Bild: IMP Features/Michal Huniewicz

Aya krallt sich an die Stange und spürt: Selbstbewusstsein. Die junge Muslima übt sich seit einigen Wochen in Pole Dancing, aber eigentlich geht es um mehr als nur Sport. 

"Wenn ich mich früher durch die Straßen von Kairo bewegt habe, habe ich versucht, unsichtbar zu sein", sagt sie. In der Öffentlichkeit habe es keinen Raum für Weiblichkeit gegeben. Nun, seit sie Pole Dancing mache, sei das anders: "Ich kann mich jetzt endlich als Frau fühlen – und traue mich auch, es zu zeigen." 

Aya beim Training(Bild: IMP Features/Michal Huniewicz)

Aya ist eine von mehreren Kursteilnehmern von "F Square", einem Fitnessstudio in der ägyptischen Hauptstadt Kairo, das Pole-Dancing-Kurse für Frauen anbietet. Beim Pole Dancing lernen die Frauen an der Stange zu tanzen, es geht um Fitness, Körperspannung, Aerobik. 

Aber natürlich ist es mehr als das – vor allem geht es um Selbstbestimmung in einem Land, in dem viele Frauen noch immer unterdrückt werden. 

Pole Dancing ist in Ägypten in ein relativ junger Trend. Kurz nach der Revolution 2011 eröffneten die ersten Studios. Manche mussten wieder schließen, andere buhlen in Kairos Oberschichtviertel um Kundschaft. "F Square" ist gleich mit zwei Standorten vertreten; auf der Nilinsel Zamalek, die eine Art Enklave der Schönen und Reichen mitten in der schmutzigen Millionenstadt ist, und im Neubauviertel Sheik Zayed.

Gegründet wurde das Studio von Lamia. Die 33-Jährige wollte einen Ort für alle Frauen schaffen, "unabhängig von ihrem Alter, Gewicht oder Status". 

So sehen die Kurse bei "F Square" aus:
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Pole Dancing gibt es vor allem in Kairo, dem Moloch, der fast alle Ägypter des Landes anzieht. Und selbst dort ist es keine Selbstverständlichkeit, unter vielen Ägyptern ist der Stangentanz noch immer verpönt. Wie auch mittlerweile der traditionelle Bauchtanz gilt Pole Dancing als anrüchig. Die Werbung für "F Square" schaltet Lamia daher nur online, auf der Straße vor den Studios verraten keine Schilder, das sich hier ein Pole-Dance-Raum verbirgt.

Frauenrechte spielen in Ägypten keine große Rolle, was durchaus staatlich gewollt ist: Die Unterdrückung der Frau gilt als Zeichen politischer Macht.

Das sagt unter anderem die Sexualbiologin Shereen El Feki: "Herrscher wissen, dass Sex ein Instrument für Macht ist und versuchen daher, das Sexualverhalten ihrer Gesellschaften zu kontrollieren." Nach einer Uno-Untersuchung geben 99,3 Prozent aller Ägypterinnen an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein. (Egyptian Streets)

Während des Arabischen Frühlings kam es daher auf dem Tahrir-Platz im Herzen von Kairo auch mehrfach zu sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen von Demonstrantinnen. Und auch in den Jahren danach standen der Platz und seine Nebenstraßen immer wieder in den Schlagzeilen. 

Der heutige Präsident Abdel Fatah al-Sisi – damals noch als Armeegeneral – hatte seine Soldaten zu "Jungfrauentests" angehalten. Mit dem Griff in den Schritt sollte auf dem Tahrir-Platz das Jungfernhäutchen von Demonstrantinnen kontrolliert werden. Im März will er wiedergewählt werden, viele Gegenkandidaten hat er vorsorglich verhaften lassen (bento). Die einzige weibliche Kandidatin, Mona Prince, wird derzeit von den Staatsmedien denunziert. Weil im Netz ein Video auftauchte, in dem man sie tanzen sieht.

Umso wichtiger sei es, dass Frauen sich selbst Wohlfühlorte erobern können, sagt Lamia: 

Wenn sie anfangen zu trainieren, dann steigern sie dadurch ihr Selbstbewusstsein.

Allerdings gibt es diese Wohlfühlorte nicht für jedermann. Schon die exklusiven Standorte verraten, dass sich das nur Frauen aus der ägyptischen Oberschicht leisten können. Eine einzelne Stunde kostet 150 Ägyptische Pfund, umgerechnet etwa 7 Euro. Eine Zehnerkarte gibt es für 1000 Pfund, 45 Euro.

Das Problem: Viele Ägypter verdienen nur zwischen 1000 und 1500 Pfund im Monat. Davon müssen sie ihre Miete, Benzin und Essen bezahlen (Al-Sharq). Seit Ägypten in einer schweren Wirtschaftskrise steckt, steigen die Lebensmittelpreise – und etwas wie Pole Dancing wird da zum Luxusgut.

Bild: IMP Features/Michal Huniewicz
Weiße Anführungszeichen
Frauen ein bisschen dabei helfen, noch mehr an sich selbst zu glauben.
Trainerin Olivia
Wie viel sich in Ägypten in Sachen Pole Dancing noch entwickeln muss, zeigt sich auch am Beispiel der Trainerin von "F Square". 

Die Kurse hat im vergangenen Jahr Olivia gegeben, eine 33-jährige Mexikanerin. Lamia hat sie über ihre Social-Media-Profile gefunden und eingeladen. 

"In Mexiko wissen wir nur sehr wenig über Ägypten", sagt Olivia heute, "nur, dass es politische Konflikte gibt und immer wieder Anschläge". Trotzdem sei sie der Einladung gefolgt – und positiv überrascht worden. Viele Frauen seien ihr sehr dankbar für die Kurse gewesen, die Menschen im Land seien ihr offenherzig begegnet.

Vor allem die Frauen in ihren Kursen hätten Olivia gezeigt, dass sich viele längst ihre eigenen Freiräume schaffen. "Etwas mehr als die Hälfte trug sowieso kein Kopftuch", sagt Olivia, "die anderen haben es spätestens im Studio abgenommen." Viele seien Freundinnen geworden und hätten sie auf Events mitgenommen, auf Pyjama Partys und ins Kino, in Nachtclubs und auf Hauspartys. 

Es war ein Einblick in das Leben von jungen Ägypterinnen, die sich ihren Platz in einer restriktiven Gesellschaft erobern. "Und es hat mich froh gemacht, ihnen ein bisschen dabei zu helfen, noch mehr an sich selbst zu glauben", sagt Olivia.

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