Bild: Ahmad Al Bazz
Ohne Gewalt, Tränengas und Militär.

42.195 Kilometer am Stück, ohne Checkpoints und Siedlungen? Gibt es im Westjordanland nicht.

"30 Sekunden bis zum Start des Palästina-Marathons", kreischt jemand in ein Mikrofon, während die Läufer sich aufstellen – auf dem Manger-Platz mitten in Bethlehem. Dem Ort, an dem angeblich Jesus geboren wurde. Die Startflagge ist die palästinensische. Als sie fällt, setzen sich die rund 4000 Sportler unter blauem Himmel in Bewegung. Zuschauer pfeifen, klatschen, feuern an.

Irgendwo mittendrin im Trubel vor der Geburtskirche ist Wisam. Der 24-Jährige geht mit seinen 1,70 Metern in der Menge unter. Er ist Mitglied von "Right to Movement", der Organisation, die den Marathon veranstaltet. Weniger als vier Stunden und sechs Minuten, das ist Wisams sportliches Ziel.

Es gibt noch ein anderes. 42.195 Kilometer. Das ist die Norm für Marathon-Strecken. Aber die palästinensische Autonomiebehörde kontrolliert im Westjordanland keine 42 Kilometer am Stück. Die israelische Menschenrechtsorganisation B’tselem hat 2015 96 Checkpoints gezählt. Dazu kommen jede Menge israelische Siedlungen. Außerdem kontrolliert das israelische Militär rund 60 Prozent des Landes.

Auf diese Einschränkung wollen die Läufer, Zuschauer und Organisatoren aufmerksam machen. Beim Palästina-Marathon wird Sport zum Protest. Viele haben sich die palästinensische Flagge ins Gesicht gemalt oder sie um die Schultern geworfen. Joggen, um den Nationalstolz zu zeigen.

Der Lauf in Bildern:
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Eben weil es keine durchgängigen 42 Kilometer gibt, müssen die Teilnehmer zwei Runden laufen. Deshalb ist der Marathon nicht nur physisch anstrengend, sondern auch mental. "Du läufst ins Ziel ein und musst dann noch mal los", sagt Diala Isid. Die 25-Jährige gehört ebenfalls zu den Organisatoren des Marathons, der 2013 zum ersten Mal stattfand.. Sie steht in der Zielgeraden, sorgt dafür, dass niemand den Weg blockiert und, dass die Mädchen mit den Medaillen am richtigen Platz stehen. "Wir wehren uns mit dem Laufen gegen die Besatzung. Das ist unsere Message, das wollen wir der ganzen Welt erzählen."

Wir wehren uns mit dem Laufen gegen die Besatzung.

Während auf dem Manger-Platz "I will survive" im Hintergrund läuft, ist es entlang der Strecke ruhiger. Zuschauer stehen an der Straße oder sitzen in Cafés, rauchen Wasserpfeife und trinken Kaffee oder auch schon mal ein Bier. Die Häuser sind aus sandfarbenem Stein gebaut. Durch die engen Gassen schieben sich immer wieder christliche Pilgergruppen.

Die Route führt durch zwei Flüchtlingscamps, vorbei an einem Banksy-Shop und der Mauer. Die hat Israel zur Terrorabwehr gebaut. Sie ragt rund acht Meter in die Höhe, mit Stacheldraht und Überwachungstürmen.

Hier biegt plötzlich Wisam um eine Kurve. Er ist auf dem Rückweg der ersten Runde, hat die Hälfte fast geschafft. Wisam atmet schwer, Schweiß perlt ihm von der Stirn. "Hier zu laufen, das erinnert mich an die Geschichte meines Volkes, an unser Land", wird er später nach dem Rennen erzählen. Auch im Training sei er hier entlang gelaufen. "Aber dann konnte ich nicht weiter, weil plötzlich überall Tränengas war." Er rannte damals mitten in eine Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen Jugendlichen und dem israelischen Militär. Doch solch eine traurige Szene bleibt an diesem Tag des Palästina-Marathons aus.

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern

Um den Gazastreifen und das Westjordanland gibt es zwischen Palästinensern und den Israelis immer wieder heftige Kämpfe. In den vergangenen Jahren häuften sich die Anschläge radikaler Palästinenser. Sie attackierten Polizisten mit Messern, fuhren mit Autos in Bushaltestellen voller Menschen. Immer wieder töten israelische Sicherheitskräfte Palästinenser nach Angriffen und Protesten.

Viele Politiker plädieren für eine Zweistaaten-Lösung, auf beiden Seiten gibt es aber auch Gegner dieses Plans. Bei einer Zweistaaten-Lösung wird in der Regel von den Grenzen von 1967 gesprochen. Dieser Bereich reicht für das Westjordanland nördlich von Jenin bis kurz vor Beer Scheva und würde Jerusalem teilen. Ein palästinensischer Staat würde außerdem den Gaza-Streifen einschließen.

Die Uno betrachtet alle jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten als Verstoß gegen das Völkerrecht, auch die Europäische Union und die USA kritisieren Israel immer wieder dafür. Im April 2014 stoppten vor allem wegen der Siedlungspolitik die Friedensgespräche zwischen Israelis und Palästinensern.

An diesem Tag lachen alle. Es geht nicht nur um ein politisches Anliegen, sondern auch darum, einfach mal eine gute Zeit zu haben. Messerattacken auf Israelis und Autos, die in Bushaltestellen voller Menschen fahren. So sah der vermeintliche Protest vieler junger Palästinenser in den letzten Monaten aus. In Bethlehem ist der Protest dagegen ein fröhlicher, einer ohne Gewalt, ohne Jugendliche, die Steine schmeißen, ohne israelisches Militär und Tränengas.

Mittlerweile sitzen die ersten Läufer schon erschöpft auf dem Manger-Platz. Nur 290 Teilnehmer laufen den kompletten Marathon, dem Großteil reicht der 10-Kilometer-Abschnitt. Joggen ist in Palästina kein Nationalsport. Die meisten machen hier mit, weil sie ein Zeichen setzen wollen, auch die ausländischen Läufer. Egal, wen man fragt, die Antwort ist immer dieselbe: "Ich will Solidarität mit den Palästinensern zeigen."

Ein Südafrikaner gewinnt schließlich auch den Marathon. Seine Zeit: 2:35:26. Wisam braucht länger als geplant. Nach vier Stunden und 20 Minuten schleppt er sich ins Ziel. Ein palästinensisches Mädchen schafft es kaum, ihm die Medaille um den Hals zu hängen, so schnell beugt er sich vorne über, stützt sich mit den Händen auf den Knien ab. Wisam keucht und schnauft, man versteht kaum, was er sagt. "Das war echt hart. Aber ich hab’s geschafft." Dann verschwindet Wisam erstmal ins Hostel. Duschen. Eiskalt.

Ich will Solidarität mit den Palästinensern zeigen.

Wenig später hinkt er zu einer Bank im Garten des Hostels. Alles tut ihm weh. "In einem der Rocky-Filme hat Sylvester Stallone mal was gesagt, an das ich mich immer erinnere", sagt Wisam. "Nämlich dass es darauf ankommt, wie hart du getroffen werden kannst und trotzdem noch weitermachst. Darauf kommt es an im Leben und beim Marathon."

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Wisam lebt in der palästinensischen Hauptstadt Ramallah, wurde aber in Jerusalem geboren, wo seine Großeltern noch leben. Zwanzig Minuten dauert die Fahrt von einer Stadt in die andere. Wisam war vor einem Jahr zum letzten Mal in Jerusalem. Er benötigt eine spezielle Eintritts-Erlaubnis und die zu bekommen ist nicht einfach. "Um ehrlich zu sein, ist das ziemlich anstrengend", sagt er. "Gerade deshalb wollen wir mit dem Marathon ja auch darauf aufmerksam machen, dass jeder das Recht haben sollte, sich frei zu bewegen." Mal schnell von Bethlehem nach Ramallah zu einer Party fahren oder spontan in den Urlaub fliegen – das geht nicht.

Dass er so eingeschränkt ist, frustriert Wisam. "Einer meiner Träume ist es, dass der Palästina-Marathon von der Geburtskirche in Bethlehem bis nach Jerusalem führt. Von einem heiligen Land ins andere." Jetzt freut sich Wisam aber erst mal auf die Party am Abend. "Wir laufen, wir verteidigen unser Land und dann haben wir Spaß."