Bild: dpa/ Michael Kappeler

Wenn Usain Bolt über die Ziellinie rennt, weine ich. Ich stelle mir vor wie das ist: Du spannst neuneinhalb Sekunden jeden einzelnen Muskel deines Körpers an, um einfach nur so schnell zu rennen, wie du kannst. Du überholst deine Gegner, steckst bei Meter 99 den Oberkörper nach vorn und läufst als Erster über die Ziellinie. 80.000 Menschen im Stadion flippen aus. So war das bei den Olympischen Spielen in London.

Und nun: Gedopte Russen und ein Internationales Olympisches Komitee (IOC), dem das egal ist. Ein Gastgeberland, das für Rio 2016 Favelas umsiedelte und Menschen vertrieb. Das macht mir die neuneinhalb Sekunden und die vielen weiteren Momente, in denen Sportler jubeln, kaputt. Dieses Mal wollte ich auf Olympia verzichten.

Das war für mich keine leichte Entscheidung. Ich habe meine ganze Kindheit und Jugend selbst Leichtathletik gemacht. Aber dieses Mal wollte ich lieber eine Netflix-Serie beginnen, als bis in die Nacht wach zu bleiben.

Ich habe es nicht durchgestanden.

Es war die gedopte Schwimmerin, die mich ins Wanken brachte. Ich schaute eine Zusammenfassung. Julija Jefimowa trat über 100 Meter Brust an. Das Publikum pfiff und buhte sie aus. Sie war mehrmals des Dopings überführt worden – das IOC ließ sie trotzdem antreten.

(Bild: dpa/ Michael Kappeler)

Was mich an ihrem Auftritt begeisterte, waren die Buhrufe. Die Zuschauer und Athleten zeigten einem Millionenpublikum am Fernseher: Diese Betrügerin wollen wir hier nicht haben. Das lässt die Offiziellen des IOC hoffentlich nachdenken: Wollen sie diese Bilder wirklich bei Olympia? Oder sollen die Dopingsünder doch lieber von vornherein ausgeschlossen werden.

In der Slideshow: Die besten Olympia-Momente
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Und noch ein Moment überzeugte mich. Als der Turner Andreas Toba trotz Kreuzbandriss für seine Mannschaft auf das Pauschenpferd stieg, die beste Punktzahl der Mannschaft erzielte und ihr somit ins Finale half. Er war zuvor auf der Turnmatte bei einem Sprung umgeknickt. Nichts zeigt besser, was Teamgeist und Zusammenhalt bedeuten als das Bild des schluchzenden Toba und seinen Mannschaftskollegen, die ihn stützten.

(Bild: epa/ How Hwee Young)
Warum soll ich auf Olympia verzichten? Auf die Momente, an die ich noch Jahre zurückdenken werde.

Wenn ich nicht bei Olympia einschalte, mich weniger für Sport interessiere, trifft die Ignoranz dann die Richtigen? Merkt das IOC, dass seine Politik falsch ist? Spüren das die Sponsoren?

Nein. Es spüren wahrscheinlich vor allem die fairen Sportler, die zeigen, zu was für unvorstellbaren Leistungen sie fähig sind. Nischensportarten wie Turnen haben meist nur bei Olympia die Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Zu unrecht.

Jetzt spielen sie einfach gemeinsam Volleyball.

Ja, es gibt die Dopingdiskussion und in Brasilien eine große Kluft zwischen Arm und Reich. An anderer Stelle aber hilft Olympia, Klüfte zu verringern.

(Bild: Imago/ Sven Simon)

Beim Volleyballspiel zwischen Deutschland und Ägypten sprachen anschließend viele über die konträren Bekleidungen: knappe Bikinis auf der einen Seite des Netzes, auf der anderen Seite lange Hosen und Shirts. Die beiden Ägypterinnen haben sich selbst dafür entschieden, die langen Outfits zu tragen und ihre Religion so auszuleben, wie sie das für richtig halten. Jetzt spielen sie einfach Volleyball.

Um 3.25 Uhr deutscher Zeit am Montag wird Usain Bolt an seinem Startblock stehen. Ich werde mir den Wecker stellen.


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