Diese ganz besondere Zeit!

An den Kleiderstangen glitzert und funkelt es. Von der Decke hängen rosarote Stoffbänder, aus Lautsprechern dringt Popmusik. Ein Laden für Abendmode im Hamburger Schanzenviertel. Voll mit Kleidern. Rosa, hellblau, knallrot. 

Mittendrin steht Lea, 18. Sie ist mit ihrer Mutter Simone hier. Die beiden suchen ein Kleid für Leas Abiball.

Er ist das Highlight ihrer Schullaufbahn. Ihr Jahrgang hat für den Ball eine Eventlocation angemietet, eine Halle im Hamburger Hafen. Es wird eine Bühne geben, ein Buffet, danach Aftershow-Party. Für diesen Abend brauchen Lea und ihre Mitschülerinnen: das perfekte Kleid.

"Heute ist einer der ruhigeren Tage", sagt Doreen Glowania. Sie hat den Laden für Abendmode vor knapp anderthalb Jahren eröffnet. "Das Geschäft mit Kleidern für die Abibälle geht kurz nach Weihnachten los." 

Im Januar haben wir hier ganze Busladungen mit jungen Frauen.
Doreen Glowania

Im vergangenen Jahr haben rund 440.000 Schülerinnen und Schüler Abi gemacht (Statistisches Bundesamt), dieses Jahr werden es ungefähr wieder so viele sein. Und fast alle von ihnen werden diesen Abschluss feiern. Inspiriert von amerikanischen Spielfilmen, Bildern und Videos vorheriger Abschlussbälle im Internet.

Auf den Veranstaltungen selbst sieht man dann Eltern staunen. Pompös sei das Ganze geworden, sagen sie, und stellen Elternfragen: Werden solche Partys immer aufwendiger? Müssen es denn solch teure Kleider sein? Reicht nicht auch die Aula? Wir haben unseren Abschluss nicht zwischen Drei-Gänge-Menü, professionellem DJ, Tüllkleidern und Strobolichtern gefeiert!

Es kann nicht krass genug sein heute – und Doreen Glowania aus dem Hambuger Schanzenviertel lebt von den Frauen, die für diesen Anlass das passende Outfit suchen. Wie sieht ein typischer Nachmittag mitten in der Saison aus?

In ihrem Laden wird Glowania täglich Zeugin von Gesprächen über die perfekte Farbe (Champagner? Eierschale? Hellgrün?), den angemessenen Preis (nach oben sind natürlich keine Grenzen), die kleinen Zankereien unter Familienmitgliedern. 

Ballkleider in Hamburg: Nach oben keine Grenzen(Bild: bento / Leonie Hallet)

In der Regel bleiben die Kundinnen eine Stunde im Geschäft, probieren vier bis fünf Kleider an. Manche sind aber auch fünf Stunden da. Und kaufen dann ein Kleid, von dem sie zu Beginn nie gedacht hätten, dass es ihnen gefällt, sagt Glowania.

"Viele Frauen sehen ein Kleid im Internet, wollen hier ein ähnliches Modell kaufen und merken dann beim Anprobieren, dass ihnen Farbe oder Schnitt gar nicht stehen", sagt die Inhaberin. Doch die Auswahl sei so groß, dass bisher fast jede glücklich geworden sei.

Glowania wird von vier Kolleginnen unterstützt. Geduldig warten sie vor dem Vorhang, ziehen Reißverschlüsse zu und beraten bei Schnitt und Farbe.

Vor den Umkleiden hat sich eine kleine Schlange gebildet. Lea schiebt den Vorhang beiseite, tritt zögernd vor den großen Spiegel. Sie trägt ein dunkelblaues Kleid, hat sich die Haare zusammengebunden. Die Frauen in der Schlange beobachten sie.

Lea im Kleid: Ende einer besonderen Zeit(Bild: bento / Leonie Hallet)

Wenn Frauen hier ankommen, haben die meisten von ihnen die Pubertät hinter sich – die Zeit, in der man sich selbst so oft anschaute und sich beim Verändern zusah. Die Zeit, in der man seinen Körper das erste Mal berührte und berühren ließ, die Zeit, in der man häufig mit irgendwem Stress hatte. Vor allem mit sich.

All das liegt hinter Lea, die jetzt etwas sucht, worin sie das feiern kann. Sie kommt ein bisschen schüchtern rüber, trägt eigentlich auch gar keine Kleider. Aber am Ende der besagten, so besonderen Zeit, kann man sich noch einmal trauen – im Leben nach der Schule wird sie das wahrscheinlich ohnehin noch oft genug müssen.

"Ich hab keine genauen Vorstellungen, wonach ich suche", sagt sie. Verschwindet in der Umkleide. Kommt wieder raus.

"Tolle Figur, so von der Seite", sagt Mutter Simone. "Aber da vorn, im Dekolleté, da knickt es so ein." Lea schaut sich an. Dann entscheidet sie sich dagegen. 

"Soll ich nochmal das rote holen?", fragt die Verkäuferin. "Das mit dem Glitzer an den Trägern?" Lea nickt. Die Mutter atmet tief durch. 

Auswahl im Geschäft: "Tolle Figur, so von der Seite"(Bild: bento / Leonie Hallet)

Viele Frauen kämen zuerst mit ihrer Freundin, um sich in Ruhe umzusehen und anzuprobieren, sagt Inhaberin Glowania. "Dann kommen sie mit den Eltern wieder, damit die das Kleid bezahlen." 

Kompliziert werde es, wenn Mütter mitkämen, die unbedingt mitentscheiden wollten, was ihrer Tochter stehe. Modische Fehltritte, zu enge oder zu knappe Kleider – das versuche sie, durch Beratung zu vermeiden. Sie merke schnell, ob eine Kundin sich wirklich wohl fühle. "Bevor sie irgendein Kleid kauft, das ihrer Mutter besser gefällt als ihr, schicke ich sie lieber ohne Kleid wieder nach Hause."

Die 18-jährige Josephine hat eine Freundin mitgebracht. Die Abiturientinnen haben anderthalb Stunden Zugfahrt hinter sich.

Josephines Freundin Marie hält ein lachsfarbenes Kleid hoch, damit ihre Freundin es von allen Seiten betrachten kann. Ihr Abiball sei schon nächstes Wochenende, sagt Josephine. Daher habe sie Zeitdruck.

Ich habe Angst, dass ein anderes Mädchen das gleiche Kleid trägt. Das wäre richtig schrecklich.
Kundin Josephine

Diese Sorge kennt man hier im Laden. Auf ihrer Website empfehlen sie den Abiturientinnen daher: "Gründet in Eurem Jahrgang rechtzeitig eine Whatsapp-Abiballkleid-Gruppe und tauscht Euch über Eure Ideen und Käufe aus."

Eine Zeit lang haben sie sogar eine Liste geführt, erzählt Glowania. Kaufte eine Frau ein Kleid für ihren Abiball, trug sie den Namen ihrer Schule und Modell und Farbe des Kleides ein.

"Leider mussten wir nach einiger Zeit feststellen, dass viele Mädchen lieber eine Schule aus einem anderen Bundesland nannten oder sogar eine Schule erfanden, aus Angst, ihr Traumkleid nicht kaufen zu dürfen", sagt Glowania. Die Liste habe sie daraufhin wieder abgeschafft.

Josephine mit Freundin: "Angst, dass ein anderes Mädchen das Gleiche trägt"(Bild: bento / Leonie Hallet)

Josephine hat das lachsfarbene Kleid angezogen. 200 Euro soll das kosten. Zahlen werden es ihre Eltern, als Geschenk zum Abitur. 200 Euro seien eigentlich auch die Schmerzgrenze, sagt Josephine. 

Meine Mutter hat mir zur Sicherheit trotzdem ihre Karte mitgegeben. Falls es doch teurer wird.
Abiturientin Josephine

Auch Lea und ihre Mutter haben sich auf eine Obergrenze von 200 Euro geeinigt. Lea steckt mittlerweile im siebten Kleid. Mittlerweile sei sie froh, wenn sich ihre Tochter überhaupt für ein Kleid entscheide, sagt die Mutter. "Und wenn es dann 300 kostet." 

Lea hat schon einen Termin beim Friseur, der ihr am Vormittag vor der großen Party die Haare machen wird. Schminken will sie sich selbst, aber ihre Mutter würde auch ein professionelles Abend-Make-up springen lassen. "Da hat sie länger was von. Und ich zahle das gerne. Man macht ja nur einmal im Leben Abitur."

Lea in ihrem Kleid: "Und wenn es 300 kostet"(Bild: bento / Leonie Hallet)

Josephine hat ihr Kleid, auch Lea ist sich endlich sicher. Das achte war der Treffer: grau, bodenlang. Mutter Simone zahlt, 198 Euro, den Preis muss man eventuell sacken lassen.

Vor dem Laden zünden sich Leas Mutter und Inhaberin Doreen Glowiana Zigaretten an. Lea steht daneben, mit der pinken Tasche und ihrem neuen Kleid darin, sie sieht stolz aus, als könne sie es kaum erwarten. Der große Abend wird kommen.


Style

Firma trollt Melania Trump und ihre Jacke – und sammelt so 50.000 Dollar für Flüchtlinge
"Es ist mir wirklich wichtig, dir nicht?"

Die USA streiten derzeit über den richtigen Umgang mit Flüchtlingen. US-Präsident Donald Trump will ein härteres Vorgehen, Familien werden derzeit von ihren Kindern getrennt, Jugendliche werden in großen Lagerhallen in Metallkäfige gesperrt. (bento)

Am Donnerstag besuchte Trumps Frau Melania ein solches Lager an der mexikanischen Grenze – und seitdem empören sich viele über ihre Outfit-Wahl. Denn die First Lady trug eine Billig-Jacke, auf der stand: "Ist mir echt egal, euch auch?". (bento)