Bild: Getty Images

Die Fußball-EM in Frankreich begann schmerzhaft: In der Altstadt gerieten englische und russische Hooligans vor dem Duell der beiden Teams am zweiten Tag des Turniers aneinander. Die Engländer standen vor den Kneipen rund um den Alten Hafen, waren ziemlich betrunken, provozierten und waren leicht zu provozieren.

Die Russen zogen in Gruppen durch das Viertel. Mit Eisenstangen und Messern jagten sie einzelne Fans. Zwischen den Fronten die Polizei mit Pfefferspray und Tränengas. Ein scharfer Geruch lag in der Luft. Gerötete Gesichter und tränende Augen auch bei Unbeteiligten.

Und das war erst der Anfang.

Vor der EM war die Terrorgefahr das große Thema, jetzt sind es die Hooligan-Krawalle. Russen stürmten den Block der Engländer, Deutsche verprügelten Ukrainer. Auch die Hooligans aus Polen stehen unter Beobachtung. Mehr als 300 Menschen wurden bei der EM bislang festgenommen. Drei Russen müssen ins Gefängnis.

Aber wer sind diese Hooligans überhaupt?

Hooligans sind Schläger, denen es nur am Rande um Fußball geht. Oft haben sie gar keine Karten fürs Spiel. Doch sie nutzen den Fußball als Bühne. Bei der EM machen sie jetzt Schlagzeilen wie lange nicht mehr.

In der Slideshow: die Hooligan-Ausschreitungen in Marseille
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Warum schlagen die Hooligans gerade jetzt zu?

Die Hooligans waren nie weg, sie waren nur abgetaucht. In den Stadien haben sie schon länger keine Chance mehr, dank modernder Überwachungstechnik. Ihre verabredeten Schlägereien finden normalerweise auf Äckern und Wiesen statt. Abseits der Öffentlichkeit. Die EM in Frankreich ist die vorerst letzte Chance der europäischen Hooligans, sich noch einmal in Szene zu setzen. Eine Art Abschiedsvorstellung.

Russen gegen Engländer: Jagdszenen im Stadion von Marseille(Bild: Getty Images / Lars Baron)

Die kommende WM findet in Russland statt, wo es scharfe Gesetze gibt, die Gewalttäter abschrecken. Die dann folgende EM wird in ganz Europa ausgetragen. Schwer für Hooligans, sich zu treffen. Die WM 2022 liegt weit ab vom Schuss, in Katar, und wird wohl das am besten gesicherte Fußballturnier der Geschichte werden.

"Deshalb ist Frankreich ein perfektes Turnier für die Hooligans. Alle Spielorte sind eng beieinander, viele Städte sind sehr verschachtelt, haben kleine Gassen. Zudem sind die Grenzen offen und selbst wenn mal einer verhaftet wird, bekommt er am Ende in Europa nur geringe Strafen für Prügeleien auf der Straße", sagte bei SPIEGEL ONLINE ein Ermittler, der sich mit Fußballgewalt auskennt.

Auch die politische Lage spielt eine wichtige Rolle.

Ihr Körperkult schließt aus, Alkohol zu trinken oder übergewichtig zu sein
Hooligan-Experte Olaf Sundermeyer über russische Schläger
Wie kann es sein, dass es ausgerechnet bei der Hochsicherheits-EM in Frankreich so viel Ärger gibt?

90.000 Sicherheitskräfte sind im Einsatz, um die EM zu schützen – vor allem vor Terror. Auf die Hooligan-Gefahr waren sie schlecht vorbereitet. Vor allem rund um die Stadien und die Fan-Feste, an Bahnhöfen und Flughäfen sind viele Polizisten und Soldaten mit Maschinengewehren zu sehen. In den Innenstädten haben die Hooligans leichtes Spiel mit ihren oft überfallartigen Angriffen. Die Polizei wirkt gestresst und überfordert. Fans klagen, dass auch sie zur Eskalation beitrage.

Wer sind die Hooligans? Eine Übersicht:

Russland
Russische Hooligans im Kampf gegen englische Fußballfans in Marseille(Bild: Getty Images / Carl Court )

Unter Hooligans stellt man sich dickbäuchige, betrunkene Glatzköpfe vor. Die russischen Hooligans sind das Gegenteil. Durchtrainierte junge Männer, erfahren im Kampfsport. Oft mit dem Selbstverständnis von Soldaten, die in die Schlacht ziehen, wie der Hooligan-Fachmann Olaf Sundermeyer in den Tagesthemen sagte: "Ihr Körperkult schließt aus, Alkohol zu trinken oder übergewichtig zu sein." Ihre Angriffe wirken systematisch geplant. Die russischen Hooligans sind stramm nationalistisch eingestellt. Es gibt Verbindungen in die Politik.

Deutschland
Rechter Hooligan bei Hogesa-Aufmarsch in Köln im Januar 2016(Bild: Getty Images / Sascha Schuermann)

Bei der WM 1998 prügelten deutsche Hooligans den französischen Polizisten Daniel Nivel ins Koma. Danach wurde es ruhiger. In den Stadien übernahmen die Ultras das Kommando. Viele von ihnen setzen sich gegen Rassismus ein. Jetzt trauen sich rechte Hooligans wieder mehr. Im Oktober trafen sich bis zu 5000 Menschen unter dem Motto „Hooligans gegen Salafisten“ in Köln. Eine Machtdemonstration.

Auch im Umfeld von Pegida sind Hooligans aktiv. Vor dem Spiel der DFB-Elf gegen die Ukraine in Lille waren Reichskriegsflagge und Hitlergruß zu sehen. Rechte Hooligans sind kein rein ostdeutsches Problem. Auch in Dortmund, Aachen oder Bremen gibt es solche Gruppen.

England
Englische Fans in Marseille(Bild: Getty Images / Carl Court)

In den Siebzigern und Achtzigern hatte England ein massives Hooligan-Problem. Die berüchtigtsten Gruppen hingen den Londoner Klubs Chelsea, West Ham und Millwall an. Bei den Spielen der Nationalmannschaft gab es auch in den Neunzigern noch Ärger. Und heute? Viele englische Fans lassen keine Auseinandersetzung aus. Das viele Bier senkt die Hemmschwelle. Anders als die Russen gehen sie aber nicht gezielt vor. Viele friedliche EM-Fans beklagen, dass sie von der Polizei wie Gewalttäter behandelt werden – wie die Hooligans in den Siebzigern und Achtzigern.

Polen
Polnische Fußballfans und Polizeiaufgebot bei der EM 2012 in Polen(Bild: Getty Images / Shaun Botterill)

Wie in der polnischen Politik findet auch in den Kurven des Landes ein Rechtsruck statt. Als bei einem Europapokalspiel in der vergangenen Saison ein Euro pro verkaufter Karte an Flüchtlinge gehen sollte, riefen die Fans von Lech Posen zum Boykott auf. Es kamen nur halb so viele Zuschauer wie sonst. Fans von Slask Wroclaw zeigten eine rassistische Choreografie. Zu sehen war ein Kreuzritter, der Europa mit einem Schwert gegen ankommende Flüchtlingsboote verteidigte. Auch in Frankreich stehen Polens Hooligans unter Beobachtung. Für die Partie gegen Deutschland galt die höchste Warnstufe. Doch es blieb ruhig.

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Ukraine
Ukrainischer Anhänger von Dynamo Kiew mit Hakenkreuz-T-Shirt (ukrainisches Pokalfinale, Juni 2015)(Bild: Imago / ZUMA Press)

Auch die Ukraine ist mit Problemfans nach Frankreich gereist. Beim Spiel gegen Nordirland standen einige von ihnen mit freiem Oberkörper im Fan-Block – zu sehen waren mehrere Hakenkreuz-Tattoos. Auch bei Vereinspartien in der Ukraine selbst sind immer wieder Nazisymbole zu sehen. Die Uefa fing die tätowierten Fans in Frankreich mit ihren Kameras ein, blendete das Bild aber schnell wieder aus. Außerhalb des Stadions verhalten sich die Ukrainer bislang ruhig. Doch die bevorstehende Partie gegen Polen ist brisant.

Kroatien

(Bild: Uwe Anspach / dpa)

Auch kroatische Fans haben bei der EM randaliert. Bei der Partie gegen Tschechien flogen Fackeln auf den Platz, im Block gab es Schlägereien. Doch mit stumpfer Hooligan-Gewalt hatte das nichts zu tun. Ein Teil der Fans will mit der Sabotage der eigenen Spiele gegen die ihrer Meinung nach korrupte Spitze des nationalen Verbandes protestieren und Veränderungen erreichen. Im Internet prahlen sie mit ihrer Tat und stellen sich als Kämpfer für Recht und Gerechtigkeit da. Aus Sicht von Trainer Ante Cacic dagegen sind sie Terroristen, die im Stadion nichts verloren haben.

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