte das US-Magazin "Daily Beast", wie wild der Trend wirklich noch ist. Dass solche Mode-Harnische überhaupt noch eine Mutprobe sind, bezweifelt deshalb auch Hengameh: "Es ist offensichtlich, dass es nicht mehr dieselben Harnische sind, die in der Kink-Szene wirklich getragen werden." 

Lässt man den BDSM-Bezug weg, sieht der Harnisch auf einmal atemberaubend langweilig aus: Ein paar Gurte, die sich über den Oberkörper spannen. 

Wer wirklich Mut zeigen will, muss sich vermutlich bereits an anderen Orten umschauen. Einen Hinweis darauf, was nach Choker und Harness kommen könnte, findet sich in der Trend-Vorhersage, die von der Mode-Zeitschrift "Vogue" vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde. Dort heißt es, im kommenden Jahr könnten Chaps plötzlich noch ganz groß herauskommen. Chaps? 

Das sind die po-freien Cowboy-Hosen, die seit Jahren in der schwulen Lederszene beliebt sind. Damit durch die Innenstadt gehen, egal ob Blumen-bestickt oder nicht – das wäre vermutlich wirklich noch ein Statement.