Bild: Skirt Club
Zu Besuch in Deutschlands erstem Club nur für Bi-Frauen.

Der Flaschenhals zeigt auf mich. "Mund, Brüste oder Arsch?", fragt die Frau, die gerade noch dem Altglas eine schwungvolle Drehung auf dem Bistrotisch verpasst hat. Sechs nackte Oberkörper sitzen um mich herum und warten auf eine Entscheidung. "Titten", sage ich und die Tischrunde jubelt.

Übers Küssen sind wir längst hinaus. Ich nehme die perfekten C-Cups der dunkelhaarigen Frau gegenüber in die Hände und ignoriere, dass wir nicht alleine sind.

Etwa 50 junge Frauen haben sich für das Deutschland-Debüt des "Skirt Clubs" in einer Berliner Cocktailbar angemeldet. Alle sind bi-interessiert. Männer haben hier keinen Zutritt, während die Frauen ihre Vorliebe füreinander austesten.

Jede kann machen, was ihr gefällt. Und Partyspiel-Klassiker gefallen immer. Auch mit Mitte 20 ist Flaschendrehen ein geeigneter Eisbrecher, wenn es heiß werden soll.

Skirt Club

Der Skirt Club ist ein Treffpunkt für bi-neugierige Frauen, die Abenteuer suchen. In Berlin feierte er nun seine Deutschland-Premiere. 2014 wurde der private Club für 18- bis 39-Jährige gegründet. Weltweit haben sich inzwischen über 4000 (ausschließlich weibliche) Mitglieder registriert.

Dass es so weit (und noch weiter) kommen würde, hatte ich nicht erwartet.

Im Gegenteil: Vor Beginn war ich enttäuscht, dass nur ein Cocktailbar-Event angekündigt wurde und keine der legendären "Signature Parties". Diese exklusiven Play-Abende gibt es bereits in Metropolen wie London, New York und Sydney. Dort ist vom Fummeln bis zum Sex alles möglich, worauf die Teilnehmerinnen Lust haben – oft unter einem Motto wie zum Beispiel "Chocolat Noir" und "Mini Skirt".

So sieht es im "Skirt Club" aus:

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In Deutschland geht es also langweilig los, dachte ich mir. Nur gucken statt anfassen.

Vorsichtshalber entschied ich mich für die transparente Corsage mit Schnürung auf dem Rücken. Dazu eine schlichte dunkelblaue Hose, schwarze Bluse und 10cm hohe Stiefeletten. Voilà, meine Vorstellung von "urbaner Eleganz", wie es der Dresscode fordert.

Kurz vorher noch zitternd Nagellack auftragen ("Fuck, bin ich etwa doch nervös?") und es kann losgehen.

Pünktlich um 19 Uhr komme ich in der Kreuzberger Bar im Stil der 20er Jahre an – und bin die Erste. Zwei Hostessen im figurbetonten Kleid und schwarzem Federkragen begrüßen mich. Die UK-Direktorin Renee Nyx empfängt alle Gäste persönlich.

Nach kurzem Smalltalk über "German punctuality" füllt sich nach und nach das Séparée. Auf Instagram würde ich der geschlossenen Gesellschaft die Hashtags #glamour, #berlinbabes und #omgsinddieheiß geben.

Ich fühle mich wohl.

Beim Willkommenssekt unterhalten wir uns im gedimmten Licht. Natürlich dreht sich gleich alles um unser gemeinsames Interesse.

Wann hast du gemerkt, dass du auf Frauen stehst? Wissen deine Freunde davon? Zum ersten Mal befinde ich mich unter Menschen, die alle so fühlen wie ich. Obwohl wir uns erst wenige Minuten kennen, reden wir über Themen, die wir sonst mit kaum einer Person teilen können oder möchten.

Das sagt Renee Nyx, Direktorin und Teilinhaberin des Skirt Clubs, über die Partys:

"Oft denken Frauen erst an ihre Männer und dann an sich selbst. Ich möchte, dass Frauen offen sagen, was sie mögen und erregt."
"Wir wollten eine Umgebung schaffen, in der sich alles ganz natürlich entwickeln kann."
"Viele Frauen im Skirt Club haben bisher noch keine Erfahrungen mit Frauen gesammelt. Wir möchten zur sexuellen Selbstbefreiung ermutigen"
"Jede Frau kann Mitglied werden. Schönheit kommt in allen Größen und Formen."
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Wir müssen unsere interessierten Blicke nicht verstecken und machen uns gegenseitig Komplimente. Die meisten haben genau wie ich überwiegend Beziehungen mit Männern, fühlen sich aber zu Frauen sexuell hingezogen und möchten dies auch ausleben. Doch wie erkennt man sich in der Öffentlichkeit? Niemand trägt eine Bi-Bimmel aufm Kopf und jeder Korb raubt ein wenig Mut.

Aber die Veranstalterinnen vom "Skirt Club" wissen, wie sie Berührungsängste verschwinden lassen.

Die Gründerin und Geschäftspartnerin von Renee, Geneviève LeJeune, besuchte mit ihrem damaligen Freund erotische Partys in London. Dort bekam sie das Gefühl, dass sich viele der anwesenden Damen nicht wohl fühlen und nur die Lust der Partner befriedigen wollen.

2014 lud Geneviève 15 Frauen in ihre Wohnung ein. Sie spielten, quatschten und lernten sich kennen. Das Event wurde als Geheimtipp von Frau zu Frau weitergegeben. "Der Erfolg war eine totale Überraschung für uns", erzählt mir Renee. Als Geneviève heiratete und nach Miami zog, nahm sie ihre Idee mit. Die Anfragen aus anderen Städten stiegen. Über 4000 Mitglieder zeigen: Der "Skirt Club" ist über soziale Medien und Dating Apps zu einer Marke geworden.

Und Berührungsängste lassen sich weltweit ähnlich überwinden.

Whuuuu!

"Body Shots!", ruft Renee und erhält als Antwort ein lautes "Whuuu!" aus dem Publikum. Eine der Hostessen macht sich obenrum nackig und legt sich auf eine Sitzbank. Die Besucherinnen beobachten jede Bewegung, als ihr Salz auf den Busen gestreut und eine Zitronenscheibe zwischen die Lippen geschoben wird.

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Unter Applaus zieht eine Freiwillige ihr Kleid aus und beugt sich über die Hostess. Genüsslich fährt sie mit ihrer Zunge über den Körper, kippt den Tequila hinunter und endet mit einem ausgiebigen Kuss. Andere schließen sich dem Spiel aus "Lecken, Schlucken und Beißen" an, ohne einen Mann beeindrucken zu wollen. Die Show ist nur für uns selbst. Eine Burlesque-Tänzerin heizt die Menge weiter auf.

Am besten gefällt mir, wie zuvor schüchterne Frauen ihre Zurückhaltung ablegen und einfach Spaß haben. Nach den Shots wechseln wir zu Flaschendrehen mit Knutschen. Einige Runden später trage ich drei unterschiedliche Lippenstiftfarben.

Geil, denke ich mir, aber da geht noch was. In einer kleinen Gruppe erweitern wir das Spiel um eine Strip-Variante. Da wir eh leicht bekleidet sind, geht das Ausziehen schnell. Ich genieße den Anblick der Frauen. Zum Glück habe auch ich mich für Dessous entschieden. Dann herrscht plötzlich Aufbruchstimmung.

Um Mitternacht fahren wir mit etwa 20 Frauen zu einer nahegelegenen Altbauwohnung.

Die zwei Schlafzimmer wecken meine Fantasie – die schon bald darauf Realität wird. Wir halten uns nicht lange mit Flirten auf. Elf Frauen – darunter auch welche aus Sri Lanka, Brasilien und Russland – rekeln sich in einem Doppeltbett.

Brüste überall. Und ich liege mittendrin.

Im Nebenraum wird ein Hintern rot gepeitscht, während die Besitzerin mit einem Vibrator befriedigt wird. Wer nicht mitmachen möchte, schaut fasziniert zu. Für einige Stunden leben wir unsere Wünsche aus, ohne viel miteinander zu reden.

Als ich die Party schließlich zufrieden verlasse, kenne ich von den Wenigsten dort den Namen.

Auf einer normalen Feier hätte ich mich nicht einmal getraut, sie anzusprechen. Hilflose Flirtversuche hatte ich schon genug. Mein Freund und ich sind verlobt, er unterstützt mich. Trotzdem: Die meisten Frauen schreckt meine Vorliebe ab. Wenn ich sie anspreche, haben viele das Gefühl, nur für einen Dreier benutzt zu werden. Natürlich wünsche ich mir Dreier, aber alle sollen daran Spaß haben. Doch selbst der Austausch mit sexuell aufgeschlossenen Frauen fehlt mir manchmal einfach. Im "Skirt Club" habe ich sie gefunden. Unkompliziert, ungehemmt und ungebunden.

Ich reiche bei der Arbeit gleich Urlaub für die nächste Party ein.

Lass uns Freunde werden!


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