Bild: Grace Guthrie
Heute: August Pari, 23, aus Nürnberg

Queere Momente:

Beim Finden von sexueller Identität gibt es für jeden prägende Momente. Um die soll es hier gehen - für alle, die sich selbst als "queer" bezeichnen würden. 

Als mir klar wurde, dass ich nicht hetero bin…

… war ich gerade im Kindergarten. Schon damals wusste ich, dass ich nicht nur weiblich bin. Ich konnte mich schon immer auch mit den Jungen aus meiner Gruppe identifizieren und habe mich selbst als einer von ihnen betrachtet. Schon damals musste ich mich dafür rechtfertigen, gerne Fußball zu spielen, oder dafür, Dinge zu tun, die als nicht "mädchenhaft" galten. 

Erst viel später habe ich dann erfahren, dass es einen Begriff dafür gibt, wenn man sich als weder weiblich noch männlich fühlt: Ich definiere mich als genderqueer. Für mich bedeutet das, dass ich mich vorwiegend männlich und ein wenig weiblich fühle. Die Erkenntnisse bekam ich, als ich mich mehr mit Feminismus beschäftigt habe.

August Pari

... ist 23 Jahre alt und lebt in Berlin. Nach dem Studium der Wirtschaftskommunikation möchte August Pari Philosophie studieren. In der Freizeit schreibt August Pari an einem Buch, skatet und interessiert sich für Fotografie und Film.

Wann ich zum ersten Mal jemanden davon erzählt habe...

... weiß ich nicht. Mit meinen Eltern konnte ich lange nicht darüber sprechen. Meine Eltern sind aus dem Iran immigriert, einem Land, in dem Homosexualität unter Strafe steht. Das Thema fand in den Köpfen meiner Eltern einfach nicht statt.

Als die Pubertät mit elf losging, hatte ich Probleme mit meinen Gefühlen, da mir die Gesellschaft und meine Familie zu spüren gaben, dass gleichgeschlechtliche Liebe krank sei. 

August Pari(Bild: Grace Guthrie)

Ich litt sehr darunter. Ich fühlte mich von meiner eigenen Familie ausgestoßen und nicht akzeptiert. Ich wurde depressiv und lebte wie hinter einem Vorhang. Ich versuchte, meine Gefühle für Frauen zu unterdrücken und merkte, dass mir schon in meinen kindlichen Beziehungen zu Jungen etwas fehlte. Mit zwölf hatte ich eine bahnbrechende Erfahrung: Ich küsste zum ersten Mal ein Mädchen. 

Ich kann mich erinnern, dass Schwul- oder Lesbischsein auch in der Schule mit Mobbing bestraft wurde. Einerseits hatte ich tiefe Angst, andererseits habe ich zu mir gestanden und meine Sexualität nicht als falsch betrachtet. 

​Das erste Mal richtig verliebt war ich in der Schule mit zwölf Jahren. Ausgerechnet in ein Mädchen, das hetero war.

Als ich 14 war, hatte ich ein unangenehmes Erlebnis: Eine Gruppe, die es darauf angelegt hatte, mich klein zu machen, wollte eines Tages, dass ich vor allen sage, auf welches Geschlecht ich stehe. Obwohl ich Panik verspürte, stand ich fest zu mir. Mit fester Mimik erzählte ich davon, lesbisch zu sein, als wäre es das Normalste der Welt. So gab ich ihnen keinen Raum, mich fertig zu machen. Es klappte. Ich wurde in Ruhe gelassen und toleriert.

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Wenn ich heute darüber rede...

 … freue ich mich über die Kreise, in denen ich mich befinde. Hier werden ich und meine Gefühle als selbstverständlich und völlig in Ordnung wahrgenommen. Als ich mit 18 von Nürnberg nach Berlin gezogen bin, konnte ich mich total entfalten. Ich fand Menschen, die meine Schwächen und Stärken gleichermaßen akzeptieren. Ich fühle mich geborgen, sie sind wie Familie. 

Unter ihnen sind LGBTQ, aber auch Heterosexuelle, offene Menschen, die die Sexualität der anderen nicht hinterfragen oder verurteilen. Viele davon habe ich über Tinder und über Freunde kennengelernt.  

Das erste Mal richtig verliebt war ich…

 … in der Schule mit zwölf Jahren. Ausgerechnet in ein Mädchen, das hetero war. Das ist mir damals oft passiert. Ich weiß nur, dass es in dem Alter sehr schwierig war, ihr das mitzuteilen, also verheimlichte ich immer meine Gefühle. 

Ich ging absichtlich früher zum Zug, damit ich sie auf dem Schulweg treffen und ganz zufällig in ihrer Nähe laufen konnte. Immer wenn sie mich sah, lächelte ich schüchtern. Wenn sie doch gewusst hätte, welches Gefühlsspektakel sie in mir auslöste! Wegen ihr bin ich gerne zur Schule gegangen. 

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Wenn ich jemanden kennenlernen will…

... verlasse ich mich oft auf meinen "Gaydar". Nur blöd, dass ich mich meistens nicht traue, jemanden anzusprechen. Sonst nutze ich Tinder oder OkCupid, womit ich schöne Bekanntschaften und Beziehungen aufgebaut habe. 

Doch viel schöner fand ich meine analoge Aktion, als die Kommilitonin einer Freundin an meinem Flohmarkt-Stand vorbeikam. Nach der Nummer fragte ich natürlich nicht. Stattdessen schrieb ich meine auf das Deckblatt meiner selbst geschriebenen Novelle, von der ich ein paar selbst gedruckte Kopien zum Verkauf da hatte, und gab sie ihr. Von der Geschichte war sie gepackt und antwortete mir daraufhin.

Deine queeren Momente

Fühlst du dich angesprochen? Wenn du uns deine Geschichte erzählen willst, melde dich unter fuehlen@bento.de

Der schwierigste Moment war für mich…

 … als ich erfahren habe, dass sich ein Mädchen nicht getraut hat, zu ihren Gefühlen zu mir zu stehen. Aus Angst vor der gesellschaftlichen Meinung, wie sie sagte. Das war schon sehr schwer für mich.

Ich erlitt auch physische Schmerzen. Ich verheimlichte meine erste Beziehung zu meiner Partnerin im Alter von 15 Jahren sehr lange. Einmal war ich bei ihr zuhause. Eigentlich hatten wir keine wirkliche Privatsphäre. Wir wollten Zeit miteinander verbringen, doch dann standen plötzlich meine Eltern vor der Tür und zerrten mich ins Auto. Auf der Rückbank saß ich heulend und voller Angst

Ich spürte von vorne nur noch Hände, die auf mich einschlugen.

Meine Eltern haben mir eigentlich immer viele Freiheiten gelassen, verglichen mit anderen persischen Eltern. Aber sie standen auch unter dem gesellschaftlichen Druck der persischen Community und folgten deren Meinung zu Homosexualität.

Es ist kaum zu glauben, wie cool meine Eltern nun damit sind.

Ich habe immer für mich eingestanden und mich nicht formen lassen. Das bemerkten sie allmählich. Ich respektierte ihre Regeln nicht, weil ich keinen wechselseitigen Respekt verspürte. Wieso hätte ich dann also ihre Regeln einhalten sollen?

Der Wandel kam, als sie merkten, wie fest meine Meinung ist und dass es sinnlos ist, mich verbiegen zu wollen. Irgendwann haben sie es akzeptiert und mir gesagt, dass sie mich unterstützen, egal, ob ich auf Frauen stehe. Es ist kaum zu glauben, wie cool meine Eltern nun damit sind.

Und den schönsten Moment…

... werde ich nie vergessen. Da war ich 17 und mein Vater kam zu mir ins Zimmer, setzte sich hin und erklärte mir mit ernsten Falten auf der Stirn, dass er sich wünsche, dass ich glücklich bin und dass es ihn nichts anginge, wen ich liebe und mit wem ich schlafe. Von diesem Punkt an hatte ich zum ersten Mal keine Angst und Schuldgefühle aufgrund meiner Sexualität meinen Eltern gegenüber. Ich fühlte endlich die Akzeptanz und Liebe meines Vaters. 

Bist du vielleicht lesbisch? Hier kannst du den Test machen! (Keine Sorge – der Test ist nicht ganz so ernst gemeint!)

Streaming

Warum ist diese Doku über Judenhass so umstritten?
"Auserwählt und ausgegrenzt"
Was ist passiert?

Wie viel Diskriminierung gegenüber Juden gibt es heute in Europa? Eine umfangreiche und sehr schwierige Frage, der die öffentlich-rechtlichen Sender Arte und Westdeutscher Rundfunk (WDR) einmal nachgehen wollten. Sie beauftragten zwei Autoren, einen Beitrag darüber zu drehen. 

Herausgekommen ist die 90-minütige Dokumentation "Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa", um die jetzt ein Streit entfacht ist. Als die beiden Sender nämlich das Endprodukten der beiden Autoren Sophie Hafner und Joachim Schroeder sahen, waren sie unzufrieden, entschieden sich gegen eine Ausstrahlung. 

Die Begründung: Anders als abgesprochen, habe der Schwerpunkt nicht auf Europa gelegen, sondern vor allem im Nahen Osten. Außerdem bemängelte die Redaktion, dass zu viele Behauptungen aufgestellt wurden, ohne dafür Belege zu liefern. Zusammengefasst: Sie fanden den Film journalistisch mangelhaft. (Meedia)