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Warum ist die Darts-Szene so männerdominiert? Die junge Spielerin Lena Zollikofer im Interview.

Die Engländerin Fallon Sherrock hat für eine Sensation gesorgt. Als erste Frau überhaupt hat sie bei einer Darts-WM ein Spiel gegen einen Mann gewonnen. Seit dem vergangenen Jahr gibt es zwei feste WM-Startplätze für Frauen. Lange Zeit mussten Frauen sich über ein Turnier qualifizieren – mit mäßigem Erfolg für die Spielerinnen. Zur WM 2019 änderte der Verband seine Meinung und führte die beiden Quotenplätze ein. (SPIEGEL).

Wettkämpfe finden normalerweise getrennt zwischen den Geschlechtern statt. Die Darts-Szene ist eine Männerdomäne. Viele der Starspieler können von dem Sport leben. Keine einzige Frau schafft dies bis jetzt. Fallon Sherrock ist gelernte Friseurin, ihre 15.000 britischen Pfund Preisgeld für das Erreichen der zweiten Runde sind bis jetzt der größte Gewinn einer Frau.

Warum ist die Darts-Szene so männerdominiert? Und was bedeutet der Sieg einer Frau für den Sport? Darüber haben wir mit der deutschen Spielerin Lena Zollikofer gesprochen.

Lena Zollikofer

Die 23-Jährige ist derzeit auf Platz zwei der deutschen Frauen-Rangliste im Darts und die beste Spielerin in ihrer Altersgruppe. Sie kam durch ihre Eltern, die beide schon seit über 20 Jahren Darts spielen, zum Sport. Sie hat es bis ins deutsche Nationalteam geschafft. Auch ihre Schwester Lisa übt den Sport aus. Lena ist gelernte Arzthelferin und arbeitet gerade in einem Labor bei Bremen.

bento: Wie hast du von Fallon Sherrocks Erfolg bei der Darts-WM mitbekommen?

Lena: Ich habe es bei Facebook gesehen und mir kleine Videoschnipsel ihres Spiels angeschaut.

bento: Du hast es gar nicht live verfolgt?

Lena: Nein, ich musste länger arbeiten und anschließend noch Weihnachtseinkäufe erledigen. Ich wusste nicht, an welchem Tag Fallon bei der WM mitspielt. Chancen hätte ihr vorher sowieso niemand eingeräumt. Laut den Videos, die ich gesehen habe, war sie aber sehr gut drauf. Besser als damals gegen mich.

bento: Du hast schon mal gegen sie gespielt?

Lena: Ja, ich spiele seit zwei Jahren in der deutschen Frauen-Nationalmannschaft. Dieses Jahr waren wir für einen Wettkampf in Rumänien. Wir haben in einem Viererteam gegen Fallon Sherrock und drei andere Engländerinnen gespielt. Auch da hatte man schon großen Respekt vor ihr. Obwohl sie damals keinen so guten Tag hatte, haben wir leider verloren.

bento: Die Darts-Szene gilt als männerdominiert. Welche Bedeutung hat da der Sieg einer Frau?

Lena: Die Männer nehmen Frauen beim Darts eigentlich gar nicht ernst. Sie denken, dass wir nicht so stark spielen wie sie. Bei der WM hat man jetzt aber gesehen, dass es durchaus Spielerinnen gibt, die mithalten können. Ich persönlich finde es schöner, bei gemischten Wettbewerben anzutreten. Wenn ich gewinne, gucken die Männer blöd.

bento: Wie muss man sich die Darts-Wettkämpfe vorstellen?

Lena: Bei den Spielen des Deutschen Dart-Verbands sind die Geschlechter getrennt. Das ist in der Szene eigentlich überall so. Es gibt aber ein paar Zusatzturniere, bei denen Männer und Frauen gemischt gegeneinander antreten.

bento: Bei Darts geht es hauptsächlich um Präzision, nicht um Kraft, Stärke oder Größe. Sollten da nicht alle gleich behandelt werden?

Lena: Ich weiß auch nicht, warum die Trennung immer noch so strikt ist. Frauen könnten locker bei den Männern mitspielen. Am Training kann es nicht liegen – 15 Minuten am Tag reichen theoretisch schon, man muss einfach diese Armbewegung verinnerlichen. Aber aus irgendeinem Grund werden die Wettbewerbe nicht zusammengelegt. Ich kann es mir leider nicht erklären.

bento: Hat man es als Frau schwer bei den Spielen?

Lena: Naja, alle denken "das ist halt 'ne Frau". Meine Schwester Lisa und ich haben aufgrund unserer Siege einen Namen in der Szene. Uns nimmt man schon ernst, würde ich sagen. Wenn eine Mitspielerin ganz frisch dabei ist, dann ist das für sie schwerer. Spielt sie dann aber richtig stark, machen die Männer wieder große Augen.

bento: Wie setzt man sich am besten gegen die Männer durch?

Lena: Wenn ich im Spiel bin, dann blende ich alles andere aus. Ich schaue nicht mal auf den Score meiner Gegnerinnen oder Gegner. Das Wichtigste ist, dass man selbst ein gutes Spiel macht und trifft.

bento: Was war der wichtigste Wettkampf, an dem du bis jetzt teilgenommen hast?

Lena: Das waren meine Einsätze fürs Nationalteam. Auch in England habe ich schon mal bei den World Masters, einem der ältesten Darts-Turniere der Welt, gespielt. Das war auch ein tolles Erlebnis. Aber ich möchte noch weiter kommen. Ein großes Ziel wäre es, auch mal bei der WM zu spielen.

bento: Es gibt bis jetzt zwei Quoten-Startplätze für Frauen bei der Darts-WM. Reicht das?

Lena: Ich finde nicht. Es wäre schön, wenn mehr Frauen mitspielen dürften. Die Männer wären doch trotzdem noch in der Überzahl. Bei den Turnieren in Deutschland ist es ähnlich: Da nehmen teilweise 300 Männer teil und nur 30 Frauen. Auf internationaler Ebene wäre es doch kein Problem, zu sagen, dass zwei Männer weniger spielen und dafür noch mehr Frauen die Chance kriegen. Wie man sieht, gibt es da ja richtig gute Spielerinnen, die durchaus siegen können.

bento: Bei den männlichen Darts-Spielern gibt es richtige Stars, wie Michael van Gerwen. Denkst du, es wird irgendwann auch mal eine Frau geben, die von dem Sport leben kann?

Lena: Wenn eine Frau auf der internationalen Bühne konstant eine solche Leistung abrufen kann wie Fallon Sherrock gerade bei der WM, dann könnte ich mir das irgendwann schon vorstellen.

bento: Wie kommt es eigentlich in der Kneipe an, wenn du bei einem Bierchen die Männer an der Dartscheibe abzockst?

Lena: Wir haben eine Stammkneipe, da spielen wir auch manchmal Turniere. Wer mich da noch nicht kennt und vielleicht ein paar Bier getrunken hat, nimmt mich meistens erstmal nicht ernst.

bento: Aber wahrscheinlich nur, bis du die ersten Darts geworfen hast, oder?

Lena: Ja, so läuft es meistens. Spätestens wenn ich nach dem ersten Spiel aufgewärmt bin, bin ich gut dabei. Manche wollen auch um Einsätze spielen. Da sage ich natürlich ja – und bezahle dann meine Rechnung mit dem Geld. Das ist vielleicht auch wieder ein Vorteil, wenn man als Frau unterschätzt wird.

bento: Am Samstag findet für Fallon Sherrock die nächste Runde der WM statt. Schaltest du ein?

Lena: Na klar, es ist Wochenende und die Weihnachtsgeschenke sind mittlerweile alle besorgt. Da werde ich auf jeden Fall vor dem Fernseher sitzen und sie anfeuern.

bento: Denkst du, sie kann für eine weitere Sensation sorgen?

Lena: Wenn sie so weiterspielt wie in der ersten Runde, auf jeden Fall.


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