Bild: Nike Laurenz
In diesen Tagen fühlt sich Berlin etwas seltsam an.

In der Blase der Berliner Fashion Week funktioniert die Welt anders. Drinnen, im Zelt an der Straße des 17. Juni, hat alles mehr Charme als draußen: Es ist schön warm, überall Scheinwerfer, weiche Teppiche, Designer-Sofas, Mineralwasser und frische Brezeln gibt es umsonst.

Entlang der Zeltwände stehen Tische, an denen können sich die Gäste – Blogger, Prominente und eben Journalisten, die nur mit exklusiver Einladung hinein dürfen – die Fingernägel lackieren lassen. Es gibt eine Schampus-Bar, einen Selfie-Automaten und einen Frisör, der Haarspray verschenkt.

Als normaler Mensch, ohne viel Ahnung von Laufstegmode und Fashion-Tamtam, kommt man sich auf dem Weg durch dieses 120 Meter lange Zelt anders vor als die anderen. Denn hier herrschen besondere Regeln.

(Bild: Nike Laurenz)
1. Wer zum Publikum gehört, muss den Gesetzen einer strengen Hierarchie folgen.

Man sollte sich besser daran gewöhnen: Im Zuschauerbereich trennen die Designer die Spreu vom Weizen, besondere Menschen dürfen vorn sitzen, weniger besondere dahinter.

Es gibt es Platzkarten: "Reserviert", "Free Seating", "Standing". Reserviert ist für die ganz Tollen, erste und zweite Reihe, für Promis oder solche, die denken, Promis zu sein. Sila Sahin darf dort Platz nehmen, ehemalige GZSZ-Schauspielerin. Udo Walz auch, Haarschneider der Superreichen. Und Massimo Sinató, Tänzer, er auch.

Free Seating ist dann für alle, die weniger bekannt, aber trotzdem irgendwie wichtig sind: Angehörige, Boutique-Besitzer, Blogger. Naja – und Standing erklärt sich von selbst.

2. Hektik ist très chic.

"Absolut gerade überhaupt gar keine Zeit" zu haben, das scheint das neue Schwarz zu sein, voll im Trend. Seltsamerweise scheinen viele zu denken, dass es ziemlich schön aussieht, sich rar zu machen. Zu behaupten, man sei im Moment sehr beschäftigt. Sich ständig von anderen unterbrechen zu lassen, keinen Satz so richtig zu Ende zu sprechen.

Manche der Besucher sind so, manche Designer auch. Der Make-Up Experte Boris Entrup dreht sich immer wieder abrupt weg, um irgendwen nett zu grüßen, um ihm einen Kuss auf die Wange zu drücken. Die Designerin mit Künstlernamen Ruda Puda nimmt mitten im Gespräch ein Telefonat an. Und Schauspielerin Heike Makatsch, seit Jahren Werbegesicht für den Kosmetikriesen Loréal und vollständig eingekleidet in Designer-Ware, hört sich zunächst alle Interviewfragen an und winkt dann mit schnellen Handbewegungen ab – mit der Begründung, sie habe leider nicht so viel Ahnung von Mode.

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3. Manchmal geht es zu wie auf dem Schulhof. Grundschule.

Dazu zwei Szenen, die sich im Zelt der Fashion Week abspielten.

Ort des Geschehens: roter Teppich, nahe Haupteingang.
Frau: Siehst du die, da ist diese eine, diese Hässliche.
Ihr Partner: Ja, kenne ich.
Frau: Guck dir doch mal an, wie die auf cool macht.
Ihr Partner: Du bist doch viel cooler.
Frau: Weiß ich, aber die kotzt mich trotzdem an.
Ihr Partner: Wieso?
Frau: Weiß ich nicht, aber irgendwas ist da halt.

Ort des Geschehens: Lounge.
Frau: Wenn wir rennen, schaffen wir es noch pünktlich zu Guido Maria Kretschmer.
Ihre Freundin: Du meintest doch, dass du seine Klamotten nicht so toll findest.
Frau: Ich will aber die Goodybag.
Ihre Freundin: Beim Free Seating gibt es aber doch gar keine.
Frau (etwas genervt): Na und? Dann nehme ich mir halt einfach eine. Von einem anderen Platz.

4. Alles durcheinander kombinieren geht voll klar.

Auf dem Laufsteg läuft Rot, Orange, Tüll – und da ist Kunstfell. Hier ist so viel Mix, dass der Mix schon Masche ist. Mode bedeutet offenbar, alles zu kombinieren, was der Körper tragen kann. Es gibt keine Vorgaben, da laufen Frauen mit karierten Strümpfen in geblümten hohen Hacken, man sieht eine matte Clutch zum Glitzer-Dress.

Ist das Einfallsreichtum? Oder das Gegenteil? Wissen die einfach nicht mehr, was sie noch Neues kreieren können aus Stoffen und Farben? Und warum überlegen sehr viele Frauen – und Männer – auf der Welt jeden Morgen, was sie anziehen sollen, wenn sich doch nichts beißt, und alles erlaubt ist? Fest steht: Je komischer die Kombi, desto lauter der Applaus.

(Bild: Nike Laurenz)
5. Das Wetter ist wurst.

Minus neun Grad. Die Temperatur für lange Unterhosen, Wollpullover, Wintermäntel. Die Besucher der Veranstaltung tragen: Minirock, hautfarbene Strumpfhose, kurze Söckchen, dünne Söckchen, Lederjäckchen. In Berlin schneit es, die Straßen sind matschig, um Gullideckel sammelt sich Streusalz-Schlamm. Die Fashionistas hingegen lassen sich nichts diktieren, was war nochmal Wetter?

Getragen wird Hochsommer, auf den Gästetoiletten reicht man sich gegenseitig Taschentücher für die laufenden Nasen.

(Bild: Nike Laurenz)
6. Schuhgrößen sind wurst.

35 Meter Laufsteg, das sind ungefähr 35 Schritte in die eine Richtung, eine Drehung, dann 35 Schritte in die andere Richtung. Der Weg gestaltet sich mal entspannt – in den Gummistiefeln, die Lena Hoscheks Models tragen dürfen. Oder er ist kompliziert – in den Stöckelschühchen, aus denen die Zehen von Anja Gockels Models regelrecht herausplatzen.

Unbequem sieht das aus, als wollte jeder Zentimeter Fuß raus aus dem viel zu kleinen Schuh. Und hinter dem Laufsteg, im Umkleidezimmer: Dort denkt offenbar niemand der Designer und Helfer daran, wie bescheuert das aussieht. Sie lassen sie laufen, die Frauen mit dem fast explodierenden Schuhwerk.

(Bild: Nike Laurenz)
7. Da sind keine echten Promis.

Es gibt Mailand und Paris, da lassen sich Karl Lagerfeld, Madonna und Anna Wintour blicken. Und es gibt Berlin. Dort lassen sich blicken:

  • Ulrike Frank
  • Bill Kaulitz
  • Natascha Ochsenknecht
  • Natascha Ochsenknechts Tochter
  • Natascha Ochsenknechts Lebensabschnittsgefährten
  • Janina Uhse
  • Frauke Ludowig
  • Bonnie Strange
  • Nova Meierhenrich
8. Die Fotografen prügeln sich trotzdem.

Schreien, zetern, schubsen, treten: Die Männer, die Rebecca Mir, Dagi Bee und Mirja du Mont auf dem roten Teppich fotografieren möchten, schlagen sich um das beste Bild.

Sie beschimpfen sich ("Ich hab dir doch gesagt, dass sie dieses Mal zuerst zu mir gucken soll, du Arschloch") – und sie degradieren sich ("Mein Medium ist wichtiger als deins, oder?").

(Bild: Nike Laurenz)
9. Es gibt auch Kunst.

Interessant wird das Event erst, wenn man das große Zelt am Brandenburger Tor verlässt und die kleineren Hotspots der Fashion Week aufsucht: Im me Collectors Room zeigt das Label Lala Berlin in gemütlicher Atmosphäre, was Mode auch sein kann – ein Gefühl vielleicht, eine Möglichkeit, die eigene Haltung auszudrücken.

Lala verzichtet auf Models, bucht stattdessen den begnadeten Sänger Jesper Munk. Während er an der Gitarre zupft, ist es stockdunkel im Raum. Es gibt keine Sitzhierarchie, stattdessen steht jeder dort, wo er eben möchte. Über Beamer flackern die Szenen einer langen Nacht über die Wände.

Wie Lalas Mode aussieht, weiß anschließend keiner. Der Name der Marke bleibt trotzdem hängen. Weil man sie ab jetzt mit einem wunderbaren Abend voller Musik, ästhetischem Filmmaterial und Falafel-Buffet verbindet. Auch eine erfolgreiche Marketing-Strategie.

(Bild: Nike Laurenz)
10. Zu Hause wartet vertraute Normalität.

Die Abreise kommt plötzlich. Vorbei Berlin, vorbei Glitzer, tschüss lautes Geschnatter über neue Schnitte und alte Muster.

Nach dem Rummel wartet die Höhle, die sich zu Hause nennt. In der kann man sich nach zwei Tagen Fashion-Power alle Zeit der Welt nehmen, um sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen: ungeschminkt in den nächsten Supermarkt rennen, Limo statt Schampus schlürfen, Nachrichten gucken und an frisch bedruckten Buchseiten riechen.

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