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Ich bin Feministin und liebe Pole Dance. Passt nicht zusammen? Doch, sehr gut sogar.

Zugegeben: Als ich zum ersten Mal ein Pole-Studio betrat, war mir mulmig zumute. Würden sich Playboy-Models gekonnt um die Stange winden und über meine nachlässig rasierten Beine die Nase rümpfen? Würde ich mich an der Stange reiben müssen? Oder hatte ich einfach nur richtig bescheuerte Vorurteile?

Meine erste Pole-Stunde nahm ich in einem Studio in Tübingen. Ein kleiner, gemütlicher Raum, sechs Pole-Dance-Stangen, elf Frauen zwischen 18 und Mitte 40, sehr dünn bis mollig. Studioinhaberin Julia war genauso alt wie ich – damals 23 – und studierte nebenbei Psychologie an der Fernuni.

Als ich am Ende der Stunde mit überschlagenen Beinen in der Mitte der Stange saß, war ich total ausgepowert. Und ich fühlte mich großartig – obwohl mir die Stange schmerzhaft in die Schenkel drückte.

(Bild: Privat)

Ab da wusste ich: Das ist mein Sport. Freunde und Bekannte konnten meine Begeisterung nicht immer nachvollziehen. "Echt jetzt, du strippst?", hörte ich, wenn ich von meinem neuen Hobby erzählte, oder: "Ist das nicht voll unfeministisch?"

Nein, ist es nicht. Klar, in der Nachtclubszene ist die Lage komplex: Dort gibt es sexuelle Ausbeutung ebenso wie selbstbestimmte Performerinnen – aber das wäre genug Stoff für einen eigenen Artikel.

Ich habe Pole Dance bisher ausschließlich als Freizeitsport betrieben und erlebe ihn vor allem als eines: vielfältig – genau wie Feminismus. Das beweisen nicht nur Berühmtheiten wie Roz the Diva, sondern auch meine eigenen Erfahrungen in Tübingen, Buenos Aires, Berlin und Bristol.

In Tübingen unterrichtete mich Pinar, Mutter zweier Kleinkinder. Bei ihr lernte ich, Choreografien zu Songausschnitten zu tanzen. Manchmal nahm ich Stunden bei Anke, die vor allem damit beschäftigt war, die Schwerkraft zu besiegen – zum Beispiel indem sie sich horizontal von der Stange wegstemmte.

Davon war (und bin) ich weit entfernt. Trotzdem merkte ich bald, wie enorm meine Muskelkraft wuchs – und damit mein Körpergefühl und Selbstbewusstsein.

Auch Männer haben Spaß an Pole

Beim Backpacking durch Argentinien probierte ich Pole Dance – je nach Schwerpunkt auch Pole Fitness oder Pole Sport genannt – in einer anderen Kultur aus. Und war überrascht, als ich vor meinem Lehrer stand: ein bärtiger Hipster, etwa dreißig Jahre alt. Er peitschte mich durch 40 Minuten Muskelaufbau, bevor ich eine neue Figur – die "Viva" – lernen durfte – und er sich für das Erinnerungsfoto mit an die Stange schwang.

Dass auch Männer Spaß an Pole Sport haben (nein, nicht als Zuschauer), hatte ich bereits zuvor in Berlin erfahren: In meiner Gruppe trainierte ein Mann mit; er war eher Marke Waschbär als Waschbrett und schämte sich am Anfang, sein Shirt auszuziehen.

Wir Frauen ermutigten ihn liebevoll; wer schon mal an der Stange war, weiß: Stoff rutscht auf Metall, Haut hält. Ohne Hemd gelang auch ihm bald ein "Invert" (Aufschwung an der Stange), und seine angespannte Miene wurde zu einem zufriedenen Lächeln. Schief angeguckt wurde er als einziger Mann in der Gruppe nicht. Warum auch?


(Bild: Privat)

Inzwischen studiere ich in Bristol und belege Pole Fitness als Hochschulsport. Mit Glück trete ich nächstes Jahr bei der Show des Uni-Pole-Vereins auf. Auch in England gebe es noch Vorurteile gegenüber Pole, erzählen mir meine Kommilitoninnen. Mir erscheint der Sport hier aber breiter akzeptiert zu sein als zuhause in Deutschland; immerhin ist Pole hier bereits als Unisport etabliert.

Sollten Feministinnen besser boxen gehen? 



Dass Pole Dance in Deutschland immer noch als verrucht gilt, liegt auch an der Berichterstattung darüber. Die "Emma" zum Beispiel rät zu Boxen statt Pole. Und eine "taz"-Journalistin stellte bei ihrer Pole-Probestunde fest: "Rollerderby oder Kickboxen ist das hier nicht gerade."

(Bild: Miguel Alberto Díaz)

Natürlich ist es das nicht. Aber müssen Feministinnen wirklich extraharte, sprich männlich konnotierte Sportarten ausüben? Nein! Feministisch ist für mich, wenn jeder Mensch unabhängig von seinem Geschlecht einen Lieblingssport wählen kann, ohne dafür blöd angemacht zu werden.

Ich trainiere auch Klettern und Kampfsport. Nicht aus Kompensationsgründen, sondern aus dem gleichen Motiv wie Pole Dance: Weil es mir Spaß macht.