Drei Betroffene erzählen.

"Weder Ihr Gang, Ihr Gehabe oder Ihre Bekleidung haben auch nur annähernd darauf hingedeutet, dass Sie homosexuell sein könnten" – mit dieser Begründung lehnten das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl in Österreich kürzlich den Asylantrag eines 18-jährigen Afghanen ab, weil er nicht schwul sei. Der Fall machte weltweit Schlagzeilen, weil er so absurd ist und unverblümt mit schwulenfeindlichen Klischees spielt. (bento)

Doch nicht nur in Österreich machen Geflohene, die lesbisch, schwul, trans- oder bisexuell sind, Erfahrungen mit Diskriminierung durch Behörden-Mitarbeitern

Anna Weißig arbeitet beim Leipziger Verein "RosaLinde" im Projekt "Queer Refugees Network" mit Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität in ihren Heimatländern verfolgt wurden. Sie sagt:

Ich erlebe täglich, dass queere Geflohene von deutschen Behörden erneut diskriminiert werden.
Anna Weißig, "RosaLinde Leipzig"

Vielen Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern des Bundesamtes für Migration (Bamf) fehle die notwendige Sensibilisierung und Erfahrung, um mit den schwierigen Geschichten der Betroffenen angemessen umzugehen. Eigentlich will das Bundesamt mit eigenen Sonderbeauftragten die Situation von LGBT-Geflohenen berücksichtigen. Sie sind zusätzlich geschult, um Anhörungen mit queeren Geflohenen durchzuführen.

Nach Ansicht von Anna Weißig reicht das jedoch nicht aus. Die besonders fortgebildeten Mitarbeiter würden nur hinzugezogen, wenn vorher bekannt ist, dass jemand LGBTQ ist. Dies sei jedoch oft nicht der Fall, weil viele Geflohenen auch in Deutschland ihren Verfolgungsgrund möglichst selten erwähnten, um weitere Anfeindungen zu vermeiden. 

Die Zahl der Asylanträge, die wegen der sexuellen Identität gestellt werden, wird in Deutschland nicht erhoben – und auch nicht, wie viele erfolgreich waren.

Ein weiteres Problem sieht Anna Weißig bei den Übersetzern des Bamf. Betroffene berichten immer wieder von Diskriminierung und ungenauen Übersetzungen. Anders als die Anhörer werden sie bislang nicht auf die sensiblen Geschichten verfolgter Schwuler, Lesben, Trans- oder Bisexueller vorbereitet. Auf eine kleine Anfrage der Grünen im vergangenen Jahr antwortete das Bundesinnenministerium, dies sei nicht vorgesehen.

Integrationshelfer wie Anna Weißig fordern deshalb, zumindest alle Bamf-Anhörer und Übersetzer entsprechend auszubilden.

Auf bento-Anfrage sagte eine Sprecherin des Bamf, es gebe für die Übersetzer bereits ein Mentoring- und Schulungsprogramm. Eine solche Schulung dauere fünf Tage, in Rollenspielen gehe es unter anderem um Berufsethik und Übersetzungstechniken. Beschwerden könnten außerdem dazu führen, dass einzelne Übersetzer nicht mehr eingesetzt werden.

Klar ist auf jeden Fall: Gespräche mit fremden Behördenmitarbeitern über die eigene Sexualität können kaum einfach sein – erst recht nicht, wenn die sexuelle Orientierung der Grund für jahrelange Unterdrückung war. Zu intime Fragen – zum Beispiel zu sexuellen Praktiken – sind den Anhörern laut Bamf verboten, persönliche Erlebnisse müssten aber möglichst lückenlos geschildert werden. 

Wir haben mit drei Geflohenen darüber gesprochen, wie es ihnen in den Interviews mit dem Bamf ergangen ist. Ihre Protokolle ermöglichen einen Einblick in die Situation queerer Geflohener in Deutschland.

Richard, 37

(Bild: privat)

Ich bin vor acht Monaten aus Venezuela nach Deutschland geflohen. In meiner Heimat wurde ich psychisch und physisch missbraucht, weil ich schwul bin. Das wird dort nicht akzeptiert. Dass homosexuelle Menschen tot auf der Straße gefunden werden, ist normal. Es ging nicht mehr.

In Hamburg hatte ich zunächst zwei Interviews beim Bamf. Das erste war sehr kurz, das zweite hat neun Stunden gedauert und war ein Alptraum. Die Übersetzerin hat mich nicht richtig verstanden und ich sie auch manchmal nicht. Der Beamte war verärgert und abweisend. Irgendwann schlug er mit den Fäusten auf den Tisch und machte mich dafür verantwortlich, dass er nicht rechtzeitig zu seiner Tochter kommt. Ich wäre am liebsten rausgelaufen und hätte geheult.

Ich wurde behandelt, als ob ich eine ansteckende Krankheit hätte.

Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Anhörer mir nicht glauben. Aber die Situation war sehr unangenehm. Ich wurde gefragt, mit wie vielen Männern ich schon Sex hatte und wie viele davon in Europa leben. Ich musste erzählen, wie ich meine Jungfräulichkeit verloren habe. Ich hatte keine Ahnung, was meine Rechte sind und bin davon ausgegangen, dass die Fragen notwendig sind. Wie will man auch herausfinden, ob ich schwul bin? 

Später hat man mir bei einer Hilfsorganisation erzählt, dass die Fragen zu weit gingen. Wir haben Beschwerde eingelegt, daraufhin gab es noch ein drittes Interview, aber da wurden nur Punkte aufgegriffen, die in der Übersetzung nicht schlüssig waren. Vieles von dem, was der Beamte notiert hatte, habe ich nie gesagt.

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Zeitweise habe ich in einem Heim für Geflohene gelebt. Irgendwann haben die anderen mitbekommen, dass ich schwul bin. Ich hatte Angst. Die anderen Geflohenen kamen mit meiner Homosexualität nicht klar, trotzdem musste ich mit ihnen duschen. Ich wurde behandelt, als ob ich eine ansteckende Krankheit hätte. 

Inzwischen wurde mein Antrag abgelehnt. So wie ich es verstanden habe, argumentiert das Bamf, dass ich in eine andere Stadt hätte fliehen können, statt das Land zu verlassen. Das stimmt aber nicht, mein Leben ist landesweit in Gefahr. Ich habe Einspruch eingelegt.

Nadia, 38

Mein Mann und ich sind seit unserer Jugend zusammen. Als er mir erzählt hat, dass er auch Männer begehrt, wusste ich, dass uns das nicht trennen kann. Doch unsere Familien sahen das anders. Als sie herausbekamen, dass er bisexuell ist, wollte meine Mutter mich zwingen, mich scheiden zu lassen. Seinem Bruder reichte das nicht, er drohte uns, ihn umzubringen.

Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen.

Deshalb sind wir nach Deutschland geflohen, um uns zu schützen. Die Situation hier ist sehr schwierig. Bei meiner Anhörung fragte mich die Frau vom Bamf, weshalb ich meinen Mann nicht verlasse, wenn er bisexuell ist. Ich sei doch eine hübsche, junge Frau. 

Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Was soll diese Frage? Andere Frauen werden täglich von ihren Männern geschlagen und bleiben bei ihnen. Warum muss ich mich rechtfertigen? Mein Mann hat sich mir anvertraut, wir lieben uns sehr und haben eine Familie. 

Die Anhörung war sehr schwierig. Der Übersetzer sprach mit syrischem Akzent und veränderte ständig Wörter. Aus schwul wurde Schwuchtel. So etwas macht es noch schwieriger, die eigenen Gefühle zu erklären. Es ist sehr hart für uns. Auch in der Unterkunft mussten wir den Grund unserer Flucht verschweigen, um sicher zu sein.

Wir haben drei Kinder und hatten in Tunesien ein tolles Leben. Mein Mann war selbstständig, ich Französischlehrerin. Es ging uns gut. Ich war eine Frau mit Abitur und Geld. Um hier zu leben, hätte ich anders nach Europa kommen können. Jetzt haben wir hier seit drei Jahren nichts. 

Hassouna, 40

Die Anhörung war für mich sehr traumatisch. Ich musste detailliert von meinem Intimleben erzählen, wurde gefragt, ob ich bereits als Kind bisexuell gewesen sei und mit welchen Menschen ich bislang schon Sex hatte. Das Bamf hat mir am Ende geglaubt, unseren Antrag aber dennoch abgelehnt. 

Doch in Tunesien kann man als bisexueller Mann nicht sicher leben. Ich habe noch nie einen anderen Mann getroffen, der offen bisexuell ist. In Tunesien ist das undenkbar und gefährlich. Nicht-heterosexuellen Männern drohen Haftstrafen und Gewalt. Um andere Männer zu treffen, musste ich früher in andere Städte fahren, damit mir nichts passiert. 

Ich fühle mich schuldig, weil meine Familie durch meine Geschichte in Not geraten ist. Wir haben keine Sicherheit, seit drei Jahren leben wir in der Schwebe. Doch wir mussten fliehen, die Drohung meines eigenen Bruders hat mir sehr viel Angst gemacht. Ich weiß nicht, wo wir uns in Tunesien verstecken sollten. 

Niemand in meiner Lage denkt sich das aus, um es leichter zu haben. Ohne Medikamente kann ich nicht schlafen. Ich fühle mich apathisch und frage mich ständig, weshalb schwule Männer aus anderen Ländern Schutz finden, ich aber nicht. Wir haben bereits zwei Mal Beschwerde eingelegt, unser Fall wurde im Bundestag diskutiert. Ich hoffe, wir finden hier Schutz.


Nadia und Hassouna möchten aus Angst vor Repressionen nicht, dass Bilder von ihnen gezeigt oder ihre Nachnamen genannt werden.


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Heute Nacht ist die Umfrage der EU-Kommission zur Abschaffung der Sommerzeit ausgelaufen. Das Interesse der EU-Bürger war riesig: Alleine in den ersten drei Tagen stimmten über 500.000 Menschen ab. Doch wie geht es nun weiter? Wird die Sommerzeit jetzt abgeschafft? (bento)