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Wie queere Soldatinnen und Soldaten einen Jahrestag nutzen wollen, um für mehr Gleichberechtigung in der Truppe zu kämpfen.

Die Homophobie ließ sich bei der Bundeswehr lange Jahre auf den Zentimeter genau bestimmen. In einem beliebten Spruch der Grundausbildung hieß es, 81 Zentimeter seien Fahnenflucht, "und 79 Zentimeter sind schwul", ergänzt Sven Bäring. "Jeder beim Bund kennt diesen Spruch." 

Der Satz bezieht sich auf den Abstand, den Soldaten bei der Aufstellung zur Vorderperson haben sollen: genau 80 Zentimeter. Einer zu wenig gilt als zu viel Nähe zum Kameraden, "schwul" eben – und damit automatisch als verwerflich. Was als Witz daherkommt, ist für Homosexuelle einfach nur beleidigend. 

Homophobie steckt tief in der DNA der Bundeswehr

Sven ist Offizier und schwul. Zwar falle der Satz heute nicht mehr in der Ausbildung, sagt er, in den Kasernen geistere er aber noch immer herum. Der 25-Jährige hat ihn selbst zuerst in einer Facebook-Gruppe für Kameraden gelesen, so genau erinnert er sich nicht. "Aber es gibt solche Gruppen, in denen Soldaten ihr komisches Menschenbild teilen", sagt er.

Sven Bäring

(Bild: Privat)

Der Satz, an den sich Sven erinnert, steht nicht allein. Die Diskriminierung von queeren Soldatinnen und Soldaten hatte in der Bundeswehr System – und hält oft bis heute an. Über Jahrzehnte galten homosexuelle Männer in der Truppe als "Sicherheitsrisiko", wurden ausgemustert oder entlassen. Aufstiegschancen wurden ihnen lange verwehrt. 

Bereits 2016 ließ die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) das Schicksal schwuler Soldaten intern untersuchen. In dem vertraulichen Papier hieß es damals, die Streitkräfte haben den Soldaten "Berufswege verstellt" und "Karrieren verhindert". Diskriminierung sei im Personalmanagement der Bundeswehr Realität gewesen (SPIEGEL). Unter anderem der Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) hatte "erhebliche Zweifel an der Eignung" schwuler Soldaten geäußert. (FAZ)

„Als queere Soldaten stehen wir ganz alleine da.“
Offizier Sven Bäring

Erst ein Erlass zur "Personalführung homosexueller Soldaten", veröffentlicht am 3. Juli 2000, sorgte für eine Verbesserung, homosexuelle Soldaten sollten ihre sexuelle Orientierung nicht mehr verheimlichen müssen. Das Datum für die Kehrtwende jährt sich nun zum 20. Mal – doch die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) scheint das unter den Teppich kehren zu wollen. Entschuldigt hat sich die Bundeswehr bis heute nicht bei den Betroffenen, auch auf eine Rehabilitierung warten sie bislang vergeblich. 

Annegret Kramp-Karrenbauer hatte Aufarbeitung versprochen – nun liefert sie nicht

Noch Anfang März hieß es aus dem Hause der Verteidiungsministerin, man arbeite an einem Gesetz zur Rehabilitation. Jetzt, kurz vorm Jahrestag, steckt es noch immer in der Schublade. Mehr noch: Queeren Soldatinnen und Soldaten wurde "ein sichtbares Zeichen" der Anerkennung versprochen, sagt Offizier Sven. Auch davon wolle Kramp-Karrenbauer nun nichts mehr wissen.

Sven Bäring ist Vorsitzender von QueerBW, dem Arbeitskreis queerer Angehöriger der Bundeswehr. Seit 2002 unterstützt die Interessenvertretung schwule, lesbische, bisexuelle und transsexuelle Soldatinnen und Soldaten – und koordiniert ihre Arbeit mit dem Wehrbeauftragten. 

Der QueerBW informiert zum Beispiel in Videos.

(Bild: Privat)

Ein Facebook-Video des Arbeitskreises zeigt, wie verbreitet Homo- und Transphobie noch heute beim Bund ist. Sven berichtet dort, wie sein Vorgesetzer einen Kameraden auf der Stube vor Svens Homosexualität gewarnt habe, "bevor da was passiert". Ein Transmann erzählt, wie er auch nach seinem Outing von einem Chef immer noch konsequent mit "Frau Stabsoffizier" angesprochen wurde. Ein anderer Soldat berichtet, wie sich der Amtsarzt beim Eignungstest extra zwei Paar Handschuhe übergezogen habe.

Der Bendlerblock in Regenbogenfarben

In seiner Funktion als Vorsitzender von QueerBW war Sven daher im Februar gemeinsam mit anderen queeren Soldatinnen und Soldaten zum Gespräch bei der Verteidiungsministerin. Ein Foto des Treffens teilte das Ministerium später auf Twitter, in einer offiziellen Mitteilung wurde das Gesetz in Aussicht gesetzt.

Damals, so Sven, habe sogar die Idee im Raum gestanden, dann den Sitz des Verteidigungsministeriums, den Bendlerblock, in Regenbogenfarben zu erleuchten.

Ein solches Signal wird es aber nicht geben, erfuhr bento auf Nachfrage vom Verteidigungsministerium. Eine Sprecherin kündigte für den 3. Juli lediglich "eine Berichterstattung auf unseren Kanälen" an – und verwies sonst auf die jährliche Teilnahme der Bundeswehr beim Deutschen Diversity Tag im Mai. Beim Bund seien Eignung und Leistung der Soldatinnen und Soldaten entscheidend, unabhängig von sexueller Orientierung oder Identität, so die Aussage. 

Das Verteidigungsministerium verspricht eine "zeitnahe" Lösung

Auch, ob das versprochene Gesetz zur Rehabilitation schwuler Soldaten rechtzeitig fertig wird, ist unklar. Laut der Sprecherin befasse sich das Ministerium "zurzeit intensiv mit diesem Auftrag". Man sei "zuversichtlich, zeitnah eine interessengerechte Lösung zu finden."

Dass queere Soldaten viele Jahre benachteiligt wurden, liegt an einer "Zentralen Dienstvorschrift" aus der Zeit Helmut Schmidts, die Schwule als "Sicherheitsrisiko" einstufte. Entsprechend wurden Schwule noch bis 1984 ausgemustert oder entlassen, noch bis zum Jahr 2000 durften sie nicht Berufssoldaten werden und weder als Vorgesetzte noch als Ausbilder tätig sein. Erst im Jahr 2000 hatte ein Offizier vor dem Bundesverfassungsgericht gegen seine Benachteiligung geklagt – die Bundeswehr reagierte daraufhin mit dem Erlass, dessen Jubiläum das Verteidigungsministerium nun zu verschlafen droht.

„Frau Kramp-Karrenbauer muss ihren Versprechen endlich Taten folgen lassen.“
FDP-Abgeordneter Jens Brandenburg

"Es ist enttäuschend, dass das Gesetz immer noch nicht vorliegt", sagt Jens Brandenburg, Sprecher für LGBTIQ der FDP-Bundestagsfraktion zu bento. "Frau Kramp-Karrenbauer muss ihren Versprechen endlich Taten folgen lassen." Brandenburg setzt sich seit Jahren für die Gleichberechtigung in der Truppe ein. In den kommenden Sitzungswochen will die FDP im Bundestag einen Antrag zur Stärkung der LSBTI-Rechte in der Bundeswehr einbringen.

Queere Soldatinnen und Soldaten erleben Anfeindungen von allen Seiten

Dass vielen homosexuellen Menschen eine Karriere beim Bund verwehrt wurde, sei keine Lappalie, sagt Brandenburg: "Mit unehrenhaften Entlassungen, faktischen Berufsverboten und damit verbundener Rufschädigung hat die Bundeswehr ganze Biografien vernichtet." Es müsse daher mehr als nur eine formale Gleichberechtigung auf dem Papier geben.

Auch Sven Bäring glaubt, dass es deutliche Signale und nicht nur Lippenbekenntnisse braucht, um Diskriminierung und feindliche Gesinnungen gegenüber Homo-, Bi- und Transsexuellen in der Bundeswehr endlich abzubauen. In der Truppe werde man von Teilen der Kameraden für seine Sexualität angefeindet – außerhalb werde man von Teilen der queeren Community für seinen Job angefeindet.

"Als queere Soldaten stehen wir ganz alleine da", sagt Sven.


Fühlen

Zwischen Bier und Desinfektionsmittel: Ein Corona-Abend in der Stammkneipe
Unser Autor war zum ersten Mal seit Beginn der Coronakrise wieder in seiner Lieblingsbar

Es gibt Dinge, die dürfen sich für mich auf keinen Fall ändern: der PIN meiner Bankkarte, an den ich mich sonst erstmal ein halbes Jahr lang nicht mehr erinnere. Die Einrichtung im Elternhaus, die auch in 20 Jahren noch genauso aussehen soll wie zu Schulzeiten. Und der Platz an der Bar in der Stammkneipe, an dem ich schon mehr Zeit verbracht habe als es im Nachhinein klug gewesen wäre. 

Stammkneipe. Der Begriff steht für Heimat und romantischen Sehnsuchtsort zugleich. Für einen Platz, der dann am besten ist, wenn er einfach so ist wie immer. Als in meiner Stammkneipe "Colors" vor Jahren eine neue Zapfanlage eingebaut wurde, die die Flüssigkeit im Hahn kühlt, schmeckte das Bier für einen Neukunden wohl deutlich besser – für mich schmeckte es bloß anders. Ein Puzzlestück meiner Stammkneipe hatte sich verändert. Uff.