Bild: FX Network
"Wenn du nichts riskierst, riskierst du noch viel mehr."

"Pose" spielt zwar in der New Yorker LGBTI-Community im Jahr 1987, aber die Serie handelt von der Zukunft: Einer Welt, in der people of color in der Mehrheit sind, in der Männer und Frauen gleichberechtigt leben, in der Schwule, Lesben und Trans*menschen ihre Identität nicht verbergen, sondern feiern – einer Welt, in der sich Diskriminierung nicht in Luft aufgelöst hat, aber alle das richtige Rüstzeug dagegen haben. Auf Underground-Kostümbällen, die sie "Balls" nennen, treten Gruppen in Drag-Shows gegeneinander an: Mit opulenten Outfits, perfektem Make-Up, Disco-Musik und einem Tanz voller dramatischer Posen – daher auch der Serienname.

Klingt nach "Game of Thrones" für queere Menschen? 

Zur Person

Lex Marmor heißt eigentlich anders und verwendet im Alltag zwei unterschiedliche Vornamen, einen Männer- und einen Frauennamen. Hier schreibt Lex, was das bedeutet: im Alltag, in der Liebe und bei der Arbeit. 

"Pose“ ist so gut, dass es als Kostümfilm, Minderheitendrama oder Coming-of-Age-Film funktioniert und gleichzeitig viel mehr ist: 

Noch nie hat mir als Trans*mensch eine Serie so viel Mut gemacht – und bestimmt geht es nicht nur mir so.

Denn die Figuren, deren Leben die Serie erzählt, "posen" eben nicht. Sie sind echt - so, wie es der "Ball", aber mehr noch das Leben von ihnen fordert. Mit Selbstbewusstsein, unbedingter Lebensbejahung und dem Willen zum Zusammenhalt überleben sie Donald Trumps Amerika in seiner Zeit als Immobilien-Mogul – und wir tun gut daran, mit denselben Werten durch sein drittes Jahr als US-Präsident zu gehen.

„Wenn du nichts riskierst, riskierst du noch viel mehr“

Immer wieder fallen solche Sätze zum Aufschreiben und Nachleben. Und die Hauptfiguren leben sie vor wie ich mich selbst gerne trauen würde. Auch wenn Macho-Geschäftsleute, Kriminalität, Drogensucht und AIDS ihnen das Leben zur Hölle machen: 

"Live! Work! Pose!"

Die HIV-positive Hausmutter Blanca, ihre beste Feindin Elektra, der schwule Tänzer Damon: Alle wissen genau, wer sie sind – und auch, was die Mehrheit der Gesellschaft von ihnen hält, thank you very much. Im Gegensatz zu dem jungen Geschäftsmann Stan, der sich an den Männlichkeitskult der Firma Trump anpassen will, zwischen Ehefrau und seiner Affäre mit der Trans* Sexarbeiterin Angel hin und her rennt und selbst nicht weiß, welches Leben nun sein wahres ist.

Diese Realität der Anderen zeigt "Pose" so selbstverständlich, dass die wenigen straighten Figuren nach ein paar Folgen wie Minderheiten wirken – deren Lebenswelt man von außen manchmal nicht verstehen kann. Liebe Cis-Leute, so geht es euch also mit uns? Danke für den Reality Check!

Dass Transfrauen nicht nur als Schauspielerinnen, sondern auch als Beraterinnen an der Serie mitgearbeitet haben, merkt man daran, wie würdevoll ihre Leben erzählt werden: Sie behalten immer ihre Selbstbestimmung, die ihnen 1987 wie heute jeder absprechen und wegnehmen will. Nichts wird von der Serie beschönigt, weder der Tod auf Raten des Aidskranken Costas noch Damons Überlebenskampf als Obdachloser. Aber es wird auch nichts schlimmer gemacht, als es ist: Statt einer grausam detaillierten Vergewaltigung einer Sexarbeiterin, wie sie in vielen Filmen zu sehen wäre, zeigt "Pose" den lustvollen ersten Sex zwischen Angel und Stan, die ineinander verliebt sind. Spoiler alert: Zwischen den beiden wird es trotzdem kompliziert.

Wie das Leben hat natürlich auch die Serie ihre nervigen Stellen: Die Musik, deren Lyrics immer auf die Sekunde perfekt zur Handlung passen. Das Festhalten an der Darstellung, dass Transfrauen erst dann „richtige“ Frauen seien, wenn sie ihren Penis zur Neovagina operieren lassen. Oder Blancas übermenschliche Güte auch ihren Feinden gegenüber, die an Selbstverleugnung grenzt.

Und doch erzählt sie im Großen und Ganzen von einer Welt, die deshalb besser ist, weil ihre Bewohnerinnen sie besser machen. Blanca stellt zum Beispiel klar: Familie ist, wer immer im Zusammenleben füreinander einsteht. Leiste deinen Beitrag, dann bist du willkommen – so wie du bist.

"Pose" beschwört die Kraft des Zusammenhaltens und zeigt nicht nur Transmenschen echte Vorbilder: Nur durch gegenseitige Hilfe und Solidarität können die Hauptfiguren bestehen. So kommt es, dass selbst beste Feindinnen einander im Krankenhaus besuchen und per Kaution aus dem Gefängnis freikaufen, bevor sie sich beim "Ball" wieder vernichtende Wortgefechte liefern. So ist es eben. Denn wichtiger als perfekt zu sein ist es, „real“ zu sein. Und dann: "Live! Work! Pose!"


Fühlen

Was sich verändert hat, seit ich meine Freunde nicht mehr belüge
Wir müssen reden.

Ich klicke auf "Senden" und bereue im gleichen Augenblick, dass ich das gemacht habe. Meine Antwort: "Gut, bei dir?" ist eine Lüge. Und ich weiß, dass Lügen in Freundschaften nichts zu suchen haben. 

Oder?

Meine Freunde sind die wichtigsten Menschen auf der Welt für mich. Das sind sie, wenn es mir gut geht, wenn es mir schlecht geht, wenn ich Single bin oder nicht. Trotzdem sage ich ihnen manchmal nicht die Wahrheit. Weil ich Angst habe. Ich habe Angst, sie zu nerven, zu überfordern, zu stressen, zu langweilen. Und ich weiß, dass das der falsche Weg ist.