Bild: Alex Baur
Im Interview erzählt der Nationalmannschafts-Kämpfer, wieso sein Coming-out ihn noch stärker gemacht hat.

Timo Cavelius ist 23 Jahre alt und steht in seiner Gewichtsklasse auf Platz 42 der Judo-Weltrangliste. Als Mitglied der deutschen Nationalmannschaft fliegt er für Wettkämpfe und Trainingslager um die ganze Welt, noch dieses Jahr möchte er einen Nachrückplatz für die Olympischen Spiele ergattern. 

Timo ist ein Ausnahmetalent im Judo, aber auch eine Ausnahme im Umgang mit seiner Sexualität als Sportler: Vor vier Jahren hat er sich als schwul geoutet, ganz ohne Skandale oder größere Probleme. Wieso gilt der Spitzensport dann immer noch als homophob? 

bento: Timo, vor unserem Treffen habe ich das Internet durchforstet: Ich habe einiges zu deinen sportlichen Erfolgen gefunden, aber fast nichts über dein Privatleben, geschweige denn dein Coming-out – woran liegt das?

Timo Cavelius: Für mich stehen meine sportlichen Leistungen im Vordergrund. Wenn die Medien über mich berichten, dann in erster Linie über Medaillen, Erfolge oder Rückschläge. Eine bekannte deutsche Boulevardzeitung wollte tatsächlich mal eine große Story über meine Sexualität machen – aber weil ich keine traurige oder schockierende Geschichte über mein Coming-out erzählen kann, haben sie das Thema fallen gelassen.

bento: Heißt das, du hattest einfach keine Probleme mit deinem Coming-out?

Timo: Ich denke, ich habe emotional erst mal das Gleiche durchgemacht wie andere schwule Jungs in dem Alter auch. Als ich mit 13 Jahren gemerkt habe, dass ich mich viel mehr für andere Männer interessiere als für Frauen, habe ich es mir erst mal ewig nicht eingestanden und gedacht, das wäre nur eine Phase. Als ich dann mit 15 nach München ins "Haus der Athleten" gezogen bin, um mich auf den Sport zu konzentrieren, hatte ich in der Großstadt das erste Mal die Möglichkeit, mich auch mal mit Jungs zu treffen. Von da an war mir eigentlich klar, dass ich schwul bin. Ich hatte meine erste Beziehung und habe auch mit Freundinnen und meiner Familie angefangen darüber zu sprechen. Ich hatte es damals dann eigentlich schon als einen ganz normalen Teil von mir akzeptiert.

bento: Wieso hast du dich trotzdem erst einige Zeit später vor deinen Mannschaftskollegen geoutet? 

Timo: Im Sport war das Thema für mich lange tabu. Nicht nur, weil ich in den Medien immer wieder Horrorgeschichten über die Coming-outs von Athletinnen und Athleten gelesen hatte. In meiner Mannschaft waren wir alle pubertäre Jungs, die noch ihre Männlichkeit unter Beweis stellen wollten. Judo ist außerdem eine sehr körperliche Sportart, schließlich wirft man sich gegenseitig durch die Gegend und ist sich im Bodenkampf wahnsinnig nah. Ich hatte Angst, dass die anderen mich nicht mehr ernst nehmen würden.

(Bild: Alex Baur)

Irgendwann gab es bei meinen Teamkollegen Gerüchte, dass ich schwul sein könnte. Ich habe nie mit Mädchen angebandelt und wenn mal ein Junge bei mir übernachtet hat, haben das die anderen manchmal mitbekommen. Diese Zeit habe ich als extrem hart in Erinnerung, denn ich hatte nicht nur den Druck, mein Abitur zu schaffen und im Sport meine Höchstleistung zu bringen, sondern auch noch dieses Geheimnis, das ich mit mir herumtrug. Ich merkte, wie mein Körper im Training immer steifer wurde und meine Leistungen stagnierten, weil ich den ganzen Tag angespannt war.

bento: Warum hast du dich dann doch für ein Coming-out entschieden?

Timo: Ich hatte eine Art Schlüsselerlebnis, als ich das erste Mal mit unserer Sportpsychologin über meine Sexualität gesprochen habe. Eigentlich arbeiten wir mit den Psychologen, um Rituale zu entwickeln und Techniken zu erlernen, wie wir im Kampf Druck abbauen können. Als ich ihr von meinem Schwulsein erzählt habe, versuchte sie nicht, mich in irgendeine Richtung zu drängen, sondern machte mir klar, dass die Entscheidung ganz bei mir lag. Und es stimmte: Ich konnte selbst entscheiden, wie ich mit dieser Sache umgehe. Die Angst vor dem Coming-out kam von meiner Seite, bei Freunden und Familie hatte ich sie ja auch überwunden.

Mein "öffentliches" Coming-out bei meinen Teamkollegen war dann mehr oder weniger eine Kurzschlussreaktion: Ich habe einfach einen Facebook-Post gemacht, in dem ich mit den Gerüchten aufgeräumt habe. "Ja, ich bin schwul, aber das ändert nichts an der Person, die ich bin."

Ich hatte natürlich Schiss, wie meine Teamkollegen reagieren würden. Aber bis auf die klassischen "Wie geht das denn bei euch?"-Fragen waren sie alle total cool damit. 

bento: Wie ging es dann weiter?

Timo: Ich erinnere mich noch, dass ich die ersten Tage nach meinem Coming-out immer allein duschen gegangen bin. Irgendwie dachte ich, dass es sonst für die anderen Jungs aus meiner Mannschaft unangenehm wäre. Die haben aber von sich aus gesagt, dass es für sie keinen Unterschied macht, ob ich schwul bin oder nicht. Im Endeffekt hat Sexualität im Sport einfach nichts zu suchen.

bento: Es gibt immer wieder queere Sportlerinnen und Sportler, die sich für LGBTQ-Rechte stark machen oder Missstände in homophoben Ländern aufzeigen. Wie gehst du mit deiner Rolle als queerer Sportler in einem Nationalteam um?

Timo: Bei Kämpfen im Ausland spielt meine Sexualität für mich keine Rolle, sondern es geht um den Sport. Ich passe mich da den Regeln des Landes an. Ich würde in Russland keinen Typen auf der Straße anmachen oder in Abu Dhabi meine Sexualität an die große Glocke hängen. Aber ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, international eine bestimmte Message zu verbreiten. Ich trage den Bundesadler auf meinem Anzug und repräsentiere damit Deutschland sportlich. Mein Ziel ist es, die Wettkämpfe zu gewinnen, meine Gegner merken dann ja von selbst, dass ich "ganz normal" bin.

(Bild: Alex Baur)

bento: Deine sexuelle Orientierung scheint kein großes Thema mehr für dich zu sein – woher kommt dieses Selbstbewusstsein?

Timo: Mit 15 Jahren auszuziehen, in der Jugend auf Turnieren zu glänzen und nebenbei noch meine ganz persönlichen Kämpfe mit mir selbst auszutragen hat mich stärker gemacht. Ich bin außerdem Mitglied der Spitzensport-Förderung der Bayerischen Polizei. Wenn ich nicht kämpfe oder trainiere, bin ich uniformiert im Dienst und trage Verantwortung. Dass ich mich immer wieder beweisen muss, hat mir auch mein Coming-out erleichtert: Wenn mir heute jemand einen dummen Spruch drückt, habe ich kein Problem, zu mir zu stehen.

Ich möchte anderen schwulen Jungs ihre Probleme nicht absprechen, aber trotzdem glaube ich, dass viele Menschen sich die Angst vor dem Coming-out selbst machen. In dem Moment, in dem ich mein Schicksal selbst in die Hand genommen habe, konnte mir nichts mehr passieren. Mein Credo ist ganz klar: Für Homophobie ist heute kein Platz mehr, auch nicht im Profisport.


Trip

Weg ohne Dreck: Dolce Vita am Lago d'Iseo
Für echtes Italien muss man nicht nach Rom fahren.

Vorsichtig wate ich über glitschige Steine in das klare Wasser. Der Zugang ins Wasser könnte bequemer sein, zugegeben. Aber als ich mich endlich in den See gleiten lasse, fühle ich mich eins mit der Umgebung. Dem kühlen Wasser, den Bergen, dem blauen Himmel. 

Ungestört ziehe ich meine Bahnen zwischen Bojen und Enten. Und ich weiß, heute wird mich rein gar nichts mehr stressen – außer vielleicht die uralte Frage: Pizza oder Pasta?