Warum tragen gerade alle ihr Handy als Tasche?

Das Handy ist unser Wecker, unsere Landkarte, unsere Bank, unser Fahrkartenautomat. Was es bislang nicht war: ein Modeaccessoire. Bis jetzt. Bis die Berlinerin Yara Jentzsch Dib, 31, das iPhone in eine Plastikhülle steckte, es an Kordeln befestigte – und so zum Brustbeutel oder zur Umhängetasche umfunktionierte. Sie kann sich vor Bestellungen kaum retten. 

Vielleicht hast du es schon mal gesehen: 

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Viel ist nicht dran an dem neuen Accessoire: eine puristische Plastikhülle, nur die Kordeln gibt es in unterschiedlichen Farben. 

Klar, praktisch ist das Ding: nie wieder Spider-App, kein langes Kramen oder Diebstahl aus der Po-Tasche mehr. 

Vielen geht es aber um mehr: ums gute Aussehen. Mit den nerdigen Handy-Taschen am Gürtel, die Anfang der 2000er noch von übervorsichtigen Vätern, Bahnpersonal oder Polizisten getragen wurde, will die Handyhülle an der Kordel nichts zu tun haben. Es könnte funktionieren: Fashion-Victims haben beim Plastikhängerchen längst zugeschlagen. Influencer halten sie in die Kamera. Sieht ganz so aus, als ob es das It-Piece des Sommers 2018 wird. 

Verantwortlich für den Trend ist die zweifache Mama Yara:

Sie arbeitete zuvor bei einer Filmproduktion, erst ihr Alltag als junge Mutter brachte sie auf die Idee.

So begann das Ganze:

Vor fast drei Jahren kam Yaras erster Sohn auf die Welt. Zur Geburt verzierte sie sein Bett mit Makramee-Seilen – einer aus dem Orient kommenden Knüpftechnik. Sie verkaufte sie über eine eigene Webseite. Zu der Zeit ließ Yara ständig ihr Handy liegen – "auf dem Spielplatz, im Café, bei der Oma. Ich sage immer, ich hatte eine Stilldemenz", sagt sie.

Also band die junge Mama eine Kordel und befestigte sie an ihrer Handyhülle. Das Smartphone konnte nicht mehr verloren gehen. "Ich trug die Kette auf dem Spielplatz und wurde häufig angesprochen. Ich dachte, es sei vielleicht wegen meines Kindes – aber alle wollten nur etwas zur Kette wissen."

Auch ihre Freunde waren begeistert, also stattete sie auch diese damit aus. Während das Baby nachts schlief, knüpfte Yara die Kordeln, morgens ging sie zur Post und verschickte ihre Werke. Auf der Webseite verkaufte sie da längst keine Makramee-Produkte mehr, sondern nur noch iPhone-Cases mit Band. Ihr Küchentisch reichte irgendwann nicht mehr aus, das Wohnzimmer wurde zur Produktionsstätte. "XouXou Berlin" taufte sie das Label, benannt nach dem brasilianischen Kosenamen für ihren Sohn. 

Irgendwann wurde es Yara zu viel. 

"Es gab diesen Moment, da habe ich zu meinem Freund gesagt: Ich höre auf, ich habe gar keine Zeit mehr für mein Kind", sagt sie. Aber ihr Partner ermutigte sie weiterzumachen und versprach zu helfen. Zusammen tüftelten sie an stabileren Hüllen und überlegten, wie sie das Verpackungsmaterial reduzieren könnten. Er ist selbstständig und arbeitet mittlerweile fast ausschließlich für Yara.

Mittlerweile haben die beiden die Produktion aber ausgelagert – in eine Behindertenwerkstatt. Auch Studenten helfen den beiden. 

"Rund 30 Leute sind täglich mit der Produktion beschäftigt", sagt Yara. Freundinnen und Freunde fotografieren die Ware oder tragen sie als Models, um den "Virus weiterzuverbreiten", sagt sie. "Wenn Freunde von mir in die USA oder Kanada reisen, habe ich plötzlich auch von dort aus Bestellungen." 

Ein besonderer Moment: Als Yara plötzlich eine völlig fremde Mutter auf dem Spielplatz mit ihrem Accessoire sah.

Mittlerweile tauchen auch immer mehr andere Modelle auf. 

Im Berliner Atelier von Lapàporter zum Beispiel. 30 bis 50 Stück verkauft der Laden jede Woche. Eigentlich gibt es hier auch Leder-Handtaschen, Leder-Schlüsselanhänger, Leder-Portemonnaies – aber die Handyhüllen an Leder-Kordel oder Segelleinen sind gerade am gefragtesten. Entwickelt wurden sie mit dem Berliner Label Mijune.

Eine Verkäuferin sagt zu bento: "Viele kommen, weil sie es bei Freunden oder Freundinnen gesehen haben. Es geht weniger um den praktischen Nutzen, es ist viel mehr ein Fashion-Accessoire."

Auch bei Etsy gibt es schon selbstgemachte Angebote. Preis: 20 bis 30 Euro, ähnlich wie das Original. Und auch bei Amazon ist die Auswahl groß. 

Aber nicht alle sind von dem Trend begeistert. Einige Instagram-Nutzerinnen beschweren sich. Bislang passen bei XouXou nur iPhones in die Hülle. Eine Version für Google-Handys sei aber geplant, sagt Yara. Andere Nutzer glauben nicht dran, dass die Hülle zum Trend wird, wieder andere schwärmen: Man brauche so eine Halterung noch für wesentlich mehr Dinge. 

Aber braucht es so eine Hülle wirklich? Unterstützt sie unsere Handysucht nicht nur noch?

Durchschnittlich sind wir jeden Tag fast zweieinhalb Stunden im Netz. 2015 lag die Unterwegsnutzung des Internets noch bei 18 Prozent, 2017 schon bei 30 (ARD/ZDF-Online-Studie). Wir checken die Nachrichten noch vor dem Aufstehen und der Smartphone-Bildschirm ist oft das Letzte, das wir vor dem Einschlafen sehen. Was früher vielleicht das erste eigene Auto war, ist jetzt ein iPhone X. Und jetzt huldigen wir und tragen es zur Schau, indem wir es wie eine Handtasche präsentieren. 

Genau das Gegenteil sei Yaras Absicht gewesen, sagt sie. Die Hände sollten frei sein: "Für das Kind oder um einfach mal seinem Partner durch die Haare zu streichen." Sie ist dafür, das Handy öfter mal abzulegen und liebt die Momente, wenn man den ganzen Tag nicht auf das Gerät geschaut hat und am Abend plötzlich 100 Nachrichten entdeckt. Das Handy versklave uns sowieso schon genug. 

Ich wollte nicht mehr am Handy hängen, es sollte an mir hängen.

Yaras Erfindung will für mehr stehen. Für Pragmatismus, Bequemlichkeit und Freiheit. Auch wenn sich im Praxistest zeigt: Neben der Umhängetasche für Portemonnaie und Schlüssel kann ein weiterer Henkel um den Hals auch ganz schön nerven.


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13 Tweets, die den Trash-Faktor im "Sommerhaus der Stars" perfekt zusammenfassen
"Ist das unangenehm."

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