Yoga ist mehr als Entspannung und Fitness.

Schwitzen, sich verknoten; entspannen, die innere Mitte finden. Darum geht es wohl den meisten der 9 Millionen Deutschen, die Umfragen zufolge mindestens ab und zu Yoga zu machen. (Statista)

Dabei ist Yoga viel mehr als die Asanas, also die körperlichen Übungen.

Und wer sich mit der jahrhundertelangen Tradition beschäftigt, kann Yoga, wie wir es kennen, durchaus kritisch hinterfragen.

Das, was wir in Fitnessstudios in Berlin oder Bergisch Gladbach praktizieren, entspricht nur einem Bruchteil der Idee des Yoga. In einer der bekanntesten Schriften des Yoga – Hatha Yoga Pradipika – steht, dass das sportliche Yoga nur als Vorbereitung für das stille Sitzen dient, die Meditation. Denn Yoga ist ein Lebensstil: Dazu gehören Achtsamkeit, Atmung, Ernährung und vieles mehr. 

Das Yoga, das wir heute praktizieren, ist ein Produkt der Kolonialzeit.

Yoga entstand in Indien. Erste Überlieferungen erzählen überwiegend von Meditation und Atemübungen. Später kamen die körperlichen Übungen, Asanas, hinzu. Während der Fremdherrschaft persischer und zentralasiatischer Besetzer und der englischen Kolonialzeit geriet Yoga in Vergessenheit. Erst im 19. Jahrhundert wurde die yogische Praxis wieder populär: Die Briten eigneten sich die Asanas als Fitness-Übungen an. So entwickelte sich ein sehr physisch betontes Verständnis des Yoga, das im 20. Jahrhundert nach Europa kam.

Man könnte Yoga also als eine Art von kultureller Aneignung sehen. Dieser Begriff bezeichnet die "kolonialrassistische Praxis, in der sich die Mehrheitsgesellschaft die Kultur von Subalternen (…), vor allem Kolonialisierten, abschaut, aus dem Kontext reißt und aneignet", schrieb die Journalistin Hengameh Yaghoobifarah in der taz. Das heißt: Menschen übernehmen Mode, Sprache oder Bräuche von ethnischen Gruppen, entreißen sie ihrem Kontext und nutzen sie für ihre Zwecke – und entfremden so ihren Sinn. Eben wie die Briten, die aus einer Lebensphilosophie eine Dehnungsübung machten.

Auch die Nationalsozialisten legten Yoga für sich aus. Heinrich Himmler interpretierte die hinduistische Bibel Bhagavad Gita als "das geheime Wissen der Arier". Es heißt, dass Himmler Yoga machte, um seine Bauchschmerzen zu lindern. Aus einem Text über das Yoga der Erkenntnis soll er außerdem die Notwendigkeit interpretiert haben, mit innerer Gelassenheit zu töten – und so seine Taten zu rechtfertigen. 

Yoga, wie wir es kennen, trägt außerdem sexistische Züge.

Nachdem in den Fünfzigerjahren größtenteils männliche Gurus nach Europa gepilgert waren und Yoga verbreitet hatten, änderte sich seine westliche Interpretation erneut: Yoga wurde nicht nur "verkörperlicht", es wechselte auch das Geschlecht. Um die Jahrtausendwende transformierte sich die Praxis zum Sport der mittelständischen Hausfrauen. Mit der Yoga-Praxis assoziierte man Entspannung, Dehnung, Achtsamkeit – Attribute, die nicht zu einer männlich gelesenen Sportart passten. 

Heute weichen diese Gendergrenzen zwar vielerorts auf – vielleicht, weil das versportlichte Yoga in den aktuellen Fitness- und Achtsamkeits-Trend passt. In Berliner Yoga-Studios praktizieren inzwischen jedenfalls fast genauso viele Männer wie Frauen, auf Tinder-Profilen zeigen sich Männer stolz beim Sonnengruß. 

Dennoch: Yoga entstammt einer patriarchalen Gesellschaft, Theorie und Geschichte sind zum großen Teil von Männern geschrieben – und praktiziert. 

Auch die Stellung von Gurus im Yoga zeugt von patriarchalisch-hierarchischen Strukturen.

Yoga lebt von seinen Pionieren und Verfechtern – einflussreichen Lehrern, denen viel Ruhm und Macht zugesprochen wird. 

Ist dieses Gurutum noch zeitgemäß? "Um diese Frage zu beantworten, muss man sich erst einmal fragen, was Guru eigentlich bedeutet", sagt Janna Aljets, 33, die seit sechs Jahren Yoga lehrt und Workshops zu Yoga und Feminismus, kritischer Theorie oder Postkolonialismus gibt. Guru ist Sanskrit und bedeutet frei übersetzt "das Erleuchtungsprinzip". Ein Guru kann im hinduistischen Verständnis alles sein: ein Ort, Musik, eine Übung. "Viele verstehen unter einem Guru fälschlicherweise einen alten weißen Mann mit Bart", sagt Janna. 

Janna Aljets beim Yoga

(Bild: Privat)

Gerade in kommerzialisierten Räumen eignen sich Menschen den Titel des Gurus an, um sich der Macht des Begriffs zu bedienen. Viele Yoga-Lehrerinnen und -Lehrer vergessen, dass sie nur ein Medium zwischen der Idee des Yoga und den Schülerinnen und Schülern sind, meint Janna. Aber: "Die Schüler machen den Guru – nicht der Mensch sich selbst." 

Und was heißt das nun für Menschen, die Yoga praktizieren (wollen)?

Manche Yoga-Schülerinnen und -Schüler machen Yoga-Übungen lediglich für ihre Fitness. Anderen reicht das nicht. Sie wollen mehr über Yoga erfahren und entscheiden sich zu einer praktisch-theoretischen Ausbildung. Im Rahmen dieser ist dann auch Raum zur kritischen Auseinandersetzung mit den problematischen Aspekten von Yoga. 

Am Ende muss jeder selbst entscheiden, wie er oder sie zu Tradition und Praxis steht. "Yoga ist das, was wir daraus machen", sagt Lehrerin Janna. 


Future

Des Chaos‘ zweiter Akt: Wie Bernd Lucke versucht, seine Vorlesung zu halten
Zweite Woche, neuer Versuch: Was halten Studierende von Luckes Vorlesung?

Dass Bernd Luckes Rückkehr als Dozent an die Uni Hamburg kein leichtes Unterfangen werden würde, hatte sich schon bei seiner ersten geplanten Vorlesung in der vergangenen Woche gezeigt. Proteste hatten dazu geführt, dass Lucke seinen Unterricht nicht halten konnte (bento). An diesem Mittwoch sollte es nun inhaltlich losgehen. Dafür hatte die Universität einen privaten Sicherheitsdienst beauftragt und die Vorlesung in einen kleineren Hörsaal verlegt.

Aber nach rund 45 Minuten wurde die Veranstaltung dann doch gestört. Etwa 20 Personen schafften es, am Sicherheitsdienst vorbei in den Hörsaal zu gelangen. Die Vorlesung wurde daraufhin abgebrochen. Lucke verließ den Raum durch den Hinterausgang.

Aber wie ist so eine Vorlesung bei Bernd Lucke? Wir haben mit Studierenden darüber gesprochen.

Schon 30 Minuten vor Vorlesungsbeginn hatte sich eine lange Schlange vor dem Anna-Siemsen-Hörsaal der Uni Hamburg gebildet. Die eingeschriebenen Studierenden waren gebeten worden, frühzeitig zur Makroökonomie-Veranstaltung von AfD-Mitgründer Bernd Lucke zu erscheinen. Auf der anderen Seite des Gebäudes fand zu diesem Zeitpunkt eine Demonstration statt, an der laut Polizei etwa 40 bis 50 Personen teilnahmen. Ab elf Uhr hatten sich Protestierende zur Kundgebung getroffen. Sie demonstrierten friedlich, hielten Reden, spielten Geige.

Lucke hatte sich 2014 nach der Gründung der AfD von der Uni Hamburg beurlauben lassen, um als Berufspolitiker für die AfD ins Europaparlament zu wechseln. 2015 verließ er die Partei im Streit über eine stärkere nationalkonservative Ausrichtung und prangerte in der Folgezeit fremdenfeindliche und rechtsextreme Tendenzen an. Nachdem er nicht erneut ins EU-Parlament gewählt wurde, muss er nun laut Beamtengesetz seine Lehrtätigkeit an der Universität wieder aufnehmen. Aufgrund seiner politischen Vergangenheit formierten sich Proteste gegen seine Rückkehr.