Wie in Trance.

Das Verbotene, die Höhe, das Adrenalin – um dann irgendwann das Selfie auf Häuserdächern zu fotografieren oder das Video auf dem Baukran zu drehen: Für viele junge Russen und Ukrainer gehören solche Motive zu einem gepflegten Instagramfeed dazu.

In beiden Ländern begeistern sich sehr viele junge Menschen für Roofing, das Klettern auf Häuserdächer und anderen Objekten in der Stadt. Während sich Roofer in Deutschland wegen Hausfriedensbruchs oder Sachbeschädigung strafbar machen können, wurde Roofing in Russland lange eher als Lappalie behandelt. Erst seit Anfang des Jahres wird es mit 3000 bis 5000 Rubel bestraft, also um die 40 bis 70 Euro. Zuvor war es nur ein Zehntel der Summe.

Auf #Roofing-Fotos bei Instagram fallen vor allem die sehr jungen Gesichter auf: Viele beginnen schon mit zwölf Jahren, ihre ersten Aktionen zu fotografieren und zu filmen. Sie schauen dabei oft auf zu dem Russen Vadim Makhorov und den Ukrainer Vitaly Raskalov. Die beiden sind weltweit bekannt geworden mit ihren Aktionen. Im vergangenen Jahr erklommen sie den zweithöchsten Wolkenkratzer der Welt: den 660 Meter hohen Shanghai-Tower. Das Video hat mittlerweile mehr als 54 Millionen Klicks.

Ebenso beliebt sind auf YouTube Roofing-Fails; und obwohl auch die Presse in den vergangenen zwei Jahren viel über drei Roofing-Todesopfer berichtete, schreckt das kaum ab. Zu sehr lockt der Ruhm: Professionelle Roofer werden im Netz gefeiert und von Agenturen vertreten. Teilweise können sie vom Sponsoring bekannter Sportmarken leben.

Wir haben mit vier jungen Roofer aus Russland und der Ukraine gesprochen.
Vlad, 18, Cherkacc in der Ukraine

Mit meinen Freunden haben wir uns zunächst überall in der Stadt zum Parkourlaufen getroffen, das entwickelte sich mehr und mehr zum Roofing. Bevor wir ein Haus oder ein anderes Objekt hochklettern, prüfen wir erst mal tagelang die Lage: Wird es bewacht? Sind Kameras installiert? Wann ist das Sicherheitspersonal vor Ort? Meist versuchen wir, nachts oder sehr früh am Morgen Objekte zu besteigen, wenn am wenigsten auf den Straßen los ist.

Vlad

Wenn ich oben angekommen bin, ist es immer ein Gefühl der Unbesiegbarkeit: Alles scheint plötzlich grenzenlos zu sein. Manchmal bin ich alleine unterwegs, manchmal in einer Gruppe. Wie geben auch aufeinander Acht, geben uns Tipps und helfen uns gegenseitig. Aber am Ende ist jeder für sich selbst verantwortlich. Zum Beispiel wollten wir kürzlich zu dritt auf eine Basisstation für Mobilfunknetze klettern. Ich bin als erster rauf und bis auf die Spitze des Turmes geklettert, meine Kumpels sind unten geblieben. Das war okay so, jeder muss selber einschätzen, was er sich zutraut.

Mit meinen Bildern und Videos vom Roofing möchte ich mich vor allem präsentieren – und auch einfach ein bisschen angeben, mit dem, was nicht alle können. Klar, hätte ich nichts dagegen, berühmt zu werden – aber ich stehe erst am Anfang meiner Videobloggerkarriere.

In der Fotostrecke: So präsentiert sich Vlad auf Instagram
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Wladislaw alias Roofman, 22, Moskau

Ich habe schon immer das Bergsteigen geliebt. Als ich in die Hauptstadt umzog, musste irgendwas die Berge ersetzen – so wurden die Dächer der Hochhäuser zu meiner neuen Leidenschaft. Ich spüre jedes Mal eine absolute Lebensfreunde und Faszination, wenn ich wieder den höchsten Punkt erreiche.

Wladislaw

Vor kurzem habe ich mit dem ukrainischen Roofer Phillip Marvin den großen Baukran in Moskaus Finanzdistrikt bestiegen – das hat für ein hohes Medieninteresse gesorgt und war bisher einer meiner größten Erfolge.

Bisher war das Roofing nur ein Hobby, aber ich plane eine Roofing-Schule zu eröffnen. Ich möchte eine Art "ungefährliches" Roofing vermitteln, aber ich arbeite noch an der genaueren Umsetzung. Die Roofingszene hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert: Immer mehr strömen auf die Dächer. Viele Jugendliche sind einfach nur gelangweilt vom Alltag und versuchen, uns nachzuahmen. Dabei sollte die Gefahr wirklich nicht unterschätzt werden. Ich rate allen jungen Anfänger: Tut nur das, bei dem ihr euch völlig sicher seid.

In der Fotostrecke zeigen wir Fotos von Wladislaws Touren
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Taisija, 17, Tscheljabinsk in Russland

Ich bin das einzige Mädchen weit und breit, das es liebt, auf Dächer und Kräne zu steigen. Wenn man es einmal versucht hat, dann packt es einen wie eine Droge – dann möchte man es immer wieder und wieder machen.

Ich ziehe immer mit Jungs los. Daran habe ich mich langsam gewöhnt. Schon als ich klein war, bin ich viel auf Bäume geklettert. Ich glaube die Jungs in meiner Gruppe respektieren mich, weil sie gesehen haben, dass ich wirklich Lust auf die Höhe habe und bereit bin, ein Risiko einzugehen. Aber trotzdem nur das mache, worauf ich wirklich Lust habe – ohne mich unter Druck zu setzen.

Taisija

Ich bekomme immer starke Reaktionen auf die Bilder, die ich veröffentliche: Viele lieben den Blick von oben auf die Stadt, die ungewöhnliche Perspektive, die sie selbst nicht sehen können. "Unglaublich" oder "Wunderschön!", steht oft unter meinen Posts. Manche schreiben mir auch, dass ich verrückt geworden bin und aufpassen soll – andere loben meinen Mut und meine Furchtlosigkeit.

Manchmal merke ich, wie ich mich im Höhenrausch selbst überschätze und in einem Wahn stecke, immer weiter klettern zu wollen. Einmal habe ich mit einem Freund einen Kran bestiegen – als er damit beschäftigt war, ein Video zu drehen, hat es mich gepackt und ich bin auf den Ausleger das Krans weitergekrochen. Ich habe das davor noch nie gemacht, aber ich spürte den Drang, mich aufrecht hinzustellen und die Balance zu halten. Unter mir 26 Etagen, pures Adrenalin schoss mir durch den Körper, mein Herz blieb fast stehen – aber ich schaffte es, Ruhe zu bewahren. Ich fühlte, wie ich eins mit dem Kran wurde.

Als ich wieder unten war, ist mir fast schwarz vor Augen geworden. Wie ein plötzliches Erwachen aus einem Trancezustand.

In der Fotostrecke: So präsentiert sich Taisija auf Instagram
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Velerie, 17, Kiev

Vor zwei Jahren habe ich mit dem Roofen begonnen, von Anfang an habe ich ein unglaubliches Freiheitsgefühl gespürt und den Adrenalinstoß genossen. Manchmal reizt auch das Verborgene. Allein schon, dass ich mich sehr vorsichtig verhalten muss, damit das Sicherheitspersonal mich nicht erwischt. Auch steigert jedes neubestiegene Objekt mein Selbstwertgefühl. Die Fotos und Videos sind eher Nebensache, viele mache ich für mich und veröffentliche sie gar nicht.

Velerie

Einmal habe ich einen Baukran bestiegen, er war auf der Höhe der 20. Etage. Das war das bisher gefährlichste, was ich gemacht habe. Da spürte ich plötzlich eine absolute Höhenangst. Ich konnte den Moment nicht mehr genießen, sondern krallte mich nur noch fest, um nicht runterzufallen. Ich musste mich stark auf mich selber konzentrieren um die Höhe zu vergessen, um da auch wieder runterzukommen.

Insgesamt habe ich aber immer sehr starke positive Emotionen beim Erreichen jeder neuen Höhe. Das ist mit nichts anderem zu vergleichen.

In der Fotostrecke zeigen wir Fotos von Veleries Touren
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Hier findet ihr die Instagram-Accounts von Velerie, Taisija, Wladislaw und Vlad.

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