Bild: Anton Darius, Unsplash / Screenshot (bento-Montage)
Und was stimmt jetzt? – Wir haben Menschen gefragt, die es wissen müssen.

Wer im falschen Körper geboren wird, hat es nicht leicht: von der eigenen Identitätsfindung über eventuelle körperliche Anpassungen bis hin zum Kampf um gesellschaftliche Akzeptanz

Da ist es besonders verletzend, wenn diejenigen, die auf diesem Weg eigentlich helfen sollen, glauben, man habe sich seine Probleme nur eingeredet. Ein aktueller Artikel unter der Überschrift "Ist es jetzt Mode, transgender zu sein?" hat aus diesem Grund sehr viel Kritik bekommen. Das Problem: Er stammt von der Ärztezeitung.

Darin wird zunächst berichtet, dass immer mehr Jugendliche und Kinder Beratungsangebote zum Thema Transgender wahrnehmen. Der im Artikel zitierte Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Alexander Korte sieht die Begründung dafür darin, dass:

  • das Thema Trans* in den Medien immer präsenter wird und dadurch an Normalität gewinnt,
  • sich dadurch immer mehr junge Menschen selbst als trans* diagnostizieren würden,
  • Trans* für junge Leute eine "neuartige Identifikationsschablone" sei, die Jugendlichen den "Status des Besonderen" verleihe,
  • Begriffe wie genderfluid und pangender Teenagern die "Illusion der Multioptionalität" gäben.

In den sozialen Medien entstand, nachdem der Artikel erschienen war, sofort eine Diskussion. 

Hier sind Auszüge der Debatte auf Twitter und Facebook.

Es begann mit diesem Tweet...

Darauf antworteten die Menschen:

"Ja, total. Genauso, wie es jetzt 'Mode' ist, Depressionen oder Burn-out zu haben oder homosexuell zu sein. Was zur Hölle sind das für Ärzte, die so eine Frage stellen?"

"Traurig, dass es als negativer 'Trend' dargestellt wird, dass immer mehr Menschen zu sich selbst finden und stehen können, weil das Internet es möglich macht."

"Ich mag nicht, wie sie andeuten, dass es schlecht sein könnte, dass Transmenschen stärker repräsentiert werden (social media und so)."

Auch in unserer Facebookgruppe "Queer in Deutschland" fragten wir nach der Meinung der Menschen. Hier sind einige Reaktionen:

"Ohhh ja, weil's ja so 'in' ist, Drohungen von der eigenen Familie zu bekommen und Freunde zu verlieren"

"Ich kriegs kotzen bei der Überschrift. Nein ist es nicht. Menschen gehen jetzt nur damit offener um, mehr trauen sich sich zu outen, was diesen Schein erweckt, aber das ist bullshit."

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Die Ärztezeitung teilte auf bento-Anfrage mit, der Artikel beziehe sich lediglich auf einen Vortrag des im Text erwähnten Dr. Korte. 

Sind die Argumente von Korte denn tatsächlich Quatsch? Wir haben zwei Menschen gefragt, die es wissen müssen.

Timo Nieder von der Uniklinik Hamburg-Eppendorf war gerade federführend bei der Erarbeitung einer neuen Leitlinie, die Ärztinnen und Ärzten bei der Diagnostik, Beratung und Behandlung von Transmenschen helfen soll. Er sagt:

Ja, es gibt eine Zunahme von Jugendlichen – und auch Erwachsenen – die sich outen oder sich als trans* fühlen und Beratung suchen. 

Aber ich möchte dem Unterton des Artikels widersprechen, manche dieser Menschen seien "echte" Transpersonen und andere folgten nur einem Social-Media-Phänomen. Wenn Jugendliche mit dem Gefühl, transgender zu sein, ein Hilfsangebot wahrnehmen, sollten sie ernstgenommen werden. 

Dabei steht zunächst nicht im Vordergrund, ob die Begründung ist "ich fühle das seit einem halben Jahr", habe darüber mal etwas gelesen und vier andere Kinder aus meiner Klasse sind auch transgender" oder "seitdem ich denken kann, fühle ich mich als Junge". 

Beide Kinder haben einen ernstzunehmenden Bedarf nach Hilfe.
Timo Nieder

Natürlich hat das Thema Trans* eine mediale Präsenz, die es vor zehn oder 15 Jahren noch nicht gab und das beeinflusst Menschen. Man könnte schwule Männer Mitte 40 fragen, ob Carsten Flöter – der erste schwule Charakter im deutschen Fernsehen – einen Einfluss auf sie hatte. 

Mit Sicherheit hatte er das! Weil er ein attraktiver Akteur war, der offen schwul lebte. Dasselbe passiert nun auch: Transakteure sind in den Medien sichtbar und werden nicht als krank dargestellt, sondern sind normale, coole, attraktive Personen. Damit sind sie auch Projektionsfläche für orientierungssuchende Teenager. 

Doch der Artikel suggeriert, dass das ein Problem sei. Das ist es nicht.
Timo Nieder

Wenn jemand sagt, er sei Transgender, heißt das nicht, dass er deshalb eine Hormonbehandlung oder chirurgische Eingriffe benötigt, sondern es beginnt mit Beratung und Hilfe. Es gibt auch Menschen in unserer Ambulanz, die sich mehrere Jahre als Transgender definieren, dann feststellen, dass sich dies doch nicht richtig anfühlt und sich schließlich für einen anderen Weg entscheiden. Auch das ist möglich und muss kein Problem sein, solange keine unwiderruflichen Veränderungen durchgeführt wurden.

Wiebke Fuchs ist im Vorstand der Bundesvereinigung Trans*, die aus Verbänden, Vereinen und Einzelpersonen besteht und sich für die Rechte von Transmenschen einsetzt. Sie sagt:

Solche Artikel geben Ärztinnen und Eltern geradezu eine Lizenz fürs Nicht-Ernstnehmen – dafür, zu sagen, "das hast du dir nur eingebildet". Und auch dafür, den Umgang mit manchen Gleichaltrigen zu verbieten und den Zugang zu Informationen zu beschränken. Dabei kann es für Jugendliche eine große Erleichterung sein, Gleichgesinnte zu treffen und in einem geschütztem Rahmen auszuprobieren, wie es sich anfühlt, andere Kleidung zu tragen oder mit dem gewünschten Namen angesprochen zu werden.

Ich finde es auch nicht lebensnah, zu sagen, manche Jugendliche definieren sich als trans*, um "etwas Besonderes" zu sein. Denn der Preis des Outings ist viel zu hoch. 

Viele machen noch immer Diskriminierungserfahrungen.
Wiebke Fuchs

Hilfsangebote und der Kontakt mit anderen Transjugendlichen können diese Belastungen sehr stark mildern und sollten daher unterstützt statt verhindert werden.

Wie Jugendliche auf den Gedanken kommen, dass sie trans* sind, ist sehr unterschiedlich. Ich habe mit Menschen gesprochen, die zwischen den Sechziger- und Achtzigerjahren ihr Coming-Out hatten. Sie mussten harte Gewalterfahrungen überstehen, gleichzeitig gab es fast keine Informationen zu dem Thema – nur die Lexika in der Stadtbibliothek oder ein Magazinartikel pro Jahr. 

Von diesen Menschen hörte ich oft Sätze wie "und dann gab es endlich das Internet". Das hat Möglichkeiten eröffnet. Wenn man also heute sagt "die sind ja nur trans*, weil sie davon in den sozialen Medien hören", verdreht man damit Ursache und Wirkung. 

Es gab früher einen eklatanten Mangel an Informationen und nur die mutigsten und widerstandsfähigsten Menschen haben ein Coming-Out gewagt. Wer sich wundert, warum es heute viel mehr Transjugendliche gibt als vor 20 Jahren und dafür dem Internet die Schuld gibt, verkennt die Zusammenhänge.

Mehr zum Thema – Samuel ist trans* und diese Vorurteile kann er nicht mehr hören:


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Wir haben in Hamburgs Reichenviertel an Türen geklingelt und nach der DSGVO gefragt
Spoiler: Es war sehr eigenartig.

Ein Schock geht durch Deutschland: Müssen Millionen von Bundesbürgerinnen und Bundesbürger ihre Klingelschilder abmontieren, nur, weil die Bürokraten in Brüssel bei der DSGVO gepfuscht haben? Stehen bald vielleicht nur noch Nummern an unseren Türen? Und was macht das mit uns?