Corona-Frisen gegen den Lagerkoller

Seit das bundesweite Kontaktverbot gegen die Coronakrise in Kraft getreten ist, haben Beautysalons und Friseure geschlossen. Nun verbringen viele Deutsche ihre Zeit vor allem zu Hause – allein oder mit dem Partner, den Mitbewohnerinnen oder der Familie. Und mit zunehmend wuscheligen Haaren. 

Alle versuchen, die Zeit bis zum Ende des Lockdowns rumzukriegen. Und plötzlich lächelt einen die alte Küchenschere so an... 

Die Suchanfragen zum Thema "Haare selber schneiden" sind bei Google seit Mitte März rasant gestiegen (Statista). Aber trauen sich die Leute wirklich, sich selbst oder den Mitbewohner statt dem Profi an die Frisur zu lassen, oder sind sie nur neugierig? 

Das haben wir unsere Leserinnen und Leser gefragt – und sie haben mit Bildern geantwortet. Außerdem verraten sie, ob sich die mutige Aktion gelohnt hat. Oder ob sie im Nachhinein doch lieber gewartet hätten.

Diese Menschen haben es ohne Friseur probiert: 

Pauline, 20, aus Karlsruhe: "Ich habe mir einen Zopf gemacht und abgeschnitten"

Pauline: "Ich bin von blonder Mähne zum braunen Bob gewechselt, dank Farbe aus der Drogerie und einer Schere vom Schreibtisch. Den Bob hat meine Halbschwester geschnitten, den Pony ich selbst. Der ist ein kleines bisschen zu kurz geworden, aber das wächst ja nach.

(Bild: Privat)

Ich hab mich auf den Rand der Badewanne gesetzt, damit wir nicht so eine Sauerei haben und die Haare wegspülen können. Dann hab ich mir einen Zopf gemacht und abgeschnitten. Den Abschnitt spende ich an eine Initiative, die Perücken für Menschen ohne Haare kostenlos zur Verfügung stellt.

(Bild: Privat)

Angst hatte ich nicht, wir haben uns einen Hugo gemacht und es gab Musik dazu, das war wie ein kleiner Mädelsabend. Nur beim Pony war ich kurz etwas panisch. Aber nach ein paar Tagen fand ich es gar nicht mehr schlimm.

Das Endergebnis ist eine 8/10 – nicht perfekt, aber ich kann unter Leute gehen, ohne mich zu schämen."

Joshua, 24, aus Berlin: "Ich werde meine Haare ab jetzt immer so schneiden"

Fotograf Joshua zeigt auf seinem Instagram-Kanal, wie er mit einem Staubsauger und einer selbst entworfenen Plastikkonstruktion seine Haare ansaugt, um sie dann mit einer Schere abzuschneiden. 

(Bild: Joshua Otto )

Joshua: "So schneidet man Haare in Corona Zeiten. Ich bin vor vier Jahren in einem Video von Fynn Kliemann auf die Idee gestoßen und fand sie witzig. Daran musste ich letzte Woche denken und habe einfach improvisiert. Der Bau hat nur fünf bis zehn Minuten gedauert und das Schneiden selbst etwa 45 Minuten. 

(Bild: Joshua Otto )

Wenn man noch jemanden zum Helfen hat, geht es wahrscheinlich schneller. Für den Hinterkopf hab ich nämlich am längsten gebraucht. Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis, ich gebe ihm zehn von zehn Punkten. Ich glaube, kein Friseur hätte mir die Haare so geschnitten."

Jörg, 25, Krankenpfleger aus Köln: "Mit dem Wildwuchs nicht mehr wohl gefühlt" 

Jörg: "Da ich aufgrund meines Berufes aktuell den Kontakt zu meiner Familie pausiert habe, sind meine Arbeitskollegen zu meinem engsten Kreis geworden. So wie meine Arbeitskollegin Vivi. Ich habe sie gebeten, mir die Haare zu schneiden – da ich mich überhaupt nicht mehr wohl gefühlt habe, mit meinem Wildwuchs auf dem Kopf im Krankenhaus rumzulaufen. 

(Bild: Privat)

Ich war vor etwa zwei Wochen im Urlaub und war davor zuletzt beim Friseur. Insgesamt waren das dann fünf Wochen ohne Friseurin, dementsprechend sahen meine (Anm.: sonst kurz geschorenen) Haare dann aus.

Vivi hat eigentlich bloß Erfahrungen mit dem Rasieren von Glatzen, aber sie hat es sauber hinbekommen, mir eine vernünftige Frisur zuschneiden. Großes Dankeschön an sie! 

Witzig waren die Tage danach, als mich zig Leute fragten wo ich einen Friseur gefunden habe, weil alle einen brauchten."

Paula, 19, aus Pirmasens: "Ich habe kurzen Prozess gemacht"

(Bild: Privat)

Paula: "Ich hatte mich schon auf meinen Friseurtermin am 1. April gefreut – Pustekuchen, durch die Schließung der Läden. 

Auch wenn ich mich bisher mit nötigen und unnötigen Dingen des Alltags beschäftigen konnte, kamen mir irgendwann dann doch mit der Zeit die Haare in den Sinn. Am Anfang dachte ich noch: 'Am Schluss sieht's scheiße aus und du kannst nicht mal mehr einkaufen gehen.'

Aber ich bin ein offener Mensch, lasse mich nicht unterkriegen und deswegen hab ich mir ohne Drama die Haare einfach selbst geschnitten. Ich hab mir einfach die Schere geschnappt und kurzen Prozess gemacht. 25 Zentimeter sind ab, habe es eben gemessen. Die rechte Seite ist einen bisschen länger als die linke, aber damit hab ich keine Probleme.

Wäre es schief gelaufen, hätte ich die geplante 'Abi 2021-Glatze' eben vorgezogen. Die totale Britney-Eskalation stelle ich mir krass vor."


Gerechtigkeit

USA in der Coronakrise: Der unerschütterliche Glaube an den Erfolg
Akram Salam hat Pläne für sein Leben – und die will er von Corona nicht durchkreuzen lassen

Akram Salam spricht fünf Sprachen, sein Lachen ist laut und herzlich, zweimal in der Woche lernt er Salsa und Flamenco tanzen – und in Zeiten wie dieser wirkt er wie ein bedingungsloser Optimist. 

Denn Akram, 26, hat nicht vor, seine Zukunftspläne von der Coronakrise durcheinander wirbeln zu lassen. Das könnte er sich auch kaum leisten. Akram glaubt an seinen Erfolg, er will sich und seine Familie finanzieren, will aufsteigen – wie so viele Amerikaner. Und wie so viele glaubt auch er daran, dass er es schaffen wird, wenn er nur hart genug dafür arbeitet. Warum sollte er auch nicht? Akram ist schließlich auf einem guten Weg.

Die USA sind eine hoch individualisierte Gesellschaft. Das heißt auch: Erfolge und Misserfolge gehen immer auf das Konto des Einzelnen. Umstände wie Glück oder Pech sind kein Teil des kollektiven Narrativs. 

Und bisher hatte Akram viel Erfolg: Seine Kindheit und Jugend verbrachte er zum Teil in einem sehr armen Viertel in Philadelphia, zum Teil im Libanon. Heute ist er Doktorand an der Emory Universität in Georgia, promoviert in Pharmazie. Sein Gehalt ernährt schon heute seine Familie, das sind neben ihm selbst seine Mutter und seine Schwester. Wenn er den Doktortitel hat, möchte er weiter forschen – oder als Unternehmensberater arbeiten. 

Corona ist für ärmere Familien besonders gefährlich

Es ist allein Akrams Gehalt, dass es ihm, seiner Mutter und seiner Schwester vor Kurzem ermöglicht hat, von einer winzigen Ein-Zimmer-Wohnung in ein kleines Reihenhaus zu ziehen. Ein Reihenhaus mit zwei Zimmern. In Clarkston, bei Atlanta, Georgia. Ein eigenes Schlafzimmer hat er darin nicht, doch es sei eine große Wohnung, sagt er.