Kein noch so dicker Pickel kann mit diesem Moment vor dem Spiegel mithalten: Ohje, ist das da etwa ein graues Haar? Es ist bestimmt nur blond? Nein. Es ist struppig. Es ist grau. Sehr grau. Oh mein Gott!

Das erste Exemplar taucht häufig noch vor der ersten Falte auf – und löst Panik aus. Sofort stellen sich Dutzende Fragen: Werden es noch mehr? Zupfe ich es erst mal raus? Muss ich mir die Haare färben? Bin ich jetzt alt?

Aber warum sehen viele graue Haare nicht als selbstverständlich – sondern machen so ein Drama um sie? Weil Werbeanzeigen und Medien es uns vorgaukeln? 

Früher oder später wachsen sie allen, graue Haare stehen fürs Altwerden – aber gelten nicht gerade als sexy. Es ist eben keine Farbe wie blond oder braun, zumindest nicht in den Zwanzigern. 

Das will Martha Truslow Smith aus Charlotte in North Carolina mit ihrem Instagram-Account Grombre ändern. Dort zeigt sie Frauen, die zu ihrem grauen Haar stehen und aufhören, Geld und Zeit ins Färben zu investieren. Vor etwa zwei Jahren, im Alter von 24, begann sie mit ihrem Aufruf. Heute hat sie mehr als 65.000 Follower. 

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Auf dem Account zeigt zum Beispiel Liz ein Foto von sich. Sie entdeckte ihr erstes graues Haar mit 17, mittlerweile ist sie 34 und ihre Haarfarbe ist heute eine Mischung aus schwarz, grau und blonden Spitzen. Oder die Nutzerin @fiafatale, die einen kleinen Sohn hat und wegen ihrer grauen Haare gefragt wurde, ob sie etwas für ihren Enkel einkaufe. Oder Dani, 27, die sich vor zwei Jahren dazu entschied, nicht mehr zu färben und heute sagt: "Ich liebe mein Haar."

Die Frauen sprechen sich untereinander Mut zu, kommentieren, unterstützen sich. Erst waren es Dutzende, mittlerweile haben Hunderte Frauen ihre Haare präsentiert.

Martha Smith selbst bekam mit 14 ihr ersten grauen Strähnen. "Ich war schockiert", sagt sie zu bento. Sie habe sich gefragt, ob sie nun offiziell "alt" sei – ohne "alt" zu sein. "Wer mit 14 graue Haare bekommt, muss viel verarbeiten – und es gibt keine Hilfsmittel außer Haarfärbemitteln. Ich mochte mein graues Haar nicht – und wusste noch nicht, dass ich es irgendwann lieben würde." Es dauerte einige Jahre, sagt sie heute.

Irgendwann habe sie genug davon gehabt, Hunderte Dollar fürs Färben auszugeben und beschloss, ihre natürliche Farbe zum Vorschein kommen zu lassen. 

Das ist Martha:

Wir haben mit Martha Smith darüber gesprochen, was sich ändern muss – damit graue Haare ganz selbstverständlich werden.

Martha, was musstest du dir wegen deiner Haare schon anhören?

Ich habe überwiegend positives Feedback erhalten. Aber ich lege nicht viel Wert auf die Meinungen anderer – egal ob gut oder schlecht. Am Ende des Tages ist es mein Körper und meine Haare, nicht die von anderen. Ich muss in den Spiegel schauen und mich selbst schätzen können – unabhängig davon, was andere erwarten.

Wieso hast du dann den Blog gestartet? Wer auf Instagram unterwegs ist, bekommt ja viele Kommentare von anderen Nutzerinnen und Nutzern. 

Mit dem Blog habe ich begonnen, als ich aufhörte, meine Haare zu färben. Meine natürliche graue Haarfarbe kam damals zum Vorschein und ich brauchte eine Plattform, auf der ich meine Verletzlichkeit ausdrücken konnte. Als ich den Blog gestartet habe, wollte ich mit anderen über graue Haare ins Gespräch kommen. Ich wollte infrage stellen, was wir als "schön" betrachten. In was wir wirklich Zeit, Energie und Ressourcen investieren wollen.  

Wie entstehen graue Haare?

Haare werden grau, wenn sich sogenannte Melanozyten zurückbilden. Diese Zellen produzieren das Pigment Melanin, das für die Färbung des Haares verantwortlich ist. Im Laufe eines Menschenlebens produzieren die Melanozyten weniger Melanin, dadurch können sich zunehmend graue Haare bilden. Ab welchem Alter und in welchem Umfang jemand graue Haare bekommt, ist hauptsächlich genetisch vorgegeben. Mehr dazu auf SPIEGEL ONLINE

Warum fühlen sich gerade Frauen mit grauem Haar so unwohl? Was muss sich ändern?

Ich habe kürzlich irgendwo gelesen, dass Mädchen mehr als 400 Werbungen pro Tag sehen, die ihnen sagen, wie sie aussehen sollen. Mädchen haben gelernt, sich und die anderen auf Unterschiede im Vergleich zu Frauen in den Medien zu untersuchen. Sollen wir das wirklich noch tun?

Wir leben in einer Gesellschaft, die vor dem Unvermeidlichen Angst hat: dem Altern, und damit sollten wir aufhören. 

Was hast du über graues Haar gelernt, das für dich überraschend war?

Es gibt mir eine ganz neue Perspektive: Als ob ich eine rosarote Brille trage. Ich kann die Welt und mich selbst auf eine ganz andere Weise sehen und schätzen. Ich kann das nicht erklären, man muss das selbst erleben.

Welche Geschichten erzählen dir die Frauen, wenn sie dir Bilder schicken? Welche war besonders beeindruckend?

Es gibt nichts Schöneres, als einer Frau dabei zu folgen, die mit (verständlicher) Angst von gefärbten zum grauen Haar wechselt. Wenn sie es schafft, dabei zu bleiben und schließlich diesen Moment erlebt, in dem sie ihr Haar zu lieben beginnt. Wenn sie es nicht für möglich gehalten hat, sich damit gut zu fühlen – und es dann schließlich doch tut.

Gleichzeitig sind graue Haare zu einer Art Trend geworden – manche lassen sich ihre Haare extra grau färben. Warum sind Frauen trotzdem noch schockiert, wenn sie graue Haare entdecken?

Ich zweifele daran, dass graue Haare wirklich ein Trend sind. Es gibt vielleicht eine Bewegung, aber es ist ja nicht so, als würden wir einer Kardashian dabei zusehen, wie sie sich nicht die Haare färbt und ihr echtes graues Haar präsentiert.
Die Entscheidung, mit seinem grauen, ungefärbten Haar zu leben, hat nichts mit einem Trend zu tun. Man tut das nicht, weil irgendeine Zeitschrift einem sagt, das sei in dieser Saison angesagt. 

Wie fühlt es sich an, so viel Aufmerksamkeit für das Thema generiert zu haben?

Ich habe kein graues Haar erfunden, ich habe nur ein paar Fragen dazu gestellt. Die große Aufmerksamkeit erstaunt mich. Tausende Frauen unterstützen sich gegenseitig, als ob sie Schwestern wären. Das schenkt unglaubliche Kraft – so sieht eine Welt aus, in der ich leben möchte.

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