Bild: dpa/Ina Fassbender
Das Foto mit Erdogan wird nur vorgeschoben.

Die deutsche Fußballnationalmannschaft hat ein Problem. Es ist nicht der Fuß von Manuel Neuer, nicht die Viererkette und nicht das Umschaltverhalten.

Es ist auch nicht die Tatsache, dass sich Ilkay Gündogan und Mesut Özil vor knapp vier Wochen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan haben fotografieren lassen, auch wenn man das denken könnte. (mehr dazu bei bento)

Es sind die Fans.

Nicht alle Fans, aber doch so viele, dass von dem 2:1 gegen Saudi-Arabien nur die Pfiffe in Erinnerung bleiben werden.

Gündogan, in der 57. Minute eingewechselt, wurde bis zum Ende der Partie ausgepfiffen. Das war unwürdig, respektlos und zeigt, wessen Geistes noch immer erschreckend viele Zuschauer bei Spielen der deutschen Mannschaft sind.

Joachim Löw hatte bei der Einwechslung versucht, das Publikum zum Klatschen zu animieren. Später im ARD-Studio klang der Bundestrainer ehrlich verzweifelt, als er aufzählte, was seit dem Treffen der beiden Spieler mit Erdogan passiert war. "Ilkay hat gesagt, er lebe die deutschen Werte. Er hat sich der Presse gestellt", sagte Löw.

Was soll der Ilkay jetzt tun?
Joachim Löw nach dem Spiel

Er kann nichts tun, denn Löw unterliegt ebenso einem Missverständnis wie Teammanager Oliver Bierhoff, der die Debatte abwürgen will, und wie zum Beispiel auch ARD-Moderator Alexander Bommes, der nach der Partie Löw entgegenhielt, dass die Pfiffe zeigten, "dass das Thema mehr Menschen bewegt und möglicherweise auch viele verletzt hat".

Es geht in diesem Fall nicht um Entschuldigungen oder Enttäuschungen oder um Krisenmanagement des Deutschen Fußball-Bunds.

Es geht darum, dass viele Fans auf der Tribüne das Foto mit Erdogan vorschieben.

Sie wollen ihre Wut darüber rauszulassen, dass Spieler für Deutschland auflaufen, die auch durch die Heimat ihrer Eltern geprägt sind. Es mag andere Erklärungen für einige der Pfiffe geben, aber nicht für dieses massive Ausmaß.

Es geht um Rassismus.

(Bild: dpa/Federico Gambarini)

Das mag hart klingen, aber wenn es wirklich um eine Kritik an der Nähe zu Erdogan ginge, um die Sorge um Demokratie, um Moral, dann müsste aus fast jedem größeren Fußballstadion der Welt ein andauerndes Pfeifkonzert schallen.

Denn: Was bei Erdogan ein Skandal ist, hat bei Putin niemand gestört.

  • Wie gehen denn die Fans mit dem FC Bayern um, der beste Geschäftsverhältnisse mit Katar pflegt, wo Menschenrechte kaum eine Rolle spielen?
  • Wie mit Uli Hoeneß, der wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 28,4 Millionen Euro ins Gefängnis musste?
  • Wie mit Lionel Messi und Cristiano Ronaldo, ebenfalls Meister im Geldabzwacken?
  • Wie mit der vom SPIEGEL enthüllten WM-Affäre um das Sommermärchen 2006?

Es spielt für den Großteil der Fans keine Rolle.

  • Hoeneß wurde mit 97 Prozent erneut zum Bayern-Präsidenten gewählt,
  • Messi und Ronaldo sind nach wie vor die größten Stars,
  • der Tenor der Leserzuschriften nach dem Bericht über schwarze DFB-Kassen lautete: Wenn man für so wenig Geld eine WM bekommen kann, haben Beckenbauer und Co. alles richtig gemacht. Das Sommermärchen war doch 'ne tolle Zeit.

Deals, Korruption und Steuerhinterziehung kann man nicht mit persönlicher Nähe zu Autokraten vergleichen? Wer so denkt, für den hält der deutsche Fußball ein weiteres schönes Beispiel an Doppelmoral bereit. Ukraine, Syrien, Abschuss von Flug MH17 – es gibt genug Gründe, Wladimir Putin ähnlich kritisch gegenüber zu stehen wie Erdogan.

Der DFB entschied sich vor einem Jahr beim Confed Cup anders. Kapitän Julian Draxler verfasste eine Brief an den Gastgeber, den er vor dem Finale gegen Chile verlas und der, wie ein Kollege von der "Süddeutschen Zeitung" jüngst entdeckte, noch immer auf der Homepage des Verbands steht. "Russland hat den Test mit Bravour bestanden", schrieb Draxler: "Wir freuen uns schon heute auf unsere Rückkehr im Sommer 2018."

Der Furor kommt hoch, wenn die Spieler ausländische Wurzeln haben.

(Bild: dpa/Christian Charisius)

Es ist nicht bekannt, dass Draxler dafür auch nur einen leisen Pfiff geerntet hat. Ganz zu schweigen von Forderungen, Draxler dürfe nicht mehr für Deutschland spielen, oder der Idee, man könne ja mal eine WM boykottieren. Der Fußball hatte noch nie große Probleme mit rücksichtslosen Machthabern. Aber jetzt, wenn die Politik als praktisches Vehikel taugt, um zwei ungeliebte Kicker anzugreifen, entdecken viele den Demokratiefan in sich.

Auch von den Parteien kommt für gewöhnlich wenig Gegenwind. Die Sache mit Gündogan und Özil hingegen verfing sofort. Alice Weidel, Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, forderte, dass "die Spieler am besten gleich ihr Glück in der türkischen Nationalmannschaft ihres Präsidenten suchen" sollten.

Diese Sichtweise, dass Özil und Gündogan nun mal Türken seien und eben nicht die Deutschen, als die ihre Pässe sie ausweisen, ist erstaunlich verbreitet. Ein Furor, der immer dann hochkommt, wenn es um Spieler mit ausländischen Wurzeln geht.

Nicht jeder, der in Leverkusen gepfiffen hat, ist ein Rassist oder hat ein Bild von Deutschland, wie es Alice Weidel und Co. auch gefallen würde. Aber jeder sollte sich bewusst sein, dass er in einer Reihe steht mit Menschen, die genau dieses Bild haben.


Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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