Bild: Bernd Thissen/dpa
Phil ist bei jedem Heimspiel dabei - und hört manchmal rassistische Beleidigungen.

Seit mittlerweile elf Jahren stehe ich alle zwei Wochen zusammen mit meinem Vater in Dortmund, im größten Fußballstadion Deutschlands. Ich liebe es. Die Stimmung, den Geruch von Rasen, Bier und Bratwurst, all die Menschen, die nur aus einem Grund hier sind: Um ihre Mannschaft zu unterstützen. Hier singt der Rechtsanwalt mit dem Arbeitslosen, der Manager mit der Gärtnerin. 

Für mich ist es ein Stück zu Hause. Ich kenne alle Leute neben, vor und hinter mir. Den Ordner am Blockaufgang begrüße ich mit Handschlag. Der Autor Frank Goosen erklärte einmal auf die Frage, warum er nach all den Jahren noch immer ins Stadion geht: "Weil der Platz die Birne frei macht." Selten habe ich einem Satz so zugestimmt. 

Es gibt nicht viele Orte, an denen man seine Emotionen so frei herauslassen kann, wie im Fußballstadion. Genau das macht die Stimmung so besonders – aber manchmal auch so gefährlich.

Dass manche Fußballclubs ein Problem mit gewaltbereiten Fans haben, ist bekannt. Dass manche davon auch politisch motiviert sind, ebenfalls. Besonders deutlich wurde das am Wochenende, als der Chemnitzer FC vor seinem Regionalliga-Spiel gegen Altglienicke einem verstorbenen, stadtbekannten Neonazi und Chemnitz-Hooligan gedacht. Ganz offiziell, mit Bild auf den Stadionleinwänden, Schweigeminute und Pyroshow. Eine Schande für den deutschen Fußball. 

Natürlich war mein erster Gedanke "Wie kann es sein, dass ein Verein offiziell einem Neonazi huldigt?"

Aber der nächste war auch: 

Was machst du eigentlich gegen Rassismus um dich herum, in "deinem" Stadion? 

Denn auch Borussia Dortmund gehört in die traurige Liste der Fußballvereine, die ein Neonazi-Problem im Fanblock haben. 

Der Vorsitzende des Netzwerks Sport und Politik, Gunter Pilz, erklärt, in Städten wie Dortmund, Leipzig, Cottbus, Dresden und eben Chemnitz hätten sich Hooligangruppen mit Kontakten in die Kampfsportszene in der Fankultur angesiedelt. 

Ihm stimmt auch der Fanforscher Robert Claus von der Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport (Kofas) zu:  

Extrem rechte Fans findet man bei eigentlich jedem Verein, auch im Westen

Ich habe auch selbst immer wieder kleine rechtsextreme Hooligangruppen in Dortmund aufsteigen und genauso wieder verschwinden sehen. 

Aber auch abseits dieser deutlich erkennbaren Rechtsradikalen ist und bleibt der Rassismus im Stadion ein großes Thema.

Vor ein paar Tagen beim Spiel des BVB gegen den VfB Stuttgart stand in meinem Block eine Gruppe ordentlich angetrunkener Männer, um die 40 Jahre alt. Ihr besoffenes Gelalle der Fanlieder fand ich fast charmant. 

An diesem Tag war es wie eigentich immer, wenn es auf dem Rasen nicht rundläuft: Die ersten misslungenen Aktionen der Mannschaft werden noch aufmunternd beklatscht, irgendwann stellt sich eine gewisse Genervtheit ein und spätestens ab der 30. Minute schlägt das Ganze in Wut um. Auch ich war an diesem Tag frustriert von der Leistung meiner Mannschaft und ließ meiner Wut oftmals freien Lauf. 

Sportsoziologe Pilz erklärt, dass genau das der Grund ist, warum viele Fans ins Stadion kommen: "Die Fußballkultur wurde lange Zeit als Pöbelkultur verschrien, weil man im Stadion den Frust und Emotionen, die man aufstaut, herauslassen kann." 

"Da wird von vielen für 90 Minuten ein rechtsfreier Raum gesehen, in dem man mal richtig die Sau rauslassen kann." 

Dabei betont er, dass das nicht per sé schlecht sei. Der Fußball habe hier sogar eine "reinigende emotionale Funktion" für viele. 

Irgendwann aber meldete sich die Männertruppe hinter mir immer öfter und lauter zu Wort. Kurz vor der Halbzeit fuhr der VfB Stuttgart gerade einen Konter und ich hörte klar und deutlich, wie einer aus der Gruppe schrie:

"Grätsch sie um, die schwarze Sau!"

Ich würde lügen, wenn ich sage ich hätte nicht auch schon die ein oder andere wüste Beleidigung geschrien, aber der Spruch hatte doch noch eine andere Qualität. 

Und trotzdem fiel mir in dem Moment nichts ein, was ich sagen kann. 

Seitdem frage ich mich: Wie geht man mit so einer Situation um? Spricht man die besoffenen Mittvierziger an? Sie wirkten nicht wie gewaltbereite Rassisten oder Nazis – aber ich kann natürlich schlecht einschätzen, was sie dazu bringt, so etwas zu sagen.

Und genau hier liegt das Problem, erklärt auch Fanforscher Claus: 

Im Stadion geht es nicht nur um Neonazis.

"Das Stadion ist ja ein sehr erhitztes, emotionales Umfeld. Und der Fußball hat auch ein Stück weit eine Beschimpfungskultur." Trotzdem gebe es hier eine klare Grenzen, wenn es um rassistische, homophobe, sexistische Äußerungen geht, zum Beispiel. 

Für Pilz kann das Stadion sogar ein Ort sein, an dem Rassismus offener ausgelebt wird, als auf der Straße: "Wenn ich zwischen tausenden Fans stehe, kann ich natürlich schwieriger aus der Anonymität gezogen werden. In manchen Fällen wird der Fußball als Plattform missbraucht."

Das Stichwort ist Zivilcourage. Aber wie und wann ist sie angebracht?

Pilz betont, es sei vor allem wichtig etwas vor Ort im Stadion zu tun: "Wenn man schweigt und nachher im Internet schreibt, wie schlimm eine Situation war, wird man damit nichts ändern. Man muss sich dem direkt entgegenstellen!"

Leichter gesagt als getan, das weiß auch der Sportsoziologe: "Wenn 50 Hooligans mit Kampfsporterfahrung vor mir stehen und rechtsradikale Parolen brüllen, würde ich mir wahrscheinlich zwei mal überlegen, ob ich meinen Mund aufmache." 

Ähnlich sieht es auch Claus. Auch er würde davon abraten, sich mit einer Horde Hooligans anzulegen. "Aber wenn es der Nachbar mit einem Bier in der Hand ist, kann man ihn wahrscheinlich auch selber ansprechen."

Gerd Wagner von der Koordinierungsstelle Fanprojekte sieht die Situation ähnlich. Er empfiehlt, die Personen offen ansprechen und an den gesunden Menschenverstand appellieren. "Man kann diesen Leuten klar sagen, dass man sich unwohl fühlt und ihnen sagen, dass die Zeiten, in denen man so etwas brüllt ja wohl vorbei seien." 

Zudem betont Wagner, dass es jederzeit möglich wäre Ordner oder den Verein zu informieren, und sei es auch erst nach dem Spiel. Wie Pilz mir erklärt, habe ich damit genau das geschehen lassen, was den Nährboden für Rechtsextremismus bietet: Ich habe nichts getan. 

"Es ist entscheidend, dass man die Vielen, die schweigen und sich ärgern, mobilisiert. Das Schlimmste ist hier wirklich nichts zu tun, denn dann fühlen sich die Rechten erst recht bestärkt."

So richtig hilfreich finde ich das alles aber noch nicht.

Die Tipps bleiben vage oder gehören in die Kategorie "erklärt reiner Menschenverstand": Klar lege ich mich nicht allein mit Kampfsport-Hooligans an. Und jaja, klar, bei anderen sollte man einschreiten. 

Aber wie? Für Übergriffe in der U-Bahn gibt es Tipps: Sich verbünden, Menschen konkret einbeziehen, und dann intervenieren. Im Stadion kann ich mir nicht so richtig vorstellen, wie ich sage: "Hey, du mit dem Dortmund-Meister-96 Schal, hast du das auch gehört? Sowas sagt man doch heute nicht mehr!"

Einmal, weil ich Angst davor habe, der Buhmann im Block zu sein, der den anderen den Spaß am Spiel vermiest. Und auch, weil die Dringlichkeit sich schwerer vermitteln lässt. "Warum so eine Welle machen, wenn niemand ernsthaft gefährdet wird?" denken bestimmt viele.

Denn eine Beleidigung gegenüber einem, der sie nicht hört, bedroht ja nicht Leib und Leben – zumindest nicht unmittelbar. Aber sie ist der erste Schritt, um Ressentiments zu schüren und rassistische Denkmuster weiter zu tragen. 

Das will ich natürlich nicht - und trotzdem wird mir in meiner Recherche vor Augen geführt, wie schwer ich mich damit tue, mich einzumischen. Die unkonkreten Antworten der Zuständigen zeigen außerdem, wie unbeholfen auch das ganze Umfeld mit dem Thema umgeht. 

Wagner sagt, entscheidend sei, dass sich jeder Fan im Block wohlfühlen könne. Nur dann können wirklich alle nebeneinander auf der Tribüne stehen.

Ich habe an diesem Tag nichts gesagt. Ich bereue das.

Und ich werde mir meine Verbündeten jetzt schon suchen, für die Zukunft. Werde mit den Menschen um mich herum, die ich kenne, über das Thema sprechen, damit wir uns gegenseitig versichern können, dass wir auf einer Seite stehen. Dass sowas für uns nicht geht. Werde einfach bei meinem Vater anfangen. Damit ich mich das nächste Mal, wenn so etwas passiert, gewappnet fühle.

Denn spätestens seit dem Spiel gegen den VfB Stuttgart habe ich mich von der romantischen Vorstellung vieler verabschiedet, die Politik bliebe vor den Toren des Stadions. 

Fußball ist Spaß, Leidenschaft und Triumph und für viele die mindestens zweitschönste Sache der Welt. Aber was Fußball nicht ist: unpolitisch.


Grün

Mario Barth macht Stimmung gegen Fahrverbote – viele Behauptungen wurden längst widerlegt
Nein, Kerzen sind nicht schlimmer als ein Dieselmotor.

Schon seit einigen Jahren ist Mario Barth nicht mehr bloß der stadienfüllende Comedian mit dem immergleichen Thema – auf RTL darf er auch ab und an zur besten Sendezeit den investigativen Reporter spielen. 

Bei "Mario Barth deckt auf!" kommen Wutbürger voll auf ihre Kosten: Denn meistens geht es um Steuergelder, die nach Ansicht des Comedian sinnlos verprasst werden.

Am Mittwochabend war ein großes Thema bei Mario Barth der Skandal um Schadstoffbelastung durch Dieselautos

Auch Barth habe nicht verstanden, worum es dabei eigentlich geht, erklärt er zu Beginn – weshalb er sich mit "Super-Experten" getroffen habe, die ihm die Diskussion um Stickoxide und deren Gesundheitsgefahr erklären sollten. Das große Problem: In der Sendung werden Behauptungen aufgestellt, die längst widerlegt sind.

1 Kerzen sind schlimmer als Diesel

Bei der Diskussion um Stickoxide geht es um den EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Im Jahresdurchschnitt sollte dieser nicht überschritten werden. Diesen Wert hat die EU nicht "einfach so" festgelegt, wie es der Physiker und "Super-Experte" Michael Schreckenberg Mario Barth erzählt. Der Grenzwert beruht in Wahrheit auf einer Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). (SPIEGEL ONLINE)

Tatsächlich gibt es vereinzelt Kritik an dem Grenzwert von 40 Mikrogramm. Die WHO hält bislang dennoch an dem Wert fest. Und die EU prüft die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxid – allerdings kommt für sie nur eine verschärfung der Werte in Frage (SPIEGEL ONLINE)

Ausgestattet mit einem Messgerät und zwei Experten an seiner Seite will Mario Barth nun testen, wie hoch die Stickoxid-Belastung im Alltag ist. Sie zünden die Kerzen auf einem Adventskranz an, Barth hält das Messgerät darüber. Innerhalb kurzer Zeit misst dieses einen Wert von 75 Mikrogramm Stickstoffdioxid. Barth gibt röchelndes Husten von sich, die Wissenschaftler sind sich einig: Da sei man schon fast tot. 

Am Gasherd steigt der Wert anschließend auf bis zu 118 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, am Ende zündet sich Mario Barth noch eine Zigarre an – und der Wert schnellt auf 400 Mikrogramm an – zehnmal so viel als der EU-Grenzwert also. 

Was ist dran am Ergebnis von Mario Barths Experiment?

Dass Kerzen angeblich schlimmer sein sollen als Dieselmotoren, das wurde bereits im Dezember auf Facebook verbreitet. Das Recherchenetzwerk Correctiv stellte damals klar, warum diese Rechnung nicht aufgeht.

Denn wie bereits erwähnt: Der Grenzwert von Stickoxiden liegt bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Die Gase verteilen sich in der Luft, weshalb auch der gesamte Raum mitgezählt werden muss. In einem 20 Quadratmeter großen Raum mit drei Meter hohen Decken müssten deswegen 2400 Mikrogramm Stickoxid ausgestoßen werden, damit der Grenzwert erreicht wird. 

Außerdem gebe es Studien, wonach es Unterschiede gebe, ob Stickoxide im Innen- oder Außenraum ausgestoßen werden. Im Innenraum verfliege es demnach schneller, was bedeutet, dass die erhöhte Konzentration nicht so lange in der Luft bleibt. Denn: An Oberflächen zerfallen Stickoxide. (Correctiv)

Adventskranz oder Gasherd erhöhen also für kurze Zeit die Schadstoffbelastung in der Wohnung – mit einem Leben an einer vielbefahrenen Straße ist das aber nicht vergleichbar. 

2 Wer an einer stark befahrenen Straße lebt, atmet im Leben so viele Stickoxide ein, wie ein starker Raucher in wenigen Monaten.

Nach seinem Experiment will Mario Barth noch mehr über die Belastung durch Stickoxide wissen und spricht mit dem Pneumologen Justus de Zeeuw. Dieser versichert ihm, man könne das Zehntausendfache des Stickoxid-Grenzwertes einatmen und es würde nichts passieren. 

Entweder hat nun de Zeeuw in den vergangenen Wochen nicht aufgepasst, oder die RTL-Redaktion. Denn als Argument bringt der Lungenfacharzt starke Raucher: Die würden in nur sieben Monaten so viele Stickoxide aufnehmen, wie ein Mensch, der 80 Jahre an einer stark befahrenen Straße gelebt habe. 

Genau das behauptete auch im Januar sein Kollege Dieter Köhler in einer Stellungnahme zum Stickoxid-Grenzwert, die von hundert weiteren Ärzten unterschrieben wurde.