Oft ist das Fahrrad für uns nur Mittel zum Zweck: morgens schnell zur Arbeit kommen, nicht im Stau stehen, am Wochenende fix die Einkäufe erledigen, zur nächsten Bahnstation fahren. Für geflüchtete Frauen aber bedeutet ein Fahrrad weit mehr: Freiheit, Unabhängigkeit, Stolz.

Das Freiburger Projekt "Bike Bridge" hilft Frauen dabei, Fahrradfahren zu lernen und erste Touren durch die deutsche Verkehrswelt zu wagen. Dahinter stecken die drei Organisatorinnen und Sportwissenschaftlerinnen Clara Speidel, Lena Pawelke und Shahrzad Mohammadi.

Shahrzad Mohammadi, Clara Speidel und Lena Pawelke(Bild: Privat)

Shahrzad, 29, weiß aus eigener Erfahrung, dass Fahrradfahren für viele nicht alltäglich ist. Sie kommt aus Maschhad im Iran und lernte dort im Alter von fünf zu radeln. Für sie gehörte es zur Selbstverständlichkeit, ohne Hijab zu fahren, bis sie als Jugendliche einmal von einem Mann dabei gestoppt wurde. 

"Du verhältst dich wie ein Junge, so darfst du nicht durch die Gegend fahren", habe er ihr gesagt, erinnert sich Shahrzad. Ihre Antwort damals: "Ich tue, was immer ich für richtig halte." Bis heute ist es so geblieben. 

Während in ihrer Heimat das Fahrradfahren für Frauen mittlerweile verboten ist, gibt Shahrzad jetzt in Deutschland anderen Frauen Kurse. 2010 kam sie für ihren Master mit einem Studentenvisum nach Konstanz, mittlerweile schreibt sie ihre Doktorarbeit an der Universität Freiburg.

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Als Shahrzad im Sommer 2015 ein Flüchtlingsheim in Freiburg besuchte, kam ihr die Idee zu "Bike Bridge". Sie beobachtete wie Männer auf dem Sportplatz Fußball spielten, Frauen waren nirgendwo. "Es gibt meist nur Sportangebote für Männer und Kinder", sagt Shahrzad. Viele Frauen saßen traurig in den Unterkünften, während ihre Männer sich draußen vergnügten, erinnert sie sich. 

Das wollte sie ändern.

Mit ihren zwei Mitstreiterinnen startete sie "Bike Bridge", suchte Helfer, entwickelte das Programm und besorgte Räder. In diesem Jahr organisieren sie bereits vier Kurse in ganz Freiburg. Aus einem 15-köpfigen Team wurde ein 50-köpfiges.

Wie sehen die Kurse aus?

Die Frauen lernen nicht nur, wie man das Fahrrad steuert und das Gleichgewicht behält, sondern auch viel Theorie. "Wir haben Verkehrsregeln extra auf Persisch, Arabisch und Englisch übersetzt", sagt Shahrzad. Die Frauen trainieren zunächst auf einem Verkehrsübungsplatz, anschließend starten sie mit den Touren durch die Stadt und in die Umgebung. Auch Reparaturworkshops stehen auf dem Programm. Die Fahrräder konnten die Frauen am Ende behalten, in Zukunft sollen sie dafür eine kleine Aufwandsentschädigung bezahlen.

"Es gibt meist nur Sportangebote für Männer und Kinder"

Mittlerweile interessieren sich so viele Frauen, dass es eine Warteliste gibt. Auch andere Städte wie Konstanz und Stuttgart hätten bei "Bike Bridge" angefragt. Doch es fehlt an Geld und vor allem Fahrrädern, deshalb haben die drei Frauen jetzt bei Startnext eine Crowdfunding-Aktion gestartet. 

"Für viele Frauen geht ein Traum in Erfüllung", sagt Shahrzad. "Sie lernen Freiheit kennen, in einem ganz neuen Umfeld."

Der Moment, wenn sie das erste Mal ohne Hilfe davon radelten, sei am schönsten. "Sie sind dann nur noch am Strahlen", sagt Shahrzad. Für die Frauen – die meisten unter ihnen Muslima – sei Fahrradfahren ein Sport, der in keinem Widerspruch zu ihrer Religion stünde, erklärt Shahrzad. Auch den Hijab könne man weiter unter dem Helm tragen.

Doch "Bike Bridge" geht es nicht nur um das Freiheitsgefühl der Frauen. "Es bringt nichts, wenn die Frauen Deutsch lernen, aber die neu erlangten Sprachkenntnisse gar nicht anwenden können", sagt Shahrzad. Mit dem Fahrrad könnten die Frauen zum Einkaufen fahren, mit Menschen ins Gespräch kommen. Sie lernten die Umgebung und ihre neue Heimat viel besser kennen. 

Man nennt es Integration.


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