Bild: HBO
Wie nah sind diese vier LGBTQ*-Filmbiografien wirklich an der Realität?

Filmbiografien sind im Trend und immer öfter stehen dabei auch queere Menschen im Fokus. Die Verfilmung von Elton Johns Karriere in "Rocketman" räumte gerade erst zahlreiche Preise ab und "Bohemian Rhapsody" über Freddy Mercury wurde im letzten Jahr nicht nur mit vier Oscars ausgezeichnet, sondern gilt mit einem Einspielergebnis von über 900 Millionen Dollar als die kommerziell erfolgreichste Filmbiografie überhaupt. 

Nicht immer sei die Darstellung allerdings korrekt, heißt es häufig. Denn die Queerness der Protagonist*innen werde bei großen Produktionen oft heruntergespielt. Die Kritik, dass die Filmemacher*innen es mit der Wahrheit nicht ganz so genau nehmen, trifft dabei große Kinohits und kleinere Arthouse-Filme gleichermaßen. 

Wir empfehlen euch vier queere Biopics, die ihr aktuell streamen könnt und unterziehen sie dabei einem "Reality Check".

"Milk" (2008)

Derzeit bei Joyn PLUS+ inklusive sowie, unter anderem, bei Amazon Prime Video zum Ausleihen verfügbar

Worum geht es?

Harvey Milk (Sean Penn) will seiner Midlife-Crisis entfliehen und zieht mit seinem Freund Scott (James Franco) in die szenige Castro Street in San Francisco, um einen Fotoladen zu eröffnen. Doch weil sich homophobe Übergriffe auf seinen Freundeskreis – auch durch die Polizei – häufen, beschließt er, in die Politik zu gehen. Seine Ambitionen werden von Anfang an von Hetze und Morddrohungen begleitet - doch sein Kampfgeist lohnt sich: 1977 wird Milk nach einigen Niederlagen tatsächlich in den Stadtrat gewählt. Im Bewusstsein, dass seine bloße Existenz konservative Gemüter erhitzt, nimmt er ein Tonband auf, das im Falle seines Todes veröffentlicht werden soll. Tatsächlich wird er kurz darauf von Dan White (Josh Brolin), der erst kurz zuvor seinen Sitz im Stadtrat aufgegeben hatte, erschossen.  

Was ist dran?

Regisseur Gus Van Sant ("Good Will Hunting") erzählt aufbauend auf Milks Biografie und umfangreichem Archivmaterial vom ersten offen schwulen Politiker der USA und heute einer der wichtigsten LGBT-Ikonen. Dass man generell großen Wert auf Authentizität legte, zeigt sich auch daran, dass teilweise Originalzitate eingeflochten wurden ("You gotta give ’em hope!") – auch das besagte Tonband gibt es wirklich. Vor allem bei der Figur Dan White erlaubt sich der Film jedoch seine eigene Interpretation und legt nahe, dass er Milk aus Frust über seine eigene, versteckte Homosexualität ermordete.

"Gentleman Jack" (2019)

Die erste Staffel ist unter anderem bei Amazon Prime Video, Maxdome und iTunes zum Ausleihen verfügbar

Worum geht es?

Anne Lister (Suranne Jones) ist diszipliniert, ständig in Eile und unglaublich lebenshungrig. Das Einzige, wovor sie Angst hat, sind das Banale und Mittelmäßige. Von Durchschnittlichkeit kann bei der britischen Landadligen, die im frühen 19. Jahrhundert die Familienländereien höchst selbst verwaltet, auf eigene Faust durch den Kaukasus reist, mit einnehmendem Charme Frauen verführt und dabei ausschließlich schwarz trägt, aber ohnehin nicht die Rede sein. Die Serie begleitet sie dabei, wie sie sich als Frau im Kohlegeschäft gegen männliche Mitstreiter Gehör erkämpft und ihren Plan verfolgt, zu heiraten – eine Frau natürlich.

Was ist dran?

Drehbuchautorin Sally Wainwright, die bei einigen der Folgen der ersten Staffel auch Regie führt, hat für ihre Recherche auf die umfangreichen Tagebücher Anne Listers zurückgreifen können – das merkt man der Serie auch an. Von der Kleiderwahl, über ihre Ambitionen mit dem Schürfen von Kohle Geld zu verdienen, bis zur Darstellung ihres kleinen Anwesens "Shibden Hall" ist die Serie erstaunlich authentisch. 

Die Koproduktion von HBO und BBC One entstand sogar am Originalschauplatz, in Listers Zuhause, welches mittlerweile ein Museum ist. Nicht einmal die Heiratspläne sind erfunden: Mit der ebenfalls Adligen Ann Walker schloss sie 1834 die Ehe – natürlich weder mit kirchlicher Zeremonie noch legaler Anerkennung. Die beiden lebten dennoch bis zu Listers Tod in Shibden Hall zusammen.

"Tom of Finland" (2017)

Derzeit bei Sky Go und Sky Ticket sowie bei Filmfriend im Abo inklusive und unter anderem bei Amazon Prime Video, Rakuten TV oder Google zum Ausleihen verfügbar

Worum geht es?

Touko Laaksonen ist in seinem Job als Werbegrafiker erfolgreich, fristet als Schwuler im Nachkriegs-Helsinki aber ein einsames Dasein. Homosexualität ist in Finnland strafbar - und bleibt es noch bis 1971. So begegnet er Gleichgesinnten nur bei gefährlichen, nächtlichen Streifzügen in öffentlichen Parks. Er beginnt, seine Fantasien von hypermaskulinen, muskelbepackten Männern mit Schnauzbart, wahlweise in Leder und/oder Uniform gekleidet, zu Papier zu bringen. Was als privates Hobby anfängt, wird bald Kult in der schwulen Subkultur, als er seine Zeichnungen an ein amerikanisches Bodybuilder-Magazin schickt. Das Pseudonym "Tom of Finland" ist geboren.

Was ist dran?

Regisseur Dome Karukosi erzählt unaufgeregt von "Tom of Finlands" Anfängen bis zu seinem Aufstieg zur schwulen Ikone, stets nah an den biografischen Fakten. Trotz der Offenherzigkeit von Laaksonens Kunst, ist das Biopic allerdings erstaunlich zahm geraten – und weniger queer als die Realität. Das passt zur Tatsache, dass "Tom of Finland" mittlerweile zur konsumgeeigneten Marke geworden ist – vom Parfum, über Handtücher bis zum Wodka ist alles dabei. Auch Laaksonens Heimat zelebriert den Künstler mittlerweile, legte eine Sonderbriefmarke auf und schickte den Film 2017 sogar als finnischen Beitrag ins Rennen um den Oscar.

"The Girl King" (2015)

Derzeit bei MagentaTV inklusive & unter anderem bei Amazon Prime Video oder iTunes zum Ausleihen verfügbar

Worum geht es?

Sie ist eigensinnig, wissbegierig und frech: Regisseur Mika Kaurismäki zeigt Kristina von Schweden (Malin Buska), die 1632 im Alter von nur fünf Jahren den Thron erbte, als furchtlose Reformerin. Mit 18 übernimmt sie die Regierungsgeschäfte des Königreichs. Dank ihrer untypischen Erziehung ist sie an Kultur, Naturwissenschaften und Philosophie interessiert und widersetzt sich dem gesellschaftlichen Zwang, zu heiraten. 

Stattdessen beginnt sie eine Affäre mit der Gräfin Ebba Sparre (Sarah Gadon), die sie prompt zu ihrer Kammerzofe macht. Ganz ihren eigenen Regeln folgend, dankt sie mit nur 28 Jahren ab, um den Intrigen am Hof zu entgehen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.  

Was ist dran?

Dass Kristina der Wissenschaft, dem Theater und der Malerei zugeneigt war, ist belegt - für ihre Begeisterung schreckte sie allerdings auch nicht vor Raubkunst zurück. Auch ihr Konvertieren zum Katholizismus nach ihrer Abdankung widerspricht dem allzu idealistischen Bild einer von aufklärerischen Werten getriebenen Monarchin, das die Filmbiografie von ihr zu zeichnen versucht. 

Der Grund für ihre Abdankung ist bis heute unklar. Dass ihre Weigerung, sich durch eine Heirat von einem Mann abhängig zu machen, eine Rolle spielte, gilt aber als wahrscheinlich. Ob Kristina von Schweden bisexuell oder lesbisch war, kann heute nicht mit Sicherheit gesagt werden. Ihre Zuneigung zur im Film gezeigten Ebba geht aber aus Briefwechseln eindeutig hervor. 


Uni und Arbeit

Mein Prof und die Corona-Verschwörung: Wie Studierende sich gegen Stefan Homburg wehren
Der Wirtschaftswissenschaftler vergleicht die Corona-Strategie der Bundesregierung mit der Nazizeit – und unterrichtet weiter.

Sieben Tage bevor der Streit mit seinen Studierenden endgültig eskaliert, fährt Stefan Homburg nach Stuttgart und stellt sich auf einer kleinen Bühne vor ein Schlagzeug. Es ist der 9. Mai, auf dem Cannstatter Wasen haben sich Demonstrierende versammelt, um gegen die Corona-Schutzmaßnahmen zu protestieren. "Ich bin kein Mediziner", betont Homburg zu Beginn des Vortrags, von dem Kollegen später sagen werden, dass er seine Karriere beendet habe. Bei YouTube ist der Auftritt gut dokumentiert. Dort sieht man, wie Homburg sich regelrecht in Rage redet. Irgendwann sagt er: "Wir haben jetzt leider gesehen, wie fragil unsere demokratische Ordnung ist – und wie schnell so etwas, was in den Dreißigerjahren passiert ist, jederzeit wieder passieren kann."

Homburg, 59, ist Wirtschaftswissenschaftler, Spezialgebiet Öffentliche Finanzen. Als Professor erklärt er Studierenden der Universität Hannover, wie das Steuersystem funktioniert und wann Staatsverschuldung hilfreich ist. Eigentlich. Denn seit einigen Wochen beschäftigt sich Homburg vor allem mit dem Coronavirus. Beziehungsweise der Frage, ob es überhaupt eine Gefahr ist – oder wir womöglich alle getäuscht werden. Von der Bundesregierung. Den Medien.