Bild: Carmen Jaspersen / dpa
Zuerst ist es gut – dann ein bisschen enttäuschend, findet Ben

"Die Kurve singt für dich. Egal, was auch passiert. Ob du Meister wirst oder heute hier verlierst."

Ein Fangesang aus dem Weserstadion. Als Werder Bremen in der vergangenen Saison gegen den Abstieg spielte, stellten die Fans unter Beweis: Sie meinen, was sie singen.

Nur ist auch in der aktuellen Saison nicht wirklich eine Veränderung zu bemerken. Werder ist im Tabellenkeller – schon wieder.

Wie fühlt es sich da an, Fan zu sein? Macht das überhaupt noch Spaß? Wir haben fünf Menschen gefragt.
Tabea, 20, Studentin aus Bremen
Tabea, 20

"Seit ich denken kann, bin ich Fußballfan. Fußball gucken war immer das Ding von meinem Vater und mir. Stets hockten wir zwei zusammen und schauten alles, was mit diesem Sport zu tun hat. Dann kam es allerdings zu einem Bruch zwischen meinem Vater und mir. Ich habe den Kontakt abgebrochen – und nichts mehr geguckt, was mit Fußball zu tun hat, da damit einfach zu viele Erinnerungen verbunden waren.

Das änderte sich, als ich vor etwa zwei Jahren Leute kennenlernte, die Werder-Fans sind. Durch sie habe ich auch meinen Freund kennengelernt.

Für mich war das alles neu. Plötzlich hatte ich einen Freundeskreis, der sich auch für den Sport interessierte, den ich am liebsten mag. Das war vorher undenkbar. Fußball und Werder bekamen eine immer größere Rolle in meinem Leben.

Natürlich ist es nicht einfach, Werder-Fan zu sein. Vor allem, wenn man an die jetzige Situation denkt. Man ist mit Herzblut dabei. Und dennoch bleibt da ein bedrückendes Gefühl.

Doch ich bleibe optimistisch. Die neue Trainersituation hat frischen Wind ins Spiel gebracht. Und als Werder-Fan hatte man zumindest kurz ein Glücksgefühl. Zumal wir noch am Anfang der Saison sind. Werder hat es schon einige Male geschafft, von ganz unten in der Tabelle nach oben zu klettern."

So feiern Werder-Fans:
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Anna, 30, Bloggerin aus Berlin
Anna, 30

"Egal wie düster es bei Werder war, beim HSV war immer alles düsterer. Dieser Verein hat uns all die Jahre über die Runden geholfen. Zumindest mental.

Da sich das Blatt nun gewendet hat, bekomme ich die Häme von meinem besten Freund ab, der HSV-Fan ist. Da muss ich durch. Aber mal ehrlich, 2009 kann uns keiner nehmen, als wir den HSV viermal hintereinander besiegten.

Heute bekommt man Blicke voller Mitleid
Anna

Es ist nicht nur die Häme von guten Freunden, die man als Werder-Fan jetzt aushalten muss. Ich habe ein Werder-Tattoo, das viele Menschen kennen. Vorher hat dieses Tattoo zu interessanten Gesprächen geführt. Heute bekommt man Blicke voller Mitleid.

Ich habe inzwischen aber nicht mehr ständige Angst vor dem Absturz, sondern gehe entspannt mit dem Thema um. Da hilft auch Twitter: Du triffst dort auf so viele witzige Menschen, die ganz locker mit einer Niederlage umgehen – und das steckt an!"

Dennis, 23, Student aus Bremen
Dennis, 23

"Ich bin Bremer und mag Fußball. Ich spiele auch selbst. Ist also naheliegend, dass ich Werder-Fan bin. Dieser Verein ist ein fester Bestandteil meines Lebens. Regelmäßige Stadionbesuche und Auswärtsfahrten sind Tradition und machen einfach riesigen Spaß. Aber ich muss zugeben, dass es früher toller war, Fan zu sein.

Denn aktuell ist es eher eine Qual. Die vielen Niederlagen rauben die Freude. Auch die Art, wie sich der Verein zurzeit öffentlich präsentiert, darf nicht unkritisch hingenommen werden.

Ich bleibe aber optimistisch. Es werden bessere Zeiten folgen. Im Moment versuche ich, Werder-News in meinem Alltag zu ignorieren – sie sind ja eh meistens negativ. Inzwischen lache ich auch mal bei einer Niederlage. Ich habe wohl eine Art Galgenhumor entwickelt."

Marius, 24, Student aus Bremen
Marius, 24

"Werder war für mich immer etwas Besonderes. Als ich klein war, gab es in den Nutella-Gläsern Wimpel von allen Bundesligamannschaften. Ich fragte meine Mutter, von wem ich Fan sein soll – und sie antwortete wie selbstverständlich: 'Werder Bremen.'

Mittlerweile bin ich lange Fan und habe mich mit der Gesamtsituation bei Werder abgefunden. Die Erwartungen sind gesunken. Es gab Zeiten, da regte man sich über einen dritten Platz auf. Die liegen aber lang zurück.

Meine Leidenschaft ist nicht vergangen
Marius

Ich bin abgestumpft. Wenn ich ein Spiel im Fernsehen verfolge, und es erst zur fünften Minute einschalte, feiere ich es euphorisch, wenn noch kein Gegentor gefallen ist.

Generell gebe ich am Spieltag nur noch zynische Kommentare von mir. Vorher war ich nach einem schlechten Spiel wütend. Heute bin ich nur noch enttäuscht. Aber meine Leidenschaft ist nicht vergangen: Beim Klassenerhalt gegen Frankfurt habe ich vor Freude geheult.

Dank Werder habe ich aber super Leute kennengelernt. Sei es in der Kurve, in Fanclubs oder auf Auswärtsfahrten – man lacht, feiert und weint zusammen. Das fühlt sich einfach wunderschön an."

Ben, 21, Volontär aus Bremen
Ben, 21

"Werder-Fan zu sein fühlt sich gerade an wie das erste Mal Fliegen. Man freut sich wie verrückt auf ein Spiel, alles ist neu und aufregend – und dann ist es irgendwie doch nicht so besonders. Und trotzdem: Dieser Verein ist ganz klar ein Bestandteil von mir.

Ich erinnere mich noch sehr gut an die Meisterschaftssaison 2003/2004. Ich war acht Jahre alt und zum ersten Mal im Stadion. Und zwar direkt beim Nordderby, das Werder 6:0 gewann.

Dieser Verein ist Bestandteil von mir
Ben

Wenig später dann dieser alles entscheidende Sieg in München. Werder holt die Meisterschaft. Wir sind hinterher alle zusammen zum Flughafen gefahren. Ich war auf den Schultern meines Vaters auf dem Rollfeld. Ein Moment, der für immer bleibt.

Zurzeit ist es etwas schwierig, Fan zu sein. Aber ich pfeife und schimpfe nur selten. Es hält mich bei Laune, jede Woche diesen Verein spielen zu sehen. Und mein grenzenloser Optimismus sagt, dass bessere Zeiten kommen werden."


Gerechtigkeit

Ein Jahr russische Bomben in Syrien – und wir schauen beim Sterben zu

Seit einem Jahr wirft die russische Luftwaffe Bomben über Syrien ab. Vor allem über der Stadt Aleppo. Die Waffen richten verheerende Schäden an: Immer wieder werden Wohnhäuser, Schulen und Krankenhäuser getroffen – Dutzende Zivilisten sterben täglich. Der Militäreinsatz ist ein Blutbad.