Da ist sie wieder: die braune Flasche, befüllt mit Premium-Flüssigseife. Ich stehe auf der Toilette eines angesagten Brillenladens, und schon wieder steht er dort, der dunkle Pumpspender.

Er ist derzeit in vielen Badezimmern zu finden, in denen sich Menschen unter 35 aufhalten. In Bars, bei Großstadtdermatologen, auf Partys in Neukölln oder Eimsbüttel, und natürlich auch in den Waschräumen des Berliner Soho House, der Eventschuppen für Instagramsüchtige in Ganni- oder Closed-Klamotten.

Und nun hat sie auch noch jemand auf dem Klo von "Ace & Tate" platziert, dem Optiker der Influencer: eine Braunflaschen-Seife.

Wer also was auf sich hält, der wäscht sich mit einer solchen Seife die Hände. Dann riecht es im ganzen Raum aufdringlich nach Erkältungssalbe – krautig, holzig, gesund. "Die würde ich am liebsten klauen, so schön ist die", sagt eine Freundin in besagtem Toilettenraum, als sie sich die Finger trocknet.

Seit wann ist es so wichtig, eine solche Seife zu besitzen?

Pionierarbeit im braunen Pumpspendergeschäft leistete Aesop, die Kosmetik-Firma des australischen Friseurs Dennis Paphitis. Für 500 Milliliter "Resurrection Aromatique Hand Wash" verlangt Aesop quälende 31 Euro. 

Und offenbar gibt es viele Menschen, die bezahlen. 

Aesop expandiert, seit der Gründung des Labels vor 30 Jahren gibt es mittlerweile mehr als 100 Läden weltweit, allein drei davon in Berlin. 

Was die Marke erfolgreich machte, machen andere nun nach: Vergleichbare Hersteller wie Rituals oder Meraki bieten ihre Seifen und Düfte ebenfalls in braunen Flaschen zum Draufdrücken an – und seit einigen Wochen ist dieses Produktdesign auch in den Mainstream-Drogerien angekommen.

Von Loréal bis zu den Hausmarken von dm und Rossmann: Sie haben wohlklingende Namen wie "Botanicals" und "Rhubarb+Raspberry" und haben die rosa- und pfirsichfarbenen Bottiche in den Regalen bald verdrängt. 

Schlichte Farben, scheinbar nachhaltig – fehlen nur noch teure Pumpflaschen(Bild: Unsplash)

Die Marke Aesop habe es geschafft, Handreinigung zum Statussymbol zu erklären, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Das habe die Beauty-Branche verändert. 

Der Stil, den jetzt viele kopieren, ist minimalistisch. Von außen schlicht, sind die Artikel meist nur mit einer Auflistung der Inhaltsstoffe bedruckt. Der Geruch setzt sich deutlich von Vanilla Flavour und Ananas-Aroma ab – was aus den Braunflaschen kommt, duftet nach Heilung und Inspiration.

Auf den Ablagen privater Badezimmer fallen diese Behältnisse auf: Zwischen bunten Cremetiegeln oder zugetexteten Shampoo-Flaschen sind sie der cleane Außenseiter in zurückhaltend-nostalgischer Verpackung. Erster Eindruck: hochwertige Exportware einer historischen Apotheke. Individuell angerührt, gibt es nur auf Rezept.

Doch was aussieht und riecht wie die flaschengewordene Nachhaltigkeit, ist es in Wahrheit nicht. 
  • Biologisch oder natürlich, das seien Begriffe, die das Unternehmen nur zurückhaltend verwende, schreibt Aesop auf seiner Seite. "Da manche unserer Rezepte Inhaltsstoffe enthalten, die im Labor hergestellt wurden, wäre es zynisch und irreführend, unsere Produkte mit diesen Begriffen zu charakterisieren."
  • Das skandinavische Braunflaschen-Label Meraki formuliert versteckter, dass das Verpackungsdesign leider trügt: "Wir bevorzugen – wenn möglich – die Verwendung von natürlichen Duftstoffen, ätherischen Ölen und Vitaminen". Nicht immer also – nur, wenn es denn gerade möglich ist. 
Schön, also noch ein Bereich, in dem es Unterschiede gibt, wie cool und hip man ist. Beim Seifenkauf.

Plötzlich ist es anscheinend nicht mehr akzeptabel, sich seine Pfirsich-Flüssigseife für 89 Cent bei Lidl zu holen, sondern schick, mehr als das Dreißigfache dafür auszugeben. Immerhin: Wer ordentlich zahlt, bekommt auch ein besonderes Einkaufserlebnis

Besuch bei Aesop in Hamburg. 

Der Store sieht aus wie das Ollivanders der Zukunft; hier gibt es allerdings keine Zauberstäbe für angehende Harry Potters, sondern eben Pumpspender für Hipster.

Hohe Regale, Tritthocker, schummrige Beleuchtung. In dem kleinen Raum befinden sich mehr Mitarbeiter als Kunden. Sie starren die Eintretenden eindringlich an, was für Menschen, die nicht gern mit Fremden sprechen, zu Fluchtreflexen führen kann.

Eine Frau in Schwarz tritt näher und stellt ohne Vorwarnung eine Frage: "Wie fühlen sich Ihre Hände beim Waschen an?"

Ich komme mir vor wie beim Arzt und muss erst mal überlegen. Fehlt mir was, von dem ich bisher gar nicht wusste? 

„Wie fühlen sich Ihre Hände beim Waschen an?“
Mitarbeiterin von Aesop

"Ihre Hände sind sehr rau", sagt die Frau. Und jetzt wird es ernst: "Liegt das in der Familie?"

Während wir unsere Handrücken in einem schwarzen Becken reinigen, füllt sich der Laden. Mütter mit Kanken-Rucksäcken und frischen Tulpen kommen rein. Dahinter ein Mann mit verwuschelten Haaren, aber akkurat sitzendem Anzug. Und eine Frau mit Chanel-Brille und Jutebeutel. So sehen sie also aus, die Pumpspenderkäufer.

Bad im Behandlungszimmerlook: alles weiß, brauner Spender(Bild: Unsplash)

Ich stutze. Vor ein paar Jahren war Seife ein Produkt, das man allenfalls der Großtante unter die Tanne legte. Heute ist Händewaschen bei denen Hype, die 40 Jahre jünger sind – nur das Design erinnert an früher.

Doch es kommt nicht überraschend: Sicherlich, im Altbaubadezimmer mit Industrie-Lampen, freistehender Wanne, Badetüchern in Uni-Farben, fehlte noch eine Seife im Medikamentenlook. Das komplettiert den Stil mit der Botschaft, mit dem Nötigsten, Überlebenswichtigem, auskommen zu können.

Wer so lebt, der grenzt sich ab von Verkehrschaos, Timeline-Reizüberflutung und vom Stress mit dem Chef. Das, was die Apothekenflaschenmacher sich teuer bezahlen lassen, ist eben auch eine Form von Eskapismus: spärliches Licht, ein vermeintlich ehrliches Gespräch – und den Alltag dabei schön im Siphon versenken. 


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