Eine junge Frau. Blonde Locken, freundliches Lächeln. Daneben ein junger Mann. Kurze Haare, kleines Kinnbärtchen, strahlende Augen. Nur wer bei den beiden Bildern genau hinsieht, erkennt in beiden ein und dieselbe Person. 

Der 21-jährige Jaimie Wilson hat sich vor zwei Jahren als Transgender geoutet und lässt seitdem die Welt an seinem Prozess teilhaben:

"Zuerst hatte ich Angst, mich als Transgender zu outen, weil ich keine 'Anzeichen' zeigte", schreibt Jaimie unter einem seiner Instagram-Fotos. Damit ist gemeint: Er sah eben nicht männlich aus.

Jaimie hatte lange Haare, trug Make-up, gab sich sehr feminin – um den Erwartungen der Menschen in seiner Umgebung zu entsprechen, wie er sagt. "Als ich mich outete, haben Menschen versucht, mir einzureden 'So bist du nicht'", schreibt er. 

Sie meinten, ihn zu kennen.

Doch anstatt sich davon entmutigen zu lassen, war dies der Moment, an dem Jaimie sich seiner selbst erst richtig bewusst wurde. Seine Nachricht seitdem:

Es gibt nicht immer irgendwelche äußeren Zeichen, die auf deine wahre Identität hindeuten: Wer du wirklich bist und wie du dich fühlst, kannst nur du selbst wissen. Doch dazu zu stehen, war ein großer Schritt für Jaimie.

Wie sich sein Körper Schritt für Schritt verändert, zeigt er auf seinem Instagram-Kanal:
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Das sagt seine Familie:

Jaimie wuchs im mittleren Westen der USA auf. Seine Eltern besitzen einen Pferdehof in Michigan, die Familie ist sehr groß und wenn er von seiner Jugend erzählt, beschreibt er seine Familie als liebevoll und unterstützend. Jaimie hatte sein eigenes Pferd, sein Leben wirkte auf den ersten Blick einfach nur idyllisch.

Allerdings nur, solange er mitspielte, sich anpasste.

"Ich wusste schon sehr früh, dass ich 'anders' war", sagt Jaimie zu bento. Aber seine Familie und die Kleinstadt, in der sie lebten, war sehr religiös und von gesellschaftlicher Vielfalt weitgehend abgeschirmt. Daher wusste Jaimie seine Gefühle jahrelang nicht richtig einzuordnen, kannte niemanden, dem es ähnlich ging, oder der aus dem System ausgebrochen war.

Manchmal habe ich mich heimlich als Junge verkleidet, meine Haare in eine Basecap gestopft und Klamotten meiner Brüder angezogen.
Jaimie Wilson
Der Wendepunkt:

Alles änderte sich, als Jaimie eines Tages den Kurzfilm "Break Free" von der Schauspielerin Ruby Rose (auch bekannt aus "Orange is the new Black") sah. 

Darin schneidet sich Rose ihre langen, blonden Haare ab, entledigt sich ihrer femininen Klamotten, wischt sich das Make-up weg und zeigt immer mehr von sich selbst. Rose ist genderfluid und genau das soll der Film darstellen. Er wurde schon fast 28 Millionen Mal auf YouTube angesehen.

Hier ist er:

In mir hat etwas 'Klick' gemacht.
Jaimie Wilson

Zum ersten Mal fühlte sich Jaimie verstanden: "Something inside me clicked", sagt er zu bento. 19 Jahre lang hatte er mit einer Lüge gelebt. Das wollte er nun beenden. Er war sich völlig darüber im Klaren, dass es schwer werden würde. 

Aber das war es ihm wert.

Eines Tages schnitt er sich die Haare ab und ging ohne Vorwarnung so zu seiner Familie nach Hause. Sie reagierten leider genau so, wie er es sich vorgestellt hatte: "Ihre Missbilligung, ihr Gespött und ihr Mobbing ging so weit, dass ich nicht mehr dort leben konnte. Es war ein unsicherer Ort für mich geworden", sagt er.

Er verließ seine Familie, beendete die High School alleine und informierte sich immer mehr darüber, was Transgender bedeutet und welche Geschichten andere Menschen erlebt hatten.

2015 wagte er dann den Schritt, endlich auch äußerlich ein Mann zu werden. Er begann eine Hormontherapie und lässt sich seitdem jede Woche Testosteron spritzen – vermutlich bis ans Ende seines Lebens. 

Wie hat das Netz reagiert?

Warum er sich dazu entschied, seinen Prozess öffentlich zu machen? Weil er selbst durch die Geschichten anderer Menschen so sehr ermutigt wurde. Und das möchte er nun zurückgeben. 

"Als ich Rat suchte, gab es wenige Männer, die Vorher-Nachher-Bilder ihres Prozesses zeigten", sagt Jaimie. Also beschloss er, dies selbst zu tun.

Er bekomme sehr viel Zuspruch und mutmachende Nachrichten. Was seine Familie ihm nicht geben konnte, kriegt er nun von fremden Menschen aus dem Netz und von vielen neu gewonnen Freunden.

"Ich habe zwar meine Familie und mein voriges Umfeld verloren, trotzdem bin ich jetzt viel glücklicher", sagt Jaimie. 

Endlich kann er der Mensch sein, der er schon immer war.
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