Wer ist Caster Semenya? Diese Frage dürfte beim 800m-Rennen der Frauen am Donnerstagabend viele Olympia-Zuschauer beschäftigt haben. Semenya war im Halbfinale nicht nur die schnellste, sondern mit ihrem muskulösen Oberkörper auch eine der auffälligsten Athletinnen. Am Sonntag (2.15 Uhr deutscher Zeit) könnte sie erstmals Olympia-Gold holen. Denn die 25-Jährige gehört zu den erfolgreichsten Mittelstreckenläuferinnen der Welt. Ihr Start ist aber umstritten.

Wieso halten viele den Start von Caster Semenya für unfair?

Semenya wurde 2009 bekannt, als sie praktisch aus dem Nichts eine 800-Meter-Goldmedaille bei der Leichtathletik-WM in Berlin gewann. Mit einem Vorsprung von mehr als zwei Sekunden. Wegen ihres Erfolges und des maskulinen Aussehens wurde öffentlich diskutiert, ob Semenya wirklich weiblich ist. Der Generalsekretär des Weltverbandes Pierre Weiss sagte damals wenig sensibel: "Es ist klar, dass sie eine Frau ist, aber vielleicht nicht zu 100 Prozent." (FAZ)

Ein Test des Weltverbandes wurde kurz darauf in der Öffentlichkeit bekannt. Semenya hat im Körper versteckte Hoden, aber weder Eierstöcke noch Gebärmutter. Zudem war ihr Testosteronspiegel stark erhöht. "Ich wurde Opfer einer ungeprüften Untersuchung der intimsten Details meines Ichs", sagte Semenya. (SPIEGEL ONLINE)

Was ist Intersexualität?

Intersexualität bedeutet, dass eine Person nicht eindeutig männlich oder weiblich eingeordnet werden kann. Sie steht sozusagen zwischen den Geschlechtern ("inter" ist das lateinische Wort dafür). Viele Menschen nennen die Betroffenen auch "Zwitter". Die Gründe für Intersexualität können vielfältig sein:

  • Genetisch: Die Geschlechts-Chromosomen lassen sich nicht einfach als XY (männlich) oder XX (weiblich) beschreiben, sondern sind anders zusammengesetzt.
  • Hormonell: Das Level an Geschlechtshormonen ist verändert. Der Körper einer Frau produziert dann zum Beispiel mehr Testosteron als üblich ist – diese Form kommt bei vielen intersexuellen Sportlern vor.
  • Anatomisch: Der Körper bildet sichtbare Geschlechtorgane, die nicht eindeutig als Klitoris oder Penis gedeutet werden können.

Meist spielen mehrere Faktoren zusammen. Beispiel: Eine genetisch männliche Person hat einen Körperbau, der zunächst als weiblich wahrgenommen wird. Zurückzuführen ist das auf die Hormone. Oft zeigt sich erst in der Pubertät , dass die Person in Wahrheit intersexuell ist. (Spektrum der Wissenschaft)

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Warum wird das überhaupt untersucht?

Die Unterteilung in Männer und Frauen ist im Spitzensport tief verankert. Kontrollen haben deshalb eine lange Tradition. Geprüft wird allerdings in der Regel nur, ob Athletinnen in Wahrheit nicht "zu männlich" sind - umgekehrt interessiert das kaum jemanden. Die Logik dahinter: Männer seien stärker als Frauen. Weibliche Sportlerinnen müssten deshalb geschützt werden, damit auch sie gewinnen können.

Einige Konkurrentinnen von Semenya finden es nicht in Ordnung, dass sie bei den Frauen-Wettbewerben an den Start geht. Andererseits sehen auch sie ein, dass Semenya nichts für ihren hohen Testosteron-Wert kann.

Wie funktionieren die umstrittenen Geschlechtstests?

Ein verpflichtender Test fand erstmals bei der Leichtathletik-EM 1966 statt. Die Sportlerinnen mussten sich nackt ausziehen und von Ärzten im Intimbereich abtasten lassen (NZZ). Viele Frauen protestierten dagegen. Deshalb wurden ab 1968 Chromosomen-Tests durchgeführt. Seitdem durften nur noch Frauen mit zwei X-Chromosomen bei Wettkämpfen antreten. Auch diese Tests sorgten für Kritik. Seit 1999 wurden die teuren Untersuchungen nur noch in Einzelfällen durchgeführt.

Nach der Diskussion um Semenya wurde hastig ein Testosteron-Grenzwert festgelegt. Sportlerinnen, die darüber lagen, mussten dann Medikamente nehmen oder sich operieren lassen, um noch antreten zu dürfen. Eine indische Athletin klagte vor dem internationalen Sportsgerichtshof dagegen. Seitdem sind die Tests wieder ausgesetzt. Auch Caster Semenya darf seit 2015 wieder ohne Einschränkungen bei internationalen Wettbewerben starten und gehört heute zur Weltspitze.

"Aus hormoneller Sicht sind männlich und weiblich nur Extrempunkte. Alles dazwischen ist ein Kontinuum."
Dr. Martin Bidlingmaier, Uniklinik München (Spiegel Online)
Und wie geht das Thema weiter?

Die Hormontests, mit denen der Leichtathletik-Weltverband die Athleten noch immer untersuchen will, sind hochumstritten. Denn: Auch Männer haben einen wechselnden Testosteronspiegel. Und gerade Sportlerinnen haben oft erhöhte Werte. Schon bei den Doping-Kontrollen zeigt sich regelmäßig, wie schwierig das Thema ist. Ob sich das Geschlecht auf diesem Weg feststellen lässt, ist ohnehin fragwürdig.

Der internationale Sportgerichtshof hat die Tests deshalb bis 2017 ausgesetzt. Wird ihr Nutzen bis dahin nicht eindeutig nachgewiesen, sollen sie verboten bleiben. Auch wenn es für viele ehrgeizige Athleten schwer ist: Es gibt ganz offensichtlich mehr als zwei Körpertypen für Menschen. Und die Fragen dazu dürften den internationalen Spitzensport noch lange begleiten.

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