Bild: Hanna Zobel

Mahmud fehlt mal wieder. Bodo Kleinschmidt, Trainer der 1. Herrenmannschaft des 1. FC Pirna, steht in der Tür der Umkleidekabinen und bleibt ratlos. Spieler für Spieler schälen sich an Kleinschmidt vorbei nach draußen, auf den Platz zum Training. Eigentlich sei Mahmud schon immer da, wenn es drauf ankommt.

"Hat den einer gesehen?" Keiner antwortet.

"Habt ihr ihm in der WhatsApp-Gruppe Bescheid gesagt?" Da sei er nicht drin.

"Hat wenigstens einer den seine Handynummer?" "Aber Trainer", meint nun einer, "du bist doch der einzige, der die hat."

Aber auch Kleinschmidt hat die Nummer nicht. Keiner hat so richtig Kontakt zu Mahmud, dem Flüchtling. Kleinschmidt hat ihn im Sommer auf einem Bolzplatz neben dem Vereinsheim kicken sehen und angesprochen. Ein paar Tage später gehörte Mahmud schon zur Mannschaft. Und plötzlich stand Mahmud Zamil, 18 Jahre alt, Flüchtling aus Syrien, nun Stürmer bei einem Oberligisten einer sächsischen Kleinstadt, im Zentrum all dessen, was seit vergangenem Sommer in Deutschland verhandelt wird.

In der Fotostrecke – Mahmud und die Mannschaft:
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Es geht um die Frage, ob und wie sich Hunderttausende muslimische Flüchtlinge in die deutsche Gesellschaft integrieren können. Darum, was man in der Diskussion um Integration sagen darf oder vielleicht sogar sagen muss. Es geht auch darum, welches Klima gerade in Sachsen die islamfeindliche Initiative Pegida hervorruft. Und um diese eine Frage: Schaffen wir das?

Wie Integration gelingen kann – und wo es schwierig wird – kann man sehen, wenn man Mahmud einige Tage durch Pirna begleitet. Und den Menschen um ihn herum zuhört. "Spielerisch kann man da nicht meckern", sagt Trainer Kleinschmidt. "Der hat voll das teure Handy", sagt ein Mannschaftskamerad. "Alles super gut", sagt Mahmud selbst.

Interaktive Slides – So sieht das Training beim FC Pirna aus:

Mahmud ist vor knapp einem Jahr mit seiner Familie nach Deutschland gekommen. Mit seinen Eltern und fünf Geschwistern gelang ihm die Flucht, erst 2012 von Syrien in den Libanon – nach drei Jahren weiter nach Deutschland.

Hier wurde die Familie nach Pirna zugewiesen. Die Stadt liegt nur rund 20 Kilometer östlich von Dresden. Viele Anwohner fahren allwöchentlich mit der S-Bahn rüber zu den Pegida-Demonstrationen. Die Orte in der Umgebung heißen Heidenau, Freital und Bautzen. Die Namen stehen mittlerweile für Brandanschläge, Nazi-Aufmärsche und Übergriffe (bento). Sie sind Chronologie eines immer deutlicher werdenden Fremdenhasses in Deutschland.

PirnaStorys

In Kooperation mit dem Studiengang Digital Journalism der Hamburg Media School hat bento zehn Journalisten nach Pirna geschickt. Eine Woche lang suchte das Team nach Alltagsgeschichten aus der sächsischen Kleinstadt – und Wahrheiten abseits des Klischees vom "braunen Sachsen". Die erschienenen Texte findet ihr hier.

Pirna selbst blieb von jüngsten Schlagzeilen verschont, gehört aber doch dazu. Von hier agierte die 2001 verbotene rechtsradikale Gruppierung "Skinheads Sächsische Schweiz". Pirnas Jugend berichtet, viele ehemalige Mitglieder seien weiterhin im Untergrund aktiv. Auch der sächsische Verfassungsschutz beobachtet sie weiterhin (Bild-Zeitung).

Mahmud hat von alledem noch nichts gehört. Er wisse zwar, was Nazis seien – aber habe noch nie Probleme mit ihnen gehabt. "Ich sehe die nur aus der Ferne", sagt Mahmud.

Auch Trainer Kleinschmidt kann die Sache mit den Nazis nicht mehr hören.

Ja, die gibt es in Sachsen. Ja, auch Pegida gibt es und ja, auch er ist da mal mitgelaufen. "Ich sah das aber eher als friedlichen Protest", sagt Kleinschmidt – gegen die Flüchtlingspolitik der Regierung zu sein heiße nicht automatisch auch gegen Flüchtlinge zu sein. "Hier im Verein bin ich ja der Integrationsminister."

Neben dem Vereinsgelände ist ein freier Bolzplatz, im Sommer kicken dort immer die Flüchtlinge. Kleinschmidt schaue sie sich an und hole zum Training, wer Talent mitbringt. Einen Afghanen und Mahmud habe er getestet, Mahmud durfte bleiben. Das ist Kleinschmidts Verständnis von Integration: Weniger reden, mehr machen.

"Hier im Verein bin ich ja der Integrationsminister."
Trainer Bodo Kleinschmidt

Der 1. FC Pirna steht in aktuell an der Tabellenspitze in der Kreis-Oberliga. In zehn Spielen lief Mahmud bereits auf, machte zwei Torvorlagen. Der Aufstieg ist das klare Ziel des jungen Vereins, der erst vor knapp fünf Jahren gegründet wurde. Mahmud will helfen, damit es mit dem Aufstieg am Saisonende klappt.

Beim Training wirkt Mahmud trotzdem oft wie ein Fremdkörper.

Niemand spricht mit ihm oder erklärt ihm etwas, nicht selten steht Mahmud einsam am Rand und kickt dann stoisch Bälle vor sich hin. Das liege vor allem an der "Sprachbarriere", sagt Mannschaftskapitän Daniel Rösner. Mahmud spreche kein Englisch und kaum Deutsch."Daher ist die Kommunikation schwierig, meistens geht es nur über Gesten", sagt der 29-Jährige.

Überhaupt, die Sprache. "Mahmud ist jetzt seit vier Monaten bei uns und sein Deutsch hat sich seitdem kein bisschen gebessert", sagt ein Spieler. Es dauere noch lange, bis er ein "vollwertiges Mitglied der Mannschaft" werden könne, ein anderer.

Der Trainer über Mahmud: "Ich will ihn dabei haben."(Bild: Marc Röhlig)

Trainer Kleinschmidt weiß, dass der Flüchtling im Team keinen einfachen Stand hat, "aber ich bin der Trainer und ich will ihn dabei haben." Es sei ja auch normal, wenn aus Mitspielern nicht gleich Freunde werden. Vielleicht reicht es für den Anfang, sich zu respektieren.

"Im ersten Training hat er nach einer Ecke per Fallrückzieher ein Tor erzielt", sagt Kapitän Daniel. "Da ist uns die Kinnlade vor Staunen runtergeklappt."

Mahmud kommt aus Homs, eine größere Stadt im Westen von Syrien. Homs war eine Hochburg im Aufstand gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Sie wurde schon früh im Bürgerkrieg in Trümmer gebombt. Mahmuds Familie entschied sich zur Flucht, als die gesamte Familie seines Onkels erschossen wurde.

"Außerhalb vom Platz haben wir keine Berührungspunkte mit ihm."
Spieler Daniel Rösner

Jetzt setzen sie alles auf Mahmuds Erfolge im Fußball. Der Familie wurde eine Plattenbauwohnung am Rande Pirnas zugeteilt. Im Wohnzimmer steht eine geborgte Couch mit Brandlöchern und ein nussbraunes Bücherregal. Bis auf den Koran und Fotos der Kinder ist es leer. Morgens und abends jobbt Mahmud in einem Supermarkt, dazwischen geht er mit seinen Eltern zum Deutschkurs.

Er sei ein großartiger Spieler, berichtet seine Mutter, "Torschützenkönig!", ruft sein Vater dazwischen. Sie zeigen Medaillen des Sohnes, in Syrien habe er in der Jugendauswahl für den Erstligisten Al-Karama gespielt, im Libanon dann bei einem Verein in Tripoli. Vielleicht spiele er eines Tages für “Dynamo Dresden" oder in Berlin, sagt die Mutter. "Vielleicht wird er neuer Messi!", ruft der Vater dazwischen.

In der Fotostrecke – Mahmuds Alltag in Pirna:
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In der Mannschaft wissen viele nichts von Mahmuds Fußballvergangenheit.

Das Team glaubt, er habe vor allem auf der Straße und nie in einer Mannschaft gekickt. Wenn Mahmud beim Training eine Auslinie überspielt oder foult, dann lassen sie weiterspielen. "Kennt er nicht", rufen sie sich zu. Lieber spielen, weniger diskutieren.

"Die Bundesländer, inklusive Sachsen, sind von der Anzahl der Flüchtlinge überrascht worden", sagt Trainer Kleinschmidt. Zudem sei in der Region Arbeitslosigkeit ein großes Thema, weshalb Flüchtlinge wie Mahmud auch von einigen in der Mannschaft kritisch beäugt werden. "Er wird durchaus als Konkurrent wahrgenommen."

Von den Spielern selbst will das in der Öffentlichkeit niemand sagen. Diejenigen, die sich äußern wollen, betonen gebetsmühlenartig, wie schwierig die Kommunikation mit Mahmud sei. "Außerhalb des Fußballplatzes haben wir wenige Berührungspunkte mit ihm", sagt Kapitän Daniel.

Nach dem Spiel ist Mahmud daher oft nicht dabei, dann, wenn die anderen einen Kasten Bier in die Umkleide tragen oder noch in die Stadt gehen. "Ich rauche und trinke ja nicht", sagt Mahmud, "dann kann ich ja nicht mitmachen."

Allerdings glaube er, dass man auch mal zusammen essen gehen könne. "Ich mag jeden in meiner Mannschaft und jeder mag mich", sagt Mahmud. Er sagt das immer wieder, auch, wenn man ihn mehrere Tage lang begleitet. Es ist der ungebremste Optimismus von einem, der dem Krieg entkommen ist und einfach nur Fußball spielen will.

Er müsse nur noch besser deutsch lernen, um seinen "neuen Freunden" das auch sagen zu können. In zwei Monaten sei er soweit.


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