Bild: Neele Schuhmann
Heute: Caroline, 25, aus Ostwestfalen

Queere Momente:

Beim Finden von sexueller Identität gibt es für jeden prägende Momente. Um die soll es hier gehen - für alle, die sich selbst als "queer" bezeichnen würden. 

Mir war schon im Kindergarten klar...

...dass ich lieber ein Mädchen sein wollte. Ich trug schon damals Kleider und fühlte mich wohl damit. Zu Beginn meiner Schulzeit hat das nachgelassen, auch, weil ich nicht aus der Reihe fallen wollte. Aber der Sportunterricht mit den Jungs war eine Qual für mich. Die Situation in der Umkleide, die Sportarten, all das. Mit 16 habe ich dann eine Reportage über Geschlechtsanpassungen gesehen. Ich wusste bis dahin nicht, dass so etwas überhaupt möglich ist. Ich habe mich und mein Problem darin wiedergefunden. Das war damals wie eine Art innerer Vorhang. Erlösung und Verunsicherung zugleich. Man weiß, es gibt diese Möglichkeit, kann sich aber nicht sicher sein, wie das Umfeld darauf reagiert. Diese Gefühle habe ich bis heute; unterschwellig. Egal ob beim Bäcker oder im Supermarkt. Klar frage ich mich, ob ich in der Öffentlichkeit als Frau authentisch wirke, ob ich weiblich genug bin.

Als ich zum ersten Mal mit meinen Freundinnen darüber gesprochen habe... 

....saßen wir in einem Café über den Dächern von Bielefeld und waren frühstücken. Das war kurz vor dem Abi. Ein sonniger Tag, wir saßen drinnen, direkt am Eingang und redeten über Belangloses, bis das Thema durch eine der beiden auf Geschlechtsanpassungen fiel. Sie hatte da etwas im Fernsehen gesehen. Das löste in mir Beklemmungen aus. Ich war nervös. Obwohl ich mir meiner Sache schon damals sehr sicher war, hatte ich nicht geplant, meine Sexualität an diesem Tag öffentlich zu machen. Dann fiel die Frage: Kannst du dir das auch für dich vorstellen? Ich begann zu schwitzen, hatte mich ertappt gefühlt, wollte aber all das nicht mehr überspielen. Also ließ ich die Bombe platzen. Meine Freundinnen waren überrascht, aber auch sehr verständnisvoll. Danach war ich extrem erleichtert. Wir sind dann sofort in die Make-up-Abteilung gegangen. Ich musste ja wissen, was ich jetzt alles brauche.

Zum ersten Mal richtig verliebt... 

...war ich in der siebten Klasse Er war drei Stufen über mir. Für mich war immer klar, dass ich auf Männer stehe. Er war groß, hatte einen Drei-Tage-Bart, trug Surferschnitt. In der Pause habe ich immer geschaut, wo er stehen könnte. Wir haben uns nur ein paar Mal unterhalten. Ich war immer nervös, merkte ein Kribbeln. Geworden ist daraus nie etwas. Aber angehimmelt habe ich ihn bis zum Abitur. Wenn ich heute Männer kennenlernen möchte, gehe ich raus, das mache ich ohnehin gerne. Von Szene-Partys halte ich mich aber eher fern. Klar mache ich mir da manchmal auch über meine Sexualität Gedanken, auch, weil Männer da vorurteilsbehafteter sind als Frauen.

Ich war mir total sicher, dass es der richtige Weg für mich ist
Wenn ich heute über meine Geschlechtsanpassung spreche...

...ist das noch immer schwierig. Auch, weil ich sehr perfektionistisch veranlagt bin. Aber es ist deutlich besser geworden. Solange ich auf die Menschen zugehen kann, ist es für mich okay. Wenn ich auf meine Sexualität angesprochen werde, ist da aber immer noch das Gefühl des Ertappt-Werdens. Neulich standen mir in der S-Bahn zwei Typen gegenüber. Sie rätselten, ob ich Mann sein könnte, bis sie meine hohe Stimme hörten. Ich kam mir vor wie ein schlechter Schauspieler. Dann frage ich mich: Wo war ich nicht gut? Erscheint noch immer etwas männlich an mir? Ich versuche, von den Lippen zu lesen und in die Köpfe zu schauen. Da interpretiere ich bis heute sehr viel rein. Blicke oder Gespräche, darüber mache ich mir sehr schnell Gedanken. Nach außen möchte ich cool und ruhig wirken, aber innendrin ist das unangenehm. Sich gesellschaftlich als Frau einzufinden und akzeptiert zu werden, das kostet viel Kraft.

An einen einzelnen schwierigen Moment...

...kann ich mich nicht erinnern. Das sind eher Phasen. Gerade die Anfangszeit, als ich begonnen habe, Hormone zu nehmen, war schwierig. Da fühlt man sich manchmal schon wie eine Art Mischwesen. Klar wurde darüber getuschelt. Aber ich habe all das nie in Frage gestellt und war mir total sicher, dass es der richtige Weg für mich ist. Die Operationen, die Vornamensänderung, das konnte mir alles nicht schnell genug gehen. Letztendlich hat es ein Jahr gedauert, was ich im Nachhinein gar nicht so lang finde. Aber all das muss die Psyche erst einmal verarbeiten. Das ist ja kein Tor zu einer neuen Welt. Den Moment, dass ich sagen kann: Jetzt beginnt mein neues Leben, den hatte ich noch nicht. Meine Vergangenheit wird mich immer begleiten.

Die schönen Momente... 

...sind zum Beispiel wenn ich „Sie“ genannt werde und nicht „Er“. Das ist mittlerweile zwar selbstverständlich, aber macht mich wirklich glücklich. Und klar freue ich mich auch, wenn ein Mann mich auf der Straße anspricht, weil er mich attraktiv findet. Dann sage ich: Hey Caro, es ist doch alles in Ordnung – das ist ein großes Glück für mich.   


Caroline kommt aus Ostwestfalen. Sie ist 25 Jahre alt, hat nach ihrem Abitur 2012 Textildesign und Medienwissenschaften an der Uni Paderborn studiert und macht noch bis Ende Juni ein Praktikum bei einem Modelabel in Berlin. Dann kommt der Master. In ihrer Freizeit ist sie viel im Netz unterwegs, geht ins Fitnessstudio und ist gerne unter Leuten. (Bild: Neele Schuhmann)

Deine queeren Momente

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Style

Eine 93-Jährige lässt das Internet entscheiden, welches Brautkleid sie tragen soll

Wenn man alleine shoppen geht, in der Umkleidekabine steht und sich irgendwie unsicher ist, welches Kleid man nun nehmen soll, dann schickt man gerne Fotos an stilbewusste Freunde – verbunden mit der Frage: 

"Welches soll ich nehmen?"

So ähnlich machte es nun auch Sylvia aus Australien. Der Unterschied: 

Sylvia ist 93 und fragte einfach mal öffentlich auf Facebook nach.