Bild: Linus Giese; Montage: bento

In Deutschland können Transpersonen immer noch nicht selbst über ihren Körper bestimmen. Ob und wie sie eine Geschlechtsangleichung vornehmen dürfen, regelt seit 1981 das sogenannte Transsexuellengesetz (TSG). Darin steht unter anderem eine Altersgrenze für operative Eingriffe und Regeln, wann jemand seinen Namen ändern darf. Auch unterscheidet das Gesetz nur zwischen Mann und Frau. 

Betroffene und Verbände kritisierten das TSG lange als veraltet und ungenau – die Bundesregierung blieb dennoch jahrelang untätig. Nun sollte plötzlich eine Neuerung her: Horst Seehofers Innenministerium und Katarina Barleys Justizministerium hatten sich auf ein Update geeinigt. 

Doch jetzt wurde die Umsetzung des Transsexuellengesetzes ausgesetzt – wohl auch, weil Betroffene in den vergangenen Tagen Lärm gegen den Entwurf gemacht haben.

Einer, der sich besonders stark engagierte, ist Linus Giese. Linus schreibt auf seinem Blog Buzzaldrins Bücher über Literatur, die ihm besonders wichtig ist – aber auch über sein Leben als trans Mann. Zum geplanten Gesetz sagt er zu bento:

Das Gesetz ist so geschrieben, als ob Transsexualität nur ein Hirngespinst sei – und wir erst mal das Gegenteil beweisen sollen.
Linus Giese

Als er vom Gesetzentwurf hörte, startete Linus auf change.org eine Petition, um diesen zu verhindern. Innerhalb weniger Tage haben knapp 25.000 Personen unterzeichnet, im Netz erklären sie unter #TSGReform außerdem, was sie von der Gesetzesänderung halten. Der Unmut gegen das neue TSG wurde so sichtbar.

Der von Buzzfeed veröffentlichte Entwurf umfasst 31 Seiten voller Neuregelungen. Fachverbände kritisierten ihn als "Rückfall um Jahrzehnte" oder "respektlos". Und auch auf bento äußerten sich Betroffene kritisch:

Bundesinnen- und Bundesjustizministerium wollten das Gesetz ursprünglich Mittwoch in das Bundeskabinett einbringen – doch dieser Termin wurde kurzfristig verschoben. 

Wir haben mit Linus über seine Petition gesprochen – und ihn gefragt, wie es nun mit dem Transsexuellengesetz weitergehen soll.

Deine Petition haben innerhalb weniger Tage fast 25.000 Menschen unterzeichnet. Wie hat sich das angefühlt?

"Großartig! Ich hatte mich am Anfang über den Gesetzentwurf einfach nur maßlos geärgert, war mir aber nicht sicher, was ich dagegen tun kann. Dann dachte ich mir: Alles ist besser als Nichtstun. Viel Hoffnung hatte ich allerdings nicht.

Das nun in so kurzer Zeit so viel Unterstützung kam, macht mich glücklich. Es gibt mir das Gefühl, nicht allein und hilflos zu sein."

Was hat dich am Entwurf gestört?

"Dass es eine Reform vom TSG gibt, ist richtig – aber die Umsetzung ging gar nicht. Es soll weiterhin Gerichtsverfahren geben, die über eine Namensänderung entscheiden. Und es werden weiterhin Ärzte hinzugezogen, um Gutachten zu erstellen.

Komplett neu angedacht war, auch Ehepartnerinnen und Ehepartner vor Gericht über die Identität des Betroffenen zu befragen. Als ob man den Transpersonen selbst nicht ausreichend Glauben schenkt. Neu wäre auch gewesen: Wenn ein Gesuch abgelehnt wird, muss man drei Jahre warten, bevor man wieder einen Antrag auf Angleichung stellen darf."

Das alles zeigt mir, dass über trans Menschen weiterhin fremdbestimmt wird.
Linus Giese

Das steht im Gesetzentwurf zum neuen Transsexuellengesetz:

Künftig sollen Änderungen des Geschlechtseintrags in der Geburtsurkunde erst nach drei Jahren neu beantragt werden können. Viele Betroffene finden das willkürlich und warnen vor den Folgen bei möglichen Fehlentscheidungen.

Namens- oder Geschlechtseinträge sollen weiterhin nur vor Gericht geändert werden können und nicht beim Standesamt. Außerdem sollen Ehepartnerinnen und -partner künftig angehört werden. Betroffene fürchten, dass so ein Veto-Recht mit Erpressungspotential entstehen könnte.

Der neue Entwurf will Inter- und Transsexuelle per Definition unterscheiden. Kritikerinnen sagen, dass das in der Praxis jedoch neue Probleme schafft und nicht alle Menschen erfasst.

1/12

Linus, du kritisierst, dass Ärzte eine "begründete Bescheinigung" vor einer Geschlechtsangleichung erstellen. Warum?

"Mich stört, dass das Leben von Menschen begutachtet wird. Es gibt keine Selbstbestimmung. Es ist ja okay, Therapiestunden zu besuchen – aber warum braucht es am Ende eine Bewertung? Wieso kann ein anderer Mensch festlegen, ob ich meinen Namen ändern darf oder wie ich mich zu fühlen habe?"

Linus hören: In unserem Podcast "Uns was machst du so?" erzählt er von seiner Arbeit als Buchhändler

Die Regierung will mit dem Gesetz vor allem Klarheit in der Unterscheidung zwischen Inter- und Transsexualität schaffen. Klingt doch eigentlich gut?

"Klar. Seit Ende 2018 gibt es die dritte Option – die aber auch von trans Menschen genutzt wird, um die komplizierten Regeln im TSG zu umgehen. Wenn die Regierung jetzt das TSG überarbeitet, um da nachzubessern, begrüße ich die Reform. Leider führt die bisherige Ausarbeitung am Ziel vorbei."

Wie soll es nun weitergehen. Was müsste die Regierung tun, um ein sinnvolles Gesetz zu erarbeiten?

"Auf jeden Fall den bestehenden Entwurf in Ruhe reformieren und auf die Verbände hören. Und trans Menschen sollen bei der Ausarbeitung gehört werden! 

Mein utopischer Wunsch ist allerdings, das irgendwann gar kein Gesetz mehr nötig ist. Ich kann dann einfach ins Standesamt gehen und mein Geschlechtseintrag ändern lassen, ohne andere um Erlaubnis zu fragen."


Gerechtigkeit

Wie "Game of Thrones" seine Frauenfiguren ruiniert

Es gibt eine Frage, die fast jede Frau schon mal gehört hat, weil sie sich nicht so benommen hat, wie Frauen sich angeblich benehmen sollten: "Warum flippst du so aus? Hast du deine Tage?"

Sie legt nahe, dass Frauen grundsätzlich Phasen haben, in denen sie unberechenbar überemotional sind und kaum in der Lage, rationale Entscheidungen zu treffen. Abgekürzt wird das "Prämenstruelle Syndrom" mit PMS.