Bild: Arabella Wintermayr
Hier sind fünf moderne LGBT+-Klassiker, in denen sich alles um außergewöhnliche queere Figuren und ihre Geschichten dreht.

Klar, Queers sind nicht erst seit heute Teil der Literatur: Thomas Manns Werk quillt nur so über vor schwulem Subtext, und wer schon einmal in die Gedichte Sapphos geschaut hat, weiß: Lesben schreiben schon seit dem 7. Jahrhundert vor Christus (!) anzügliche Lyrik.

Dass LGBTQ-Charaktere als vielseitige Figuren den Mittelpunkt der Handlung bilden - und das nicht als mahnendes Beispiel für moralischen Verfall - ist allerdings relativ neu. 

Wir empfehlen euch fünf Bücher, die bereits jetzt moderne Klassiker der LGBTQ-Literatur sind – oder die besten Voraussetzungen mitbringen, es noch zu werden.

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"Auf Erden sind wir kurz grandios" von Ocean Vuong (2019)

(Bild: Arabella Wintermayr)

Worum geht es?

Ein autobiographisch aufgeladener Debütroman, der Gattungsgrenzen sprengt. Gleichsam voller Poesie und Rohheit. Ocean Vuong wurde 1988 in Saigon geboren, seine Familie – das heißt Mutter Rose und Oma Lan – wanderte in die USA, nach Connecticut, aus, als er zwei Jahre alt war. Die Wohngegend ist schlecht, nachts fallen Schüsse und die von der körperlich aufreibenden Arbeit im Nagelstudio auch psychisch abgestumpfte Mutter schlägt ihren Sohn, wenn er sich "unmännlich" verhält. Das Buch ist als Brief an die analphabetische Mutter verfasst, den sie wahrscheinlich nie lesen wird. Er wandelt zwischen ganz unterschiedlichen Schauplätzen, dem kargen Zuhause in den USA, dessen Versprechen vom amerikanischen Traum sich als leerer Spott herausstellt; den mythisch-eingefärbten Geschichten der Großmutter aus dem Vietnamkrieg; der harten körperlichen Arbeit als Schüler auf der Tabakplantage und den ersten schwulen Erfahrungen mit Trevor, der bei seinem alkoholkranken Vater im Trailerpark lebt und Opfer der Opioid-Krise wird.

Du solltest es lesen, weil…

Es dem Buch gelingt, in all dem Hässlichen, das dem Ich-Erzähler (und in den meisten Fällen wahrscheinlich auch dem Autor selbst) begegnet, Schönheit zu sehen. Alltägliche Schrecken werden poetisch aufgeladen und bekommen so einen eigenen Sinn, sogar existenzielle Bedeutung. Gleichzeitig ist der Roman eine beeindruckende Selbstvergewisserung, seinen Platz im Leben jenseits von zugeschriebenen Rollen ("Migrant", "Queer", "Emporkömmling") zu finden. Die Queerness der Hauptfigur wird dabei selbstbewusst thematisiert, die vorkommenden Sex-Szenen sind außergewöhnlich unbeschönigt. Selbst anfängliche Pannen werden zärtlich beschrieben und nicht ausgeblendet.

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"Anne Lister" von Angela Steidele (2017)

(Bild: Arabella Wintermayr)

Worum geht es?

Anne Lister war Teil des englischen Landadels, reiste auf eigene Faust bis an die entlegensten Flecken der Erde und liebte mit Selbstverständlichkeit zahlreiche Frauen. Und das alles Anfang des 19. Jahrhunderts, im prüden präviktorianischen Zeitalter. Anne hat ihre Erfahrungen in über 7000 Seiten umfassenden Tagebüchern festgehalten, teilweise mit einem selbstentwickelten Geheimcode verschlüsselt. Die deutsche Autorin Angela Steidele hat sich dem übersetzten Fundus angenommen und zusammen mit Briefwechseln zwischen Anne und ihren Geliebten in eine erotische Biographie gegossen.

Du solltest es lesen, weil…

Anne Lister (1791 – 1840) nicht nur als die erste bekannte moderne Lesbe gilt, sondern auch mit inspirierender Unbekümmertheit mit ihrer Sexualität umging. Gegen jeden Protest aus Nachbarschaft oder Familie - und den gab es durchaus - verführte und liebte sie, wen sie wollte. Umso lesenswerter wird das Buch durch die Vielseitigkeit, die Angela Steidele ihrer Anne zugesteht. Denn bei aller Faszination für ihre Fortschrittlichkeit, wird sie nicht zur unfehlbaren lesbischen Heldin verklärt. Wie berechnend sie mit ihren Partnerinnen umging wird ebenso thematisiert, wie ihr überhebliches Standesbewusstsein. 

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"Das Ende von Eddy" von Édouard Louis (2014)

(Bild: Arabella Wintermayr)

Worum geht es?

Eine soziologische Studie, eine Coming-of-Age-Geschichte, eine Autobiographie – dieser Roman trägt all das in sich. Eddy wird auf dem Dorf in einer abgehängten Gegend in Nordfrankreich groß, zwischen Fernsehen, Alkohol und Gewalt. Seine Familie ist so arm, dass oftmals sogar das Geld für richtiges Essen fehlt. Louis zeigt anhand seiner eigenen Kindheit, wie diese Armut eine Wut hervorbringt, die in Rassismus und Homophobie mündet. Er erzählt mit kühler Sachlichkeit davon, wie er von Mitschülern für "feminines" Verhalten täglich angespuckt wird, wie ihn seine Eltern schon als Kind dazu auffordern, das „tuntige Gefuchtel“ bleiben zu lassen. Und schließlich geht es auch darum, wie er der Enge des Dorfes entfliehen und aus Eddy Bellegueule der Schriftsteller Édouard Louis werden konnte.

Du solltest es lesen, weil…

Das Buch nicht nur eine individuelle Erfolgsgeschichte ist, sondern auch aufschlussreich erklärt, wie es dazu kommen kann, dass Menschen ihre eigenen Erfahrungen von Unterdrückung an vermeintlich Fremde oder Schwächere weitergeben. Louis stellt das Arbeitermilieu weder bloß, noch ist sein Debüt als Rachefeldzug gegen seinen Heimatort zu verstehen. Vielmehr prangert es ein ungerechtes Gesellschaftssystem an, das einen Kreislauf aus Armut und Bildungsferne hervorbringt.

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"Salz und sein Preis" von Patricia Highsmith (1952)

(Bild: Arabella Wintermayr)

Worum geht es?

New York in den 1950ern: Die 19-jährige Therese Belivet macht eine Ausbildung zur Bühnenbildnerin, muss aber einen unbefriedigenden Aushilfsjob als Verkäuferin in einem Kaufhaus annehmen, um sich finanziell über Wasser zu halten. Auch ihre Beziehung zu Freund Richard läuft nicht so richtig, über die Gründe dafür ist sie sich nicht im Klaren. Das ändert sich allerdings schlagartig, als plötzlich eine attraktive, 13 Jahre ältere Kundin vor ihr steht, die sie umgehend in ihren Bann zieht. Die beiden lernen sich vorsichtig kennen und finden ineinander eine unwahrscheinliche Liebe.

Du solltest es lesen, weil…

"Salz und sein Preis" sowas wie der Heilige Gral der lesbischen Literatur ist. Das Buch wurde bereits 1952 veröffentlicht - allerdings unter Pseudonym, da die jüngst zur Krimi-Bestseller-Autorin aufgestiegene Patricia Highsmith ("Der talentierte Mr. Ripley") andernfalls ein jähes Ende ihrer Karriere hätte fürchten müssen. Der Roman ist einer der ersten, der einer homosexuellen Figur ein glückliches Ende zugesteht und sie nicht wahlweise im Knast, in der Psychiatrie oder direkt im Grab enden lässt. Aber auch ohne den zeitlichen Kontext gesehen, ist die feinsinnige Liebesgeschichte bis heute eine literarische Ausnahmeerscheinung.

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"Tage ohne Ende" von Sebastian Barry (2018)

Worum geht es?

Thomas McNulty, 1850 vor dem Hunger von Irland nach Amerika geflohen, legt Zeugnis ab über sein Leben. Als mitteloser Minderjähriger lernt er John Cole kennen, der ebenfalls als Waise auf sich allein gestellt ist. Ab dem Zeitpunkt sind sie unzertrennlich, bleiben bis an ihr Lebensende ein Paar. In Saloons tanzen sie zunächst mit einsamen Mienenarbeitern - als Frauen zurechtgemacht, denn die sind damals noch rar im rauen Westen. Mit Siebzehn sind sie für die Scharade zu erkennbar männlich und treten in die Armee ein. Sie kämpfen in der Union gegen die Sklaverei befürwortenden Südstaaten, beteiligen sie sich aus Obrigkeitshörigkeit aber auch an Bluttaten gegen die indigene Bevölkerung. Nach einem der Gemetzel "adoptieren" sie ein Waisenmädchen und versuchen sesshaft zu werden.

Du solltest es lesen, weil…

Schwule Cowboys!? Ja, die kennen wir bereits aus "Brokeback Mountain". Hier sind sie aber tatsächlich im von Schmutz, Kälte und Hunger geprägten historischen Wilden Westen angesiedelt. Ihre Sprache ist authentisch rau. Gerade die Figur Thomas aber, die sich – hätte sie die Begriffe dafür gehabt – wahrscheinlich als trans* beschrieben hätte, ist für das Western-Genre eine echtes Phänomen. 

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Fühlen

Was es über uns sagt, wenn wir Trash-TV angeblich "ironisch" gucken
Warum können wir uns nicht eingestehen, dass wir uns einfach mal berieseln lassen wollen?

Private Fernsehsender, Streamingdienste, aber auch die Öffentlichen-Rechtlichen mit dem Traumschiff oder der Helene Fischer-Show sind voller Formate, die vermeintlich ironisch geguckt werden. Ich selbst habe mir das eine Zeit lang eingeredet, auch Freundinnen und Bekannte haben häufig behauptet, Unterhaltungssendungen oder Fernsehfilme nicht ernsthaft zu gucken. Was auch immer das heißen sollte.  

Die ironische Haltung entstand bei mir wohl aus dem Gefühl, den Konsum vermeintlich anspruchsloser Sendungen rechtfertigen zu müssen. Ob vor mir oder anderen, ist erst einmal egal. Warum? Gibt es vielleicht ein Unbehagen, weil ich weiß, dass ich hier auf Kosten anderer lache? Möchte ich nicht, dass mein Umfeld mich mit auf Kamelpenissen rumkauenden Dschungelcampern assoziiert? Schütze ich mich durch die angebliche Ironie?

Dem Trash-TV-Konsum einen Sinn geben 

Das Dschungelcamp oder auch die Anti-Dating-Serie "Too Hot to Handle" leben von ihrer (teils unfreiwilligen) Komik. Dass mich diese Sendungen nur aufgrund genau dieser Komik unterhalten könnten, steht in scheinbarem Widerspruch zu meiner sonstigen Selbstwahrnehmung. Um diesen aufzulösen, rede ich mir ein, die Formate nicht wirklich gut zu finden, sondern auf einer zweiten Ebene damit umzugehen. Ihnen selbst einen Sinn zu geben, während Menschen auf dem Bildschirm mit Kakerlaken übergossen werden oder ihre halbnackten Körper lasziv aneinander reiben, ohne so richtig zur Sache kommen zu dürfen.

Tatsächlich denke ich aber nur: Bitte, bitte, macht was Dummes! 

Das Lachen über weniger privilegierte Menschen ist die billigste Art der Selbsterhebung. Man muss selbst gar nichts machen – es reicht, dass andere an der Nase durch den Trash-Zirkus gezogen werden. Aber genau dieses Herabschauen ist wenig schicklich, deshalb verstecken wir uns gerne hinter Ausreden. Wie ein guter Freund von mir, der nicht zum Ironie-Argument greift, sondern sagt, er verfolge das Dschungelcamp, um ein alljährliches Update über die deutsche B-Promi-Landschaft zu bekommen. Hat er deshalb auch den Bachelor geguckt? 

Besagter Freund und ich haben offenbar das Gefühl, für den Konsum von Trash-TV eine besonders gute Erklärung abliefern zu müssen. Weil es zu unserer Selbstwahrnehmung viel besser passen würde, nur das zu konsumieren, was klassischerweise als Hochkultur bezeichnet wird. Populärkultur dagegen nur mit Augenzwinkern. 

Smart, Bildungsbürger, Kafka- und Billie-Eilish-Fan

Aber ist diese Unterscheidung überhaupt noch zeitgemäß? Früher ließen sich die Geschmäcker der sozialen Schichten relativ eindeutig voneinander abgrenzen, zwischen Hoch- und Populärkultur gab es ein klares Gefälle. Seit einigen Jahren werden die Grenzen allerdings immer fließender, der Konsum von leichter zugänglichen Kulturgütern (Trash-TV, Hollywood-Kino, Radio-Pop) gibt eigentlich keinen Aufschluss mehr über Einkommen und Bildungsstand (Researchgate). Stattdessen gehört es mittlerweile zum bildungsbürgerlichen Repertoire, sich sicher in der Populärkultur zu bewegen. Schwer vorstellbar, dass ein junger Mensch zwar Kafka-Texte auswendig kennt, aber nicht weiß, wer Billie Eilish ist. Aber diese Entwicklung passierte eben nur in die eine Richtung: Nicht jeder junge Mensch, der weiß, wer Billie Eilish ist, zitiert auch Kafka-Texte.

Allein die Unterscheidung zwischen Populär- und Hochkultur hat außerdem immer etwas Elitäres. Dem Begriff der Hochkultur wohnt die gleiche Anmaßung inne wie dem ironischen Konsum von Trash-TV: Ich als Bildungsbürger bin smarter. Ich verstehe das, was ihr mögt, andersrum checkt ihr aber gar nichts. Ich schaue mir jetzt das Dschungelcamp an, aber kann dann auch wieder zurück zu meinen Arthouse-Filmen, natürlich im Original, mit Untertiteln.