"Luft im Muskel, nix im Kopf"

Andres Kempf, 26, studiert Geschichte und Germanistik auf Lehramt – und er ist Bodybuilder. Mit 17 Jahren meldete er sich im Fitnesstudio an, seit vier Jahren nimmt er an Wettkämpfen teil. Seitdem bereitet er sich wochenlang auf Meisterschaften vor, achtet penibel auf seine Ernährung und trainiert fast täglich. (Badische Zeitung)

Damit ist er sehr erfolgreich: Im November 2018 wurde er Deutscher Meister im Classic-Bodybuilding.

Aber wie passt das zusammen, angehender Deutschlehrer und Extrem-Pumper? Wir haben mit Andreas Kempf über seinen Sport, sein Bild von Männlichkeit und über Bodybuilder-Klischees gesprochen. 

Andres, welches Buch liest du gerade?

"Geschichte des Westens" von Heinrich August Winkler. Das lese ich für die Uni. Privat interessieren mich vor allem Exilromane: Wie sind jüdische Schriftsteller im Exil mit Nazi-Deutschland umgegangen? Solche Sachen.

Wie oft unterhältst du dich mit Bodybuilder-Kollegen über Literatur?

Nie.

Weil die das nicht interessiert oder weil ihr andere Themen habt?

Das sind meiner Meinung nach zwei Welten, ich pendle hin und her. Bodybuilding ist mein Hobby, auch mein Lifestyle. Auf der anderen Seite steht die Karriere-Welt, also die Uni. Ich will nicht nur Lehrer werden, um einen sicheren Job zu haben oder Geld zu verdienen.

Also hast du zwei verschiedene Freundeskreise, die sich nicht so richtig zusammenbringen lassen?

Ja, kann man so sagen. Ich habe Freunde, die ich tagsüber an der Uni sehe; mit ihnen unterhalte ich mich eher über Uni-Themen. Abends treffe ich mich mit meinen anderen Freunden, die alle Fitnesssport machen. Wir gehen zusammen essen oder auch mal feiern. 

Du hast mit Fitnesstraining angefangen, um dein Selbstvertrauen zu stärken. Wie kam es dazu?

Mit 17 ging meine erste längere Beziehung in die Brüche. Es gibt verschiedene Arten, damit klarzukommen; mich hat damals ein Bekannter gefragt, ob ich zum Pumpen mit ins Fitnessstudio kommen will. Mir ging es emotional nicht gut und ich hatte das Gefühl, dass ich etwas Neues brauche. Also habe ich es gemacht.

Wie stärkt das Training dein Selbstvertrauen?

Mit 18 oder 19 ging es mehr darum, sich mit anderen zu vergleichen. Habe ich bessere Arme als der? Das lässt aber nach, je älter und reifer man wird. Heute ziehe ich mein Selbstvertrauen daraus, dass ich in der Lage bin etwas zu schaffen, was viele andere nicht können: Ich bin diszipliniert, halte durch und verändere so meinen Körper.

(Bild: Anne Hummel)

Du wehrst dich gegen Bodybuilder-Klischees. Welchen Vorurteilen begegnest du?

Einige Leute starren mich an, schütteln den Kopf. Wahrscheinlich finden sie meine Muskeln einfach nicht ästhetisch. Viele halten uns für blöd, nach dem Motto "Luft im Muskel, nix im Kopf". Oder sie glauben, Bodybuilder seien nur darauf bedacht, das geilste Auto zu fahren und den härtesten Typen zu markieren. Dabei muss man sich genau mit biomechanischen Abläufen und besonders der Ernährung auseinandersetzen, um etwas zu erreichen.

Auf Youtube geben sich viele Bodybuilder martialisch. Nahrungsergänzungsmittel für Fitnesssportler werden mit Sprüchen wie "Get big or die trying" beworben. Ist die Szene nicht selbst schuld an ihrem Proleten-Image?

Es gibt durchaus Leute in der Szene, die so sind. Ich sehe die ja selber auf Instagram, wie sie vor einer dicken Karre posen und die entsprechenden Sprüche drunterschreiben. Aber ich gehöre nicht dazu und viele andere auch nicht. Mir ist es wichtig, dass wir nicht alle über einen Kamm geschert werden. Die Leute sollen genauer hinschauen.

Was bedeutet Männlichkeit für dich?

Mit 19 dachte ich, es wäre männlich, einen Bart und Muskeln zu haben, so Kraft auszustrahlen. Heute würde ich meine Männlichkeit nicht mehr durch meine Muskeln definieren. Je älter ich wurde, je länger ich studiert habe, desto mehr habe ich gemerkt, dass Männlichkeit für mich persönlich eher heißt, seine eigenen Werte zu haben und auch zu vertreten. Ich will unabhängig sein. Auf eigenen Beinen stehen.


Beim Bodybuilding geht es vor allem ums Aussehen. Was macht einen Mann deiner Meinung nach attraktiv?

Man muss kein Bodybuilder sein oder so, aber ich würde schon sagen: ein sportliches Äußeres. Und gute Kleidung.

Was meinst du damit?

Wenn man ein Auge dafür hat, wie man zum Beispiel Farben kombiniert. Und dass man nicht mit einer Jogginghose in der Uni oder im Restaurant rumrennt.

Wir haben jetzt viel über Männlichkeit geredet. Welche Rolle spielen denn Frauen im Bodybuilding?

Eine immer größere, die Frauenklassen bei den Wettbewerben haben extremen Zulauf. Man sieht auf jeden Fall, dass sehr viele Frauen in die Szene kommen oder da rein wollen. Gerade auf Instagram fällt das extrem auf. Der Lifestyle hat sich übertragen auf das andere Geschlecht. 

Haben Frauen in der Bodybuilding-Szene mit anderen Problemen zu kämpfen als Männer?

Ich glaube nicht. Aber ich weiß es auch nicht genau, weil ich mich nicht ständig in der Wettkampf-Szene bewege. Über Instagram bekomme ich zwar mit, dass Frauen auf ihr Äußeres reduziert werden. Allerdings ist das bei uns Männern auch nicht anders. Schließlich geht es in unserem Sport ja auch darum.

Du willst Lehrer werden. Wie reagierst du, wenn dir ein 16-jähriger Schüler sagen sollte, dass er auch Bodybuilder werden möchte?

Da muss ich zwischen Fitness und Bodybuilding mit Wettkämpfen unterscheiden. Wenn er Fitness machen will, würde ich das gut finden und fördern. Das ist besser, als mit 16 auf dem Spielplatz rumzuhängen und Unfug zu treiben. Wenn er aber Bodybuilding machen will, würde ich ihm sagen, dass er zu jung ist und so eine Entscheidung noch nicht treffen kann.

Warum?

Du kannst mit 16 noch nicht wissen, was Bodybuilding dir abverlangt. Du hast zu wenig Zeit für Freunde, kannst kaum feiern, nicht mit anderen Leuten essen gehen. Da geht einfach zu viel verloren, was in dem Alter dazugehört. Man muss sich ja selbst erst noch finden. Ich habe erst als 22-Jähriger mit Wettkämpfen angefangen und war damals meiner Meinung nach reif genug, um die Entscheidung zu treffen, für eine gewisse Zeit andere Sachen dem Sport unterzuordnen. Und sobald ich diese Phase hinter mir habe, werde ich auch wieder anders.


Today

In Berlin streiken Bus- und Bahnfahrer – und die Menschen sehen es mit Humor und twittern

Ab 3:30 Uhr bis 12 Uhr streiken am Freitagmorgen die Berliner Verkehrbetriebe (BVG). Das bedeutet: U-Bahnen, Straßenbahnen und Busse stehen still. Hunderttausende Fahrgäste sind betroffen. Und was passiert? Die Menschen twittern. 

Warum streikt die BVG?

Die Situation bei der BVG ist angespannt: hoher Krankenstand, zu wenige Fahrerinnen und Fahrer, überalteter Wagenpark. Und ungerechte Arbeitszeiten: Bislang haben nur Mitarbeiter, die vor 2005 eingestellt wurden, eine 36,5-Stunden-Woche. Nach Gewerkschaftsangaben muss jedoch inzwischen mehr als die Hälfte aller BVG-Beschäftigten zweieinhalb Stunden länger pro Woche arbeiten. (Berliner Morgenpost) Außerdem verdienen Mitarbeiter im ÖPNV von Berlin sehr unterschiedlich: So verdienen U-Bahn-, Bus- und Tram-Fahrer (bei der BVG, einem Landes-Unternehmen, eingestellt) nach Angaben von RBB24 rund 900 Euro weniger als S-Bahn-Fahrer (bei einer Tochter der Deutschen Bahn eingestellt).

Die Gewerkschaft Ver.di hatte die 14.000 Beschäftigten der BVG und ihrer Tochter Berlin Transport aufgerufen, am Freitagmorgen die Arbeit niederzulegen, nachdem auch die zweite Runde der Tarifverhandlungen gescheitert sind. (SPIEGEL ONLINE) Es ist der erste große Warnstreik beim BVG seit sieben Jahren.

Die Gewerkschaft verlangt für alle Mitarbeiter der BVG und Berlin Transport eine 36,5-Stunden-Woche und Weihnachtsgeld, zudem Änderungen an der Entgelttabelle und eine Einmalzahlung von 500 Euro für Gewerkschaftsmitglieder.

Um 12 Uhr soll der Warnstreik enden. Das Unternehmen erwartet aber, dass der Verkehr auch dann noch einige Stunden unregelmäßig ist.