Autokratien bejubeln, echt jetzt?

Fußball ist ein Millionengeschäft. Nicht nur auf dem Rasen – sondern vor allem auch in der Werbung. Aber gerade da schießen Fußballer hin und wieder übers Ziel hinaus. 

Jüngstes Beispiel: Lukas Podolski. 

In einem neuen Werbevideo lobt er die Türkei und will Investoren ins Land locken. "Ich habe hier meine Erfolgsgeschichte geschrieben", sagt er. Dann zeigt der Clip Szenen von Torschüssen Podolskis für den Istanbuler Fußballclub Galatasaray – und Erfolgsmeldungen von glücklichen Touristen und erfolgreichen Investoren werden eingeblendet. 

Zum Schluss fordert Podolski auf: "Kommt in die Türkei!"

Der Clip wurde von der staatlichen Exportvereinigung in Auftrag gegeben, einem Teil des türkischen Wirtschaftsministeriums. Er gehört offenbar zu einer Imagekampagne, die die gebeutelte Türkei wieder für Investoren und Touristen interessant machen soll. Er läuft unter anderem auf n-tv, im Netz ist er seit Donnerstag.

Neben Poldi ist der Galatasaray-Spieler Wesley Snejider zu sehen, in einem anderen Video wirbt Samuel Eto'o, ein Stürmer bei Antalyaspor, ebenfalls für die Türkei.

Dazu wird folgender Schriftzug eingeblendet: "Türkei, ein Paradies der Möglichkeiten!"

Das ist zynisch. Denn die Türkei ist derzeit für kritische Stimmen alles andere als ein Paradies. So sehen die "Möglichkeiten" für Tausende Türken aus: 

  • Es kann passieren, dass man als Lehrer entlassen wird, als Uniprofessor plötzlich auf der Straße dozieren muss, wenn man nicht die Meinung des Staatspräsidenten teilt (bento). 
  • Journalisten wandern ins Gefängnis und müssen zuschauen, wie ihre Redaktionen geschlossen werden – weil sie kritisch über die Politik des Landes berichten wollten (bento).
  • Und Schülern wird eine ganze Reihe an Möglichkeit im Unterricht geboten: Soldat spielen zum Beispiel oder türkische Volksmusik hören, statt sich mit so zweifelhaftem wie der Evolutionstheorie zu beschäftigen (bento).

Die Türkei ist gerade vieles, ein Paradies sicher nicht – und wenn Poldi das nicht erkennt, ist das peinlich.

Der ehemalige Nationalspieler hat ab der Saison 2015/16 für Galatasaray gespielt. Jetzt wechselt er nach Japan. 

Sicher, für ihn wird die Zeit in der Türkei eine schöne Erfahrung gewesen sein. Wer die Einkaufsmeile Istiklal im Herzen Istanbuls zum Galata-Turm herabschlendert, trifft herzensgute Menschen, die einen auf einen Tee am Straßenrand einladen. 

  • Die Türkei ist ein großes glückliches Land, und es wäre falsch, ihre Bevölkerung mit dem Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan gleichzusetzen.
  • Genauso falsch ist es aber, unkritisch Werbung für die Sache Erdogans zu machen.

Vor elf Monaten hatten hochrangige Militärs versucht, gegen Erdogans Regierung zu putschen. Der Aufstand schlug fehl, Erdogan konnte die türkische Bevölkerung hinter sich vereinen (bento). Doch seitdem fühlt sich Erdogan berufen, das Land zum seinigen zu machen. 

Podolski ist nicht allein

Auch Cristiano Ronaldo hat schon Werbung für Autokratien gemacht. Im Mai veröffentlichte er ein Video für Ägypten, das von Machthaber Abdel Fattah al-Sisi diktatorisch geführt wird.

Im Clip tänzelt er durch Sehenswürdigkeiten im Land, allerdings wurde mit einem Körperdouble gearbeitet – Ronaldos Kopf wurde später hineinmontiert (Cairo Scene).

Die Verfolgung von Journalisten und Professoren erzählt nur die halbe Geschichte. In einem Referendum hat sich Erdogan zum Alleinherrscher mit weitreichenden Rechten krönen lassen (bento), gleichzeitig tobte er zuvor gegen das "faschistische" Europa, säuberte die türkischen Behörden von Tausenden kritischen Beamten, sperrte Wikipedia und verbot sogar Datingshows im türkischen Fernsehen (bento).

Und erinnert sich auch noch jemand daran, dass der türkische Geheimdienst einst dabei half, die Terrormiliz "Islamischer Staat" im Nachbarland Syrien groß werden zu lassen?

Poldi kann von all dem nicht Nichts mitbekommen haben.

Und das macht seine unkritische Werbung so schwierig. Sport muss nicht immer politisch sein. Manchmal treffen sich einfach nur Frauen und Männer und kicken ein bisschen. 

Aber gerade Fußball – und gerade in der Größenordnung, in der Podolski mitspielt – ist nun mal politisch. Und erst recht, wenn Podolski nicht einfach für Galatasaray wirbt, sondern eben für Erdogans Wirtschaftsministerium.

Ja, Fußball ist ein Millionengeschäft. Poldi hat es hier leider auf die hässlichste Weise gezeigt.

Dabei kann er eigentlich auch ganz anders:


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