Bild: Imago
Das ist Augenwischerei.

An diesem Wochenende finden die zwei letzten Spiele der Fußball-WM 2018 statt. Fans auf der ganzen Welt fiebern dann mit – vor Ort sein können jedoch die wenigsten. Zum Glück gibt es ja Fernsehübertragungen. Bei denen fühlt es sich zumindest fast so an, als wäre man live dabei.

Dafür sorgen nicht nur Aufnahmen des Feldes und der Spieler, sondern auch Aufnahmen aus der Fankurve: Zuschauer und Zuschauerinnen mit verrückten Kostümen, die die Hände über dem Kopf zusammenschlagen oder tanzen vor Freude.

Doch genau solche Aufnahmen soll es bei den letzten beiden Spielen nun kaum mehr geben. Der Fußball-Weltverband Fifa gab am Freitag neue Richtlinien für die Übertragung des Finales und das Spiel um Platz drei heraus. Die besagen: Fernsehsender sollen die Anzahl von Zuschauer-Nahaufnahmen während dieser Spiele drastisch reduzieren. (FAZ)

Warum nur?

Dahinter steckt eigentlich ein guter Gedanke: Es geht nämlich um Sexismus. Genauer gesagt: die Darstellung von Frauen während der Fußball-WM. 

Schon Mitte der Woche hatte der Diversitätsbeauftragte der Fifa, Federico Addiechi, Fernsehsender dazu aufgefordert, nicht ständig an "heiße Frauen" heranzuzoomen. Beim Kampf gegen Sexismus bei der WM sei der Fußballverband auf die Unterstützung der Sendeanstalten angewiesen, so Addiechi weiter. (BBC)

Mit den neuen Richtlinien wird diese Forderung nun offiziell: bei den verbleibenden Spielen sollen weniger Fans zu sehen sein. Ein Fifa-Sprecher begründet den Schritt so:

Wir bevorzugen es, wenn die Berichterstattung übertriebene oder längere Nahaufnahmen vermeidet, die zu sexuellen Anspielungen oder geschlechtsspezifischen Vorurteilen führen können.

Aber ist das wirklich eine sinnvolle Maßnahme gegen Sexismus?

Fragwürdig.

Einerseits: 

Ich habe beim Fußball-Schauen tatsächlich manchmal den Eindruck, dass es überdurchschnittlich oft überdurchschnittlich hübsche junge Frauen sind, deren Gesichter die Kameras im Stadion einfangen. Und dass Mitte-50-Jährige Männer nicht ganz so häufig auftauchen.

Feministinnen und Feministen wehren sich seit Jahrzehnten gegen das Bild von Frauen als dekoratives Beiwerk. Es gibt auch bei Fußballübertragungen Handlungsbedarf. Das hat die Fifa erkannt. Und das ist gut.

Andererseits: 

Diese Maßnahme mutet wie ein Holzhammer an – in etwa so, als würde man sexuelle Übergriffe verhindern wollen, indem man Menschen einfach komplett verbietet, das Haus zu verlassen.

Darüber hinaus ist fraglich, wie die Einhaltung dieser Richtlinie kontrolliert werden soll. Und damit auch, ob sich die Fernsehsender wirklich daran halten werden.

Es drängt sich deshalb der Verdacht auf, dass die ganze Sache für die Fifa eher eine willkommene PR-Maßnahme ist – mit dem sie sich Sexismus-Vorwürfe vom Hals halten will.

Nach Ansicht des Anti-Diskriminierungsnetzwerkes "Fare" war Sexismus bei dieser WM ein größeres Problem als Rassismus. Über 30 Vorfälle von sexueller Belästigung von Frauen habe es außerhalb der Stadien gegeben. (Deutschlandfunk)

Darüber hinaus ist und war Fußball traditionell eine Männer-Domäne – in der sich Frauen ihren Platz oft hart erkämpfen müssen, wie zum Beispiel der Umgang mit TV-Kommentatorin Claudia Neumann zeigt.

Über all diese Dinge sollten wir viel mehr reden. In den Fußballverbänden, in Vereinen, und ganz bestimmt auch in den Sendeanstalten.

Die Aufforderung, Fußballübertragungen frei von Fan-Aufnahmen zu machen, löst das Problem sicherlich nicht. Sie nimmt vielmehr Fernsehanstalten und Fußball-Funktionäre aus der Verantwortung – und unterbindet eine offene Debatte

Die Aktion von der Fifa ist deshalb Augenwischerei. 

Und lässt die Fußballübertragungen außerdem um einiges langweiliger werden – denn ohne Fanjubel und Fantränen fehlt beim Fußball-Schauen einfach etwas.


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