In dem Musikvideo zu Taylor Swifts neuem Song "You Need To Calm Down" sieht man die Sängerin Seite an Seite mit ihrer einstigen Erzfeindin Katy Perry und umgeben von etlichen queeren Promis: von den "Queer Eye"-Fab-Five bis zu Talkshow-Host Ellen DeGeneres und Dragqueen RuPaul. 

Sie alle tanzen durch eine kunterbunte Sommerwelt, mit Glitzer, rosa Drinks und extra viel Make-up. Dazu singt Swift Lyrics wie "shade never made anybody less gay" – "Beleidigungen haben noch nie jemanden weniger schwul/lesbisch gemacht". 

Es ist nicht das erste Mal, dass Taylor Swift sich für LGBT-Themen stark macht. Und wie jedes Mal gehen sofort wieder die Gerüchte um die sexuelle Orientierung der Sängerin los (Buzzfeed).

Ist Taylor Swift lesbisch? Oder bi? Oder biedert sie sich nur an, um damit Geld zu verdienen? 

All diese Fragen geistern seit Jahren durch Swifts Fanbasis. Dabei sind die Antworten darauf relativ unwichtig. Denn:

1. Wenn Taylor Swift tatsächlich queer ist, sollte sie sich nicht zu einem Coming-out gezwungen fühlen.

Die Entscheidung, über die eigene Sexualität zu sprechen, ist sehr persönlich. Und genau, wie jeder Mensch die Möglichkeit haben sollte, ein Coming-out ohne negative Konsequenzen zu haben, so sollte ebenfalls jeder Mensch die Möglichkeit haben, diese Information für sich zu behalten. Selbst wenn die Person ein Promi ist.

Viele Menschen haben das Gefühl, eine Art Anrecht auf alle Details aus dem Leben von Stars zu haben. Partner, Kinder, Haus – über all das möchte man informiert werden und es möglichst ungefiltert sehen dürfen. 

Angesichts dieser Absurdität kann es doch nur gesund sein, wenn jemand die Entscheidung trifft, nicht alles von sich preiszugeben.

Vielleicht ist Taylor Swift straight, vielleicht ist sie gay, vielleicht passt sie in keine Kategorie – ist doch egal. Die Debatte darum ist jedenfalls nicht sehr queer-freundlich: Wenn wir im privaten Rahmen die Vermutung haben, jemand könne queer sein, stellen wir das doch auch nicht öffentlich zur Debatte und zwingen die Person so zu einem Outing. Warum sollte man es bei prominenten Menschen anders handhaben?

2. Wenn sie nicht queer ist, schmälert das trotzdem nicht ihren Einsatz für LGBT-Rechte.

Man muss keine Frau sein, um sich für Feminismus zu engagieren. Und man muss sich nicht einem der Buchstaben in LGBTQ zugehörig fühlen, um sich gegen Diskriminierung einzusetzen. 

Swifts Video wurde mitten im Pride-Monat veröffentlicht – den ganzen Juni über feiert sich die queere Community und kämpft für mehr Rechte und Akzeptanz. Ein Song und Video wie dieses tragen ihren kleinen Teil dazu bei. 

Schließlich ist die Message: Schluss mit dem Hass; Freiheit und Gleichberechtigung für die queere Community. Unterstrichen wird das von einem klaren Statement am Ende des Videos, in dem Swift ihre Fans dazu auffordert, eine Abstimmung zu dem vom US-Kongress debattierten "Equality Act" zu fordern und Swifts Petition dazu zu unterschreiben.

Für den Gesetzesentwurf, der queere Personen vor struktureller Diskriminierung schützen soll, engagiert sich Swift schon seit mehr als einem Jahr

Und selbst wenn das Engagement neu wäre: Ist es nicht sehr zynisch, es als reine Geldmacherei abzustempeln? Viele von Swifts engsten Freunden sind schwul oder lesbisch – Todrick Hall, zum Beispiel, der nicht nur einer der Stars, sondern auch Co-Produzent des aktuellen Videos ist. Warum sollte sie sich nicht für die grundlegenden Rechte der eigenen Freunde einsetzen?

Jahrelang wurde Taylor Swift dafür kritisiert, sich nicht politisch zu positionieren und ihre eigenen Privilegien nicht zu hinterfragen. Nun, da sie dies mal tut, wird ihr wiederum vorgeworfen, sie könne es gar nicht ernst meinen.

Selbst wenn das Worst-Case-Szenario zuträfe und Taylor Swift eine eiskalte Geschäftsfrau wäre, die durch ein heuchlerisches pro-LGBT-Image Geld scheffeln will, wäre das übrigens eine gute Nachricht: 

Das würde immerhin zeigen, welche Erfolge die LGBT-Bürgerrechtsbewegung errungen hat. Denn wenn ein Star wie Taylor Swift sich mit einem Hauch Queerness schmücken wollen würde, wenige Jahrzehnte, nachdem Menschen noch wegen ihrer sexuellen Orientierung ins Gefängnis kamen, dann ist das einer der schönsten Erkenntnisse des Pride-Monats.


Gerechtigkeit

Zwölf Jahre nach dem NSU ist rechter Terror bedrohlicher denn je
Unsere Generation hat jetzt die Aufgabe, Institutionen wachzurütteln.

Ein Politiker wird in Deutschland mit einem Kopfschuss exekutiert, mutmaßlich, weil er einen humanen Umgang mit Geflüchteten vertritt. Das passiert im Jahr 2019. Das passiert ganze zwölf Jahre, nachdem die Rechtsterroristen des NSU acht türkisch- und einen griechischstämmigen Zuwanderer in einer jahrelangen Terrorserie ermordet haben (bento).

Vor zwei Wochen wurde der Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke in seinem eigenen Haus getötet. Im Netz bejubelten Rechte die Tat. Lübcke hatte 2015 den Flüchtlingskurs von Bundeskanzlerin Angela Merkel verteidigt, Menschen beschimpften ihn als "Volksschädling". 

Als dringend Tatverdächtiger wurde Stephan E. festgenommen. Er soll Verbindungen in die Neonazi-Szene rund um "Combat 18" haben, bereits als Jugendlicher soll er eine Asylunterkunft mit einer Rohrbombe angegriffen haben, später soll er der AfD gespendet haben (SPIEGEL, Zeit).

Der gewaltsame Tod von Walter Lübcke – wie auch die Ermittlungen und der öffentliche Umgang damit – zeigen, dass Deutschland auch zwölf Jahre nach dem NSU rechten Terror verdrängt. 

Die Tat zeigt jedoch auch: Eine junge Generation will das nicht länger hinnehmen, lässt Rechtsextremismus nicht länger durchgehen. Und drängt damit auch die Behörden, endlich aufzuwachen. 

Am Montagabend gab es erste Spontandemos in Berlin, in Hamburg, in Dresden. Die nächsten Kundgebungen gegen rechten Terror sind schon geplant.