Zeina Nassar ist am Wochenende Deutsche Box-Meisterin 2018 in der Gewichtsklasse 57 Kilogramm geworden. Das hier ist unser Portrait, das wir im März 2017 über sie geschrieben haben. 

Es gibt die, die nach einer Niederlage weitermachen wie bisher. Es gibt die, die doppelt so viel trainieren. Und es gibt Zeina Nassar.

An einem Nachmittag vor vier Jahren saß die damals 14-Jährige in der Ecke des Boxringes, starrte ins Leere und dachte daran, das Boxen aufzugeben. Gleich ihren ersten Kampf hatte sie verloren, der Kampf, den sie überhaupt nur dem monatelangen Einsatz ihrer Trainerin zu verdanken hatte.

Sie hatte beim Deutschen Boxsport-Verband die Änderung der Wettkampfbestimmungen erzwungen, denn Zeina ist Muslimin und trägt im Ring Kopftuch. Etwas bis dahin völlig Neues in Deutschland bei Wettkämpfen.

Doch an diesen Tag vor fünf Jahren interessierte sich niemand für die Siegerin. Alle Fotografen richteten ihre Kamera auf Zeina, das Mädchen mit dem Kopftuch und dem langärmligen Shirt unter dem Trikot. Zuschauer kamen zu ihr und beglückwünschten sie. "Da habe ich gemerkt, es lohnt sich weiter zu kämpfen, nicht nur für den Sieg", so erinnert sie sich heute.

Seit diesem Tag vor fünf Jahren hat Zeina nie wieder ein Duell verloren.

Zeina, 19, große, dunkle Augen, volle Lippen, eine kleine Narbe aus Kindheitstagen am Auge, ist mittlerweile dreimalige Berliner Boxmeisterin und studiert Soziologie. Viele Journalisten wollen sie bei Wettkämpfen begleiten, Verbände mit ihr werben – ihre Geschichte erzählen. Die einer Frau im Ring – und dann auch noch mit Kopftuch.


Von Zeina lernen, heißt, lernen stark zu sein – im Kopf, nicht in den Armen.

In den sozialen Netzwerken bekommt Zeina viel Zuspruch: "Du gehst zielstrebig deinen Weg. Dafür wünsche ich dir Erfolg" oder "Ich bin echt stolz auf dich", schreiben sie unter ihren Bildern. Und dann gibt es da noch jene Posts, die Zeina versucht zu ignorieren: "Vorsicht, sie wäre nicht die erste Muslima, der man wegen der verletzten Ehre in den Kopf schießt oder sie bei lebendigem Leib verbrennt."

1/12

Zeina kann diesen Satz auswendig. Wenn sie ihn ausspricht, verschwindet ihr Lachen – wie sonst nur im Kampf. Ihren Mund versteckt sie hinter ihrer Hand, als nehme sie ihre Deckung nach oben.

"Dass ich im 21. Jahrhundert immer noch gegen die Ausgrenzung von Muslima kämpfen muss – unvorstellbar", sagt sie.

Gegen den Hass hat Zeina ihre eigene Taktik entwickelt. Sie gehe dann zum Training und verausgabe sich so sehr am Boxsack, dass sie danach keine Kraft mehr für schlechte Gedanken habe.

Dass ich im 21. Jahrhundert immer noch gegen die Ausgrenzung von Muslima kämpfen muss – unvorstellbar

Zeina steht fast jeden Tag im Ring und trainiert bei ihrem Team “Seitenwechsel” in einer Jahrzehnte alten Boxhalle in Berlin-Kreuzberg. “Allein der Geruch – herrlich”, sagt Zeina, als sie die Halle betritt, eine Mischung aus Schulhallenduft und Schweiß.

Hier zwischen all den Boxsäcken, Kraftbänken, alten Pokalen und Rocky-Plakaten findet sie zu ihrer Kraft. Keinen Moment steht sie mehr still, binnen Minuten bindet sie sich ihr rotes Tape um die Hand und tänzelt um den Boxsack. Sie will erst einmal locker anfangen, schließlich habe sie sich noch nicht richtig aufgewärmt. Doch schon der dritte Schlag bringt die Ketten, an dem der Sack hängt, zum Wackeln. "Ich kann einfach nicht langsam", sagt Zeina.

(Bild: Zeina Nassar)

Ein Blick in Zeinas Sporttasche verrät, woher sie ihre Zuversicht nimmt. Zwei Mini-Boxhandschuhe mit der Flagge des Libanon liegen darin – dem Land, in dem ihre Eltern geboren wurden und in dem noch die Hälfte ihrer Familie lebt. Das sind ihre Glücksbringer.

Als Zeina bei einer Freundin Videos von boxenden Frauen sah, wollte sie es unbedingt selbst ausprobieren. Ihre Eltern waren schockiert. Frauen schlagen sich nicht, sagten sie, bis zu dem Moment als sie Zeina selbst boxen sahen. "Aber als sie dann mit in der Halle gekommen sind und mein Lächeln sahen, konnten sie nichts mehr dagegen sagen", sagt Zeina. Erst später habe ihre Mutter ihr erzählt, dass Zeinas Vater selbst einmal geboxt hatte.

Was sie erreicht hat, wollen andere auch schaffen, vor allem muslimische Frauen.

Viele fragten Zeina, wie sie es geschafft hat, ihren Vater von ihrer Leidenschaft zu überzeugen. "Ich bin ein Vorbild für andere. Das macht mich so stolz", sagt sie. Ihren Eltern hatte sie immer und immer wieder Box-Präsentationen vorgeführt, erzählt wie fit und gesund der Sport einen mache. Ihr Tipp an andere klingt simpel, aber ist nicht für jede Frau selbstverständlich.

"Ich lebe nach dem Motto, dass ich einfach mache, worauf ich Lust habe. Warum sollten das nur Frauen ohne Kopftuch dürfen?"

Für viele gilt das Kopftuch als ein Zeichen für Unterdrückung, für Zeina bedeutet es Schutz und Geborgenheit. "Gott beschützt mich – immer", sagt Zeina. Es zeigt ihre Verbindung zu Gott. Genauso wie die Gebete. Vor jedem Kampf sitzt sie in der Kabine, schenkt einige Sekunden nur ihr und Gott. Dann flüstert sie still die erste Sure des Korans: "Leite uns den geraden Weg, den Weg derjenigen, denen Du Gunst erwiesen hast, nicht derjenigen, die (Deinen) Zorn erregt haben, und nicht der Irregehenden."

Gott predigt ihr Respekt und Disziplin – eben genau das, worauf es auch beim Boxen ankäme. "Respekt und Disziplin", "Respekt und Disziplin" – immer wieder wiederholt Zeina im Laufe des Gesprächs die Worte – es klingt militärisch.

Für Zeina bedeutet Disziplin täglich einen streng getakteten Terminkalender abzuarbeiten. Wenn sie über ihren Terminkalender am Handy scrollt, erscheint ein Flickenteppich aus bunten Farben. "Ich kann ohne Stress nicht leben" – nicht ohne Boxen, nicht ohne Basketball, nicht ohne Schwimmen und Schauspielerei am renommierten Maxim-Gorki-Theater, nicht ohne ihr Studium, nicht ohne ihr Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes, nicht ohne ihre Freunde, ihre Eltern und Geschwister.

Ist irgendwo in diesem Kalender auch Platz für Stille? Nicht wirklich. In ihrem ruhigsten Moment spielt Zeina Klavier.

(Bild: Katharina Hölter/ bento)

Selbst der Weg zur U-Bahn verwandelt sich für sie in eine Challenge. Zeina nimmt nie nur eine Treppenstufe, "es müssen immer zwei sein". Rolltreppe. Streng verboten.

So als wolle sie anderen zeigen: Ich bin stärker als ihr alle.

Und wenn ihr dann doch mal alles zu viel wird, so wie kürzlich, als sich die Sehnenscheide in ihrem Arm entzündete, dann ruft sie ihre Trainerin Christina Ahrens an. “Sie ist Familie”, sagt Zeina. Und Vorbild. "Als sie hochschwanger war, ist die trotzdem zum Training gekommen. Das find ich super. Als Frau, sich nichts vorschreiben lassen, alles machen, worauf man Bock hat."

Christina wiederum sagt über Zeina fast das Gleiche: "Sie verlangt sich viel ab, erst recht seit sie weiß, dass sie auch ein Vorbild für andere ist." Auch wenn Zeina verletzt sei, käme sie in die Halle. Ohne Boxen ginge es halt nicht.

Zeinas nächster großer Kampf findet nicht im Ring statt. Sie will statt Soziologie und Erziehungswissenschaften jetzt Deutsch und Sport auf Lehramt studieren, nur muss sie dafür in Potsdam eine Aufnahmeprüfung bestehen. Körperlich kein Problem, nur die Regeln sind es wieder einmal. Bislang darf Zeina bei der Schwimmprüfung zwar mit Badekappe, aber nicht mit einem langen Badeanzug antreten. Sie hat schon mit sämtlichen Verantwortlichen gesprochen. Die Entscheidung steht noch aus.

"Andere können sich einfach auf den Sport konzentrieren, ich muss nebenher immer noch für meine Rechte kämpfen. Das ist unfair."

Andere wären vermutlich längst K.o. Zeina macht sich gerade erst warm.

Sport

Serena Williams muss 17.000 Dollar Strafe zahlen, nennt Schiedsrichter Sexisten
3 Fragen, 3 Antworten

Nach ihren Ausrastern im Finale der US Open muss Serena Williams eine Geldstrafe von 17. 000 Dollar zahlen. Das teilte der Veranstalter des Grand-Slam-Tennisturniers in New York am Sonntag mit.