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Bisher ist keine richtige EM-Euphorie aufgekommen. Liegt es an mir?

Stell dir vor es ist EM und keinen interessiert es. So geht es zumindest mir. Die Gruppenphase ist vorbei, Deutschland steht im Achtelfinale - alles läuft wie immer. Aber die große Fußball-Euphorie der vergangenen Jahre ist in mir noch nicht ausgebrochen.

Mit Freunden grillen oder beim Public Viewing mitfiebern - so habe ich die Deutschlandspiele der vergangenen großen Turniere erlebt. In diesem Jahr habe ich noch keins der Spiele mit Würstchen und Bier oder vor einer Großbildleinwand gesehen. Mein Freund und ich haben die Partien eher träge-unbeeindruckt vor dem Fernseher im Bett verfolgt.

Warum eigentlich?

Schwarz-Rot-Gold überall, das sind wir zur Europa- oder Weltmeisterschaft gewohnt. Aber dieses Jahr sehe ich erstaunlich wenige Fahnen an Autos oder Häuserfassaden. An der fehlenden Fußballbegeisterung meiner Stadt kann das sicher nicht liegen. Ich wohne in Dortmund. Und während die türkischen Fans ihren 2:0-Sieg gegen Tschechien mit einem lauten Autokorso gefeiert haben, sind die Hupen nach den Spielen der deutschen Mannschaft bisher ruhig geblieben.

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Aber: Eigentlich ist doch alles wie immer. Seit Wochen laufen Werbespots mit Müller, Götze und Co rauf und runter. In den Supermärkten können wir uns vor Fanartikeln kaum retten. 25 Millionen Menschen haben das Gruppenspiel der Deutschen gegen Nordirland gesehen. Das waren fast 80 Prozent aller Fernsehzuschauer. Das große Interesse scheint da zu sein. Liegt es also allein an mir, dass die Stimmung fehlt?

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Der Spielmodus ist schuld.

Zugegeben, ich gehöre zu den Menschen, die von sich sagen: „Ich interessiere mich eigentlich nicht für Fußball, aber die EM gucke ich.“ Obwohl ich in Dortmund lebe, geht die Bundesliga größtenteils an mir vorbei. Wenn aber die Nationalmannschaft spielt, werde ich plötzlich zum Fan.

Alles begann 2006 mit der WM im eigenen Land. Seitdem waren die Turniere ein großes Event für mich. In diesen Tagen erinnere ich mich oft an das 7:1 gegen Brasilien bei der WM 2014. Ich saß mit Freunden im Biergarten und konnte es nicht glauben.

Die EM 2016 hatte bisher eher wenige Tore zu bieten. 2:0, 0:0 und 1:0 sind die unspektakulären Ergebnisse der deutschen Mannschaft. Und auch die anderen Teams halten sich zurück. Und ja, daran ist durchaus der neue Spielmodus schuld, der in den vergangenen Wochen schon häufiger kritisiert wurde.

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In diesen Tagen erinnere ich mich oft an das 7:1 gegen Brasilien bei der WM 2014. Ich saß mit Freunden im Biergarten und konnte es nicht glauben.

Zum ersten Mal spielen 24 Mannschaften um den Titel. Es dauerte also geschlagene zwei Wochen, um acht Mannschaften aus dem Turnier zu kicken. Und da dieses Mal auch die besten vier Dritten weiterkommen, spielen viele Teams auf Taktik.

Statt kreativen Spielzügen haben die Spieler eher Tabellen und Punkte im Kopf. Daraus kann kein schöner Fußball entstehen. Somit mussten wir bisher eher langweilige Partien ertragen. Es bleibt zu hoffen, dass die Mannschaften in der K.-o.-Phase wieder auf Risiko spielen und wir spannendere Matches zu sehen bekommen.

Eher überschaubare Stimmung: Fußball-Fans im Prenzlauer Berg in Berlin(Bild: Sean Gallup/Getty)

Aber auch der Spielmodus kann nicht allein Grund für fehlende EM-Euphorie sein. Vielleicht liegt es an einem Faktor, den wir leider nicht beeinflussen können: dem Wetter.

Die ersten zwei Wochen der EM waren vor allem eins: kalt und nass. An einem Tag dachte ich sogar darüber nach, die Heizung wieder anzustellen (im Juni!). Wie also das Grillen oder das Public Viewing genießen, wenn uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung macht?

Die gute Nachricht: Zum Wochenende soll der Sommer zurückkommen und erst einmal bleiben, pünktlich zur K.-o.-Phase. Wird auch Zeit!

Oder stehen hinter dem EM-Blues größere Probleme?
Kanzlerin in der Kabine: Selbst Angela Merkel konnte sich der Euphorie 2014 nicht entziehen.(Bild: Guido Bergmann/Bundesregierung/Getty)

Nehmen uns politische und gesellschaftliche Probleme die Freude am Fußball? Ja, in manchen Ecken das Kontinents scheint es so zu sein, zum Beispiel im Gastgeberland Frankreich. Ich habe dort für ein Jahr gelebt und vor dem Turnier mit französischen Freunden gesprochen. Sie freuten sie sich eher verhalten auf die EM im eigenen Land. Der Grund: mögliche Terroranschläge. Davon ist Frankreich bisher zum Glück verschont geblieben. Stattdessen liefern Hooligans unschöne Bilder.

Lenken große Dramen ab?

In Großbritannien war der Brexit in den vergangenen Wochen ein großes Thema. Doch das hielt die Briten nicht davon ab, die Spiele zu schauen. Wir haben im Moment nicht einmal ein Thema, das die EM überschatten könnte. Auch die Flüchtlingskrise ist nicht mehr so bestimmend, wie noch vor einigen Monaten.

Sind wir also vielleicht einfach nur verwöhnt vom Erfolg? Deutschland ist Weltmeister und hat das höchste Ziel erreicht, das ein Team erreichen kann.

Ist uns der EM-Titel nichts mehr wert?
Heute können wir uns von den Debütanten eine Scheibe abschneiden.

Neulinge wie Island oder Nordirland machen uns vor, wie wahre Euphorie aussieht. Bis zur WM 2014 waren die deutschen Fans mindestens genauso im Fußballfieber. Heute können wir uns von den Debütanten eine Scheibe abschneiden.

In der Fotostrecke: Nordiren und Isländer zeigen, wie es geht

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Aber ich habe Hoffnung, dass die Euphorie in den K.-o.-Spielen langsam wiederkommt. Das Wetter wird besser, der neue Turniermodus spielt auch keine Rolle mehr. Keine Mannschaft ist bisher klarer Favorit. Deutschland hat also gute Chancen auf den Titel.

Und es wäre doch schade, wenn wir dann nicht mit vollem Herzblut dabei sind.

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