Bild: Soura Photography

Hotpants und löchrige Strumpfhose, 165 Zentimeter und 75 Kilogramm Kampfgewicht. Gheeda Chamasine alias Joelle Hunter ist die einzige Profi-Wrestlerin im arabischen Raum. 17 Jahre ist sie alt, geht noch zur Schule und hat ein Ziel: eine eigene Liga für Frauen in der arabischen Welt gründen. Danach will sie in den USA für die WWE (World Wrestling Entertainment) kämpfen.

In ihrer Wahlheimat Dubai bringt sie, die gebürtige Libanesin und Muslima, derzeit einiges durcheinander. Ein Kopftuch trägt sie nicht, weder im Ring noch privat. Aber die fünf Gebetseinheiten hält sie ein: Dafür zieht sich auf ihre kleine Matte in eine ruhige Ecke im Fitnessstudio zurück.

Schüchtern wirkt sie im Gespräch, immer wieder bedankt sie sich für das Interesse an ihrer Person. Im Ring wird aus der kleinen Gheeda dann die Rampensau Joelle Hunter. Dort kämpft sie gegen Männer, die meist mindestens 20 Zentimeter größer sind als sie und 25 Kilo mehr wiegen.

Erst vor einem Jahr hat Gheeda mit dem Wrestling begonnen, als sie mit ihrer Mutter - ihre Eltern sind geschieden - von Saudi-Arabien nach Dubai gezogen ist. Ihre neuen Freunde hatten sie zum Training in ein Fitness Center in Al Quoz, einem Arbeiterviertel Dubais mitgenommen.

Der Sport faszinierte sie sofort: Wie keine andere Sportart zuvor löste das Wrestling in ihr bis dato nicht gekannte Emotionen aus. "In dem Moment beschloss ich, dass ich mein Leben nicht mehr ohne Wrestling verbringen will“, sagt Gheeda. Davor hatte sie noch nie von Wrestling gehört, ja, nicht mal Sport hatte sie gemacht. Mit Wrestling, glaubt sie, könne sie Emotionen auslösen und viele Menschen erreichen.

Mittlerweile trainiert Gheeda sechs Tage in der Woche – drei Tage Wrestling samt Choreograhien mit den Jungs, drei Tage allein im Fitness-Studio. Sie achtet penibel auf ihre Ernährung, ist nichts Frittiertes und kein Fastfood und sorgt für ausreichend Pausen. „Das ist sehr wichtig beim Wrestling, um genug Energie für die nächsten Einheiten zu haben“, sagt Gheeda.

Im Juni feierte sie nach zwei Niederlagen ihr erstes Erfolgserlebnis mit einem Rundensieg gegen Vigilante, ihren 19-jährigen Landsmann Michel Nassif. Der hatte zuvor noch erklärt, Joelle habe im Wrestling-Sport nichts zu suchen und solle sich als Frau lieber ums Kochen kümmern.

Das sieht sie anders: Gheeda will Grenzen aufweichen. Sie will, dass Wrestling nicht mehr nur als Männersport gesehen wird. Sie will ein Vorbild für junge Frauen in der ganzen Welt sein. Hehre Ziele, aber Gheeda lässt sich nicht beirren.

Nicht von ihren männlichen Kollegen, die sie anfangs nur müde belächelten. Mittlerweile, sagt Gheeda, würden sie sie aber wie ihresgleichen behandeln.

Nicht durch ihre Kritiker, die das, was sie macht unerhört finden. Darauf angesprochen, gibt sie sich betont cool: "Wenn den Leuten das nicht gefällt, ist das ihre Sache, ich werde daran nichts ändern.“ Auf ihren Social-Media-Accounts muss sie sich böse Kommentare anhören. Viele stören sich daran, dass sie im Kampf so viel Haut zeigt und damit sehr sexy rüberkommt. Dabei, sagt Gheeda, könne sie in den Hotpants einfach viel besser bewegen.

Privat liebt es Gheeda eher lässig-schlicht, beim Training wirkt sie auch - anders als im Ring - eher burschikos, mit ihrem dunklem Tank-Top und einfachen Shorts. Ihre Stimme, durch eine kleine Erkältung angeschlagen, könnte sogar der von Schauspielerin Emma Stone Konkurrenz machen, alles andere als piepsig passt sie perfekt in diese Männerwelt.

Um Training und Schule miteinander zu vereinbaren, besucht sie eine Online-Schule, im kommenden Jahr macht sie ihren Abschluss. Ihre Freunde, die ja selbst zum Teil Wrestlen, finden es toll, was sie schon geleistet hat. Auch ihre Mutter Nihaya Haimour unterstützt sie in alldem und begleitet sie auch zu Kämpfen. Auch wenn sie ihre Tochter lieber in einem anderen Sport gesehen hätte.

Ihr Mutter möchte auch, dass sie sich nach der Schule nicht ausschließlich auf den Sport konzentriert, sondern auch noch studiert. Gheeda möchte ein Studium dagegen erst einmal hinten anstellen und sehen, wie ihre Karriere anläuft. Ihre Mutter war schon immer ihr Vorbild, vor der sie größten Respekt habe: "Sie ist eine sehr starke Frau, arbeitet sehr hart und hat mich zu dem inspiriert, was ich heute bin. Sie hat mir beigebracht, niemals aufzugeben."

Auch ihr Trainer Caleb Hall, ein US-Amerikaner, der das Wrestling nach Dubai gebracht hat, schont sie nicht, weil sie eine Frau ist. Gheeda gefällt das, sie sagt: "Ich kann alles machen, was ein Mann auch kann, vielleicht kann ich manche Dinge sogar besser. Ich möchte alle Frauen ermutigen, sie selbst zu sein und das zu machen, was sie machen wollen.“