Bild: Céline Sonnenberg
Céline ist eine von Zehntausenden Freiwilligen bei Olympia.

Als die Reiterin das erste Hindernis nimmt, halte ich die Luft an: Die folgende Kombination ist eine der schwersten des Parcours. Dann kann ich durchatmen, dieses Mal muss ich nicht mit den Ärzten lossprinten, um zu helfen.

Ich lese die gestoppte Zeit ab, meine Kollegin gibt das "Clear" an die Zentrale. Nach einer Woche Vorbereitung sind wir plötzlich mitten in der Vielseitigkeitsprüfung bei den Olympischen Spielen 2016.

Zwei Jahre lang habe ich auf die Zusage gewartet, hoffte auf die Chance, bei dem größten Sportevent der Welt dabei zu sein, Menschen aus aller Welt kennenzulernen und die großen Gefühle live mitzuerleben. Ich musste zwei Sprachtests und Gruppeninterviews bestehen.

Schließlich bekam ich im Dezember die Zusage: Eine Woche lange sollte ich im Reitsportzentrum arbeiten, am Sprung die Zeit nehmen und mitentscheiden, ob die Reiter alle Regeln befolgt haben.
Medaillengewinnerin Ingrid Klimke beim Sprung(Bild: dpa / JIM HOLLANDER )
Gerade bei der Wohnungssuche hätte ich mir deswegen mehr Hilfe von den Organisatoren gewünscht.

Mit drei Jahren saß ich das erste Mal auf einem Pferd, mit 16 Jahren verbrachte ich bis zu sieben Tage die Woche im Stall. Jetzt würde ich den besten Reitern der Welt ganz nah sein – beinahe zu schön, um wahr zu sein.

Ich hatte große Erwartungen an Olympia. Nicht alle wurden erfüllt.

Zunächst war mir egal, dass ich – genau wie die anderen rund 70.000 Volunteers – Anreise und Unterkunft selbst organisieren und bezahlen musste, obwohl ich bei meiner Arbeit im Reitsportzentrum nicht einmal was verdienen würde. Und ich verdrängte, dass ich mich allein in eine ziemlich gefährliche Stadt begeben würde. Das realisierte ich erst am Tag der Abreise.

Klar, wusste ich, dass ich mich von Favelas fernhalten sollte – doch das ist in einer Stadt wie Rio de Janeiro gar nicht so leicht: Die Elendsviertel sind allgegenwärtig. Gerade bei der Wohnungssuche hätte ich mir deswegen mehr Hilfe von den Organisatoren gewünscht. Vor allem, weil die Reitwettbewerbe in so gefährlichen Gegenden wie den Vororten rund um Deodoro stattfinden. So recherchierte ich – ohne Ortskenntnis – in Facebookgruppen und bei Airbnb.

In der Slideshow: Célines Zeit in Rio
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Auch die Cidade do Samba liegt direkt hinter einer der größten und gefährlichsten Favelas Rios: dem Complexo do Alemão. Hier bekämpfen sich seit Jahren Polizei und das Drogenkartell Comando Vermelho, täglich gibt es Schießereien. Ausgerechnet hier musste ich meine Volunteersuniform abholen.

Innerhalb der Favelas herrscht ein gewisser Ehrenkodex und Einheimische müssen sich nicht allzu sehr fürchten, Touristen aber werden öfter ausgeraubt. Selbst in so touristischen Gegenden, wie Copacabana sind sie ein beliebtes Ziel, gerade Alleinreisende.

Eine Seilbahn macht das Überqueren der riesigen Barackensiedlung einfacher und sicherer, trotzdem fühlte ich mich unwohl. Vielleicht machte ich mir unnötig viele Sorgen, innerhalb der Cidade do Samba war letztlich auch alles gut organisiert. Doch gerade in den ersten Tagen war ich übervorsichtig.

In der Zeit sah ich auch zum ersten Mal in meinem Leben eine Waffe: Mein Uber-Fahrer sollte mich zu meinem Airbnb bringen – und bog in eine Favela ab.

Zwischen den Hütten hatten bewaffnete Jugendliche eine Straßensperre errichtet.

Letztlich passierte nichts: Sie winkten uns durch. Angst hatte ich trotzdem. Für viele Einwohner Rios ist diese Gefahr Alltag: "Ja, hier ist es sehr gefährlich, letzte Woche wurde ich durch das Fenster mit einer Waffe bedroht", sagte beispielsweise mein Uber-Fahrer.

Bei der Arbeit habe ich aber unglaublich viel Spaß, mit Lizzy aus England zum Beispiel, Sasha aus den USA und Bianca aus Brasilien. Auch der Rest des Teams ist unheimlich sympathisch. Das hilft, denn die Arbeitsbedingungen könnten manchmal besser sein: Wir verbringen viel Zeit mit Warten und unser Arbeitsplan wird ständig geändert.

Dafür entschädigt der Blick hinter die Kulissen. Ich bin unglaublich glücklich, meine Lieblingssportler zu treffen und mit ihnen Selfies zu machen, beim Military-Parcours direkt am Sprung zu sitzen, einfach ganz nah dran zu sein an den großen Stars. Großartig war natürlich auch, den Medaillen-Gewinnern persönlich zu gratulieren, als Deutschland am Dienstag Gold und Silber holten.

Céline mit Goldmedaillengewinner Michael Jung

Ist Rio als Stadt die richtige Wahl für dieses riesige Sportereignis gewesen? Ich bin inzwischen überzeugt, die Milliarden für die Spiele wären im Sozial- und Bildungssektor sehr viel besser angelegt gewesen.

Als ich mich damals für die Spiele beworben hatte, hatte in Brasilien gerade die Fußballweltmeisterschaft stattgefunden. Mich reizte es, so emotionale Momente vor Ort erleben zu können. Hinzu kam, dass ich Lust hatte, nach dem Bachelor zu reisen – das ließ sich mit einem Volunteer-Einsatz gut verbinden.

Erst kurz vor den Spielen fragte ich mich, ob ich mich richtig entschieden hatte, bei Olympia mitzuhelfen. Das erste Mal schuldig fühlte ich mich, als mein Airbnb-Host Paulo mir erzählte, wie stark die Preise in Brasilien seit der Weltmeisterschaft gestiegen seien und wie schwierig es für die ärmeren Bevölkerungsschichten sei, über die Runden zu kommen. "Wir leben nicht, wir überleben", sagte er.

In der Slideshow: Diese Olympioniken nehmen dich auf Snapchat hinter die Kulissen mit
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Und trotzdem: Ich persönlich habe den olympischen Gedanken erlebt. Ich habe zahlreiche andere Menschen aus der ganzen Welt kennengelernt und Freundschaften geschlossen. Dafür bin ich dankbar.

Das Beste an meiner Volunteer-Arbeit ist wahrscheinlich, dass ich Brasilien besser kennengelernt habe, dass ich die Gastfreundschaft genießen und viele interessante Gespräche führen durfte. Und ich habe auch eine andere Seite kennengelernt, den Teil der Stadt, in dem es viel Armut und viel Gewalt gibt, in dem die Menschen nicht immer von den Spielen profitieren.

Meine brasilianische Freundin Bianca fasst es vielleicht am besten zusammen: "Natürlich stört uns vieles an den Olympischen Spielen in unserem Land. Aber wo sie nun schon einmal hier sind, werden wir Brasilianer sie vollends genießen und alle Besucher mit offenen Armen empfangen."

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