Zwei verfeindete Fußballvereine treffen aufeinander – einer ist offen links, einer macht immer wieder Schlagzeilen wegen rechtsextremer Fans (SPIEGEL ONLINE). Die Anhänger stürmen den Platz, Pyrotechnik wird gezündet. Und viel schlimmer: Ein Teil der Fans zeigt immer wieder den Hitlergruß und skandiert Nazi-Parolen. 

Doch der zuständige Verband ignoriert die offen rechtsradikalen Taten, will davon nichts mitbekommen haben – und droht nun ausgerechnet dem Verein mit einem Liga-Ausschluss, der die Nazis aus dem Stadion verbannen wollte.

Was ist da los?! 
Das ist passiert:

Mehrere Männer strecken ihren rechten Arm nach vorn, die Hand ist flach und gerade. Wer noch Zweifel hat, ob diese Bilder wirklich einen Hitlergruß zeigen oder in einem ungünstigen Moment aufgenommen wurden, der verliert diesen Zweifel spätestens, als dieselben Personen in einem Video beginnen, "Arbeit macht frei" zu skandieren.

Von der Begegnung Babelsberg 03 – Energie Cottbus im April 2017 in Potsdam gibt es etliche Fotos und Videos. Wer nicht glaubt, dass es wirklich so schlimm war, kann das Ganze in dieser arte-Reportage ansehen:

Zur Orientierung: Ab etwa Minute 19 geht es um das Spiel, bei 19:06 spricht eine Frau, die Cottbus-Fan ist von "Zecken, Zigeunern und Juden", bei Minuten 22:00, 22:53, und 26:00 sieht man deutliche Hitlergrüße, kurz darauf bei 26:33 ruft der entsprechende Teil der Cottbus-Fans "Arbeit macht frei".

Das muss doch bestraft werden, oder?

Die beiden Vereine sind verfeindet. Schon vor dem Spiel war klar, dass die Partie ausarten könnte. Mit solchen Ausschreitungen hatte trotzdem niemand gerechnet. Selbst das Extra-Aufgebot an Sicherheitskräften und Polizei konnte dies nicht verhindern. 

Beinahe musste das Spiel abgebrochen werden. In solchen Fällen greift der Verband meist im Nachhinein hart durch. So auch dieses Mal: Der Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) verhängte Geldstrafen

  • 7.000 Euro für Babelsberg, wegen Pyrotechnik. 
  • 16.000 für Cottbus wegen Pyro und Platzsturm.

Soweit nichts Besonderes, doch Streit entstand wegen der Tatsache, dass in der Urteilsbegründung gegen Babelsberg auch der von den Fans gerufene Satz "Nazischweine raus" erwähnt wird – mit Bezug auf den Beleidigungsparagrafen der DFB-Ordnung (MDR). 

Über die rechtsextremen Taten der Cottbus-Anhänger kein Wort. 

"Da wussten wir nichts von"

Das Sportgericht des NOFV will von den rechtsextremen Parolen und Handzeichen nichts mitbekommen haben – obwohl die Bilder und Videos überall kursierten. Richter Oberholz sagte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: "Da wussten wir nichts von, schlicht und ergreifend." Worauf Babelsberg-Chef Archibald Horlitz erwidert: "Sie lügen, schlicht und ergreifend."

Das angebliche Unwissen ist tatsächlich sehr unwahrscheinlich. Immerhin wurden drei Cottbusser Fans wegen der Hitlergrüße schon vom Landesgericht zu Geldstrafen verurteilt, wie Gerichtssprecher Wolfgang Peters auf bento-Anfrage mitteilte.

Wie waren die Reaktionen?

Levi Salomon, Sprecher des Vereins Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus sagte: "Es ist schockierend und verstörend zugleich, dass wiederholt gewalttätige Fußballfans eine gesamte Spielpartie ungestört volksverhetzende sowie antisemitische Inhalte skandieren und ein vermummter Block grölend den Holocaust verherrlicht." (PNN)

Auch die Reaktion von Cottbus-Trainer Claus-Dieter Wollitz irritiert. Er sagte, zum Fußball gehöre nun mal Fankultur und da könnten auch "Dinge, die man so nicht tun will" geschehen. 

Will er damit sagen, man könne "aus Versehen" zum Nazi werden?!

Immerhin sagte der Cottbus-Geschäftsführer Normen Kothe: "Wir begrüßen das rigorose Vorgehen der Polizei gegen die Störer und hoffen, dass die diese zweifelsfrei festgestellt wurden. Diese Personen wollen kein Fußballspiel sehen und kennen anscheinend keine rechtsstaatlichen Grenzen mehr. Ihnen ist augenscheinlich nur durch Polizei und Gerichte beizukommen." (Lausitzer Rundschau)

Der Verein wird schon seit einiger Zeit immer mehr von der rechten Szene unterwandert und versucht seit dem vergangenem Jahr, stärker dagegen vorzugehen (SPIEGEL ONLINE). Die in Babelsberg auffällig gewordenen Fans sollen auch in Cottbus bereits Stadionverbot haben. 

Umso wichtiger wäre eine klare Reaktion des Verbandes.

Babelsberg 03 schrieb einen offenen Brief an den DFB, in dem der Verein sich über das Vorgehen des NOFV beschwerte. Der DFB reagierte – und der NOFV verhängte nachträglich eine Geldstrafe von 5000 Euro gegen Cottbus. Außerdem solle der Verein Geld in präventive Maßnahmen investieren und ein Konzept "zur Vermeidung demokratiefeindlicher Verfehlungen" vorlegen. (PNN)

Ende gut, alles gut? Von wegen!

Cottbus legte gegen die Entscheidung beim NOFV Berufung ein – und gewann. Die Strafe wurde vollständig aufgehoben.

Wie kann das sein? 

Wie rechts ist der Verband selbst? Es wirke, als versuche er, durch das Ignorieren von rechtsextremen Taten Stress zu vermeiden – "aber damit schaffen sie sich letztendlich viel mehr Stress", sagte Babelsberg-Sprecher Thoralf Höntze zu bento. Der Verband selbst hat auf die Anfragen von bento nicht geantwortet.

Aus Protest gegen dieses Skandalurteil will Babelsberg nun die eigene Strafe auf keinen Fall zahlen. Der NOFV hat allerdings die zweite Mahnung ausgesprochen: Babelsberg soll bis Freitag zahlen, sonst droht ihnen ein Spielausschluss. Wie lange – das ist unklar. Es wäre das erste Mal, dass ein Verein von Spielen ausgeschlossen würde, so Höntze.

Am Freitag, dem schicksalsträchtigen Tag, spielt Babelsberg übrigens gegen Chemie Leipzig – ein Verein, der gerade Ähnliches durchlebt: Er muss eine Geldstrafe von 10.000 wegen Pyrotechnik im Fanblock zahlen – während die rassistischen und homophoben Rufe der gegnerischen Fans von Lok Leipzig vom Verband ignoriert wurden. (PNN)


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