Bild: Austin Hargrave/Netflix
Dabei hatte ich mich gesträubt, die erste Episode zu schauen.

Eigentlich hasse ich Reality-TV. 

Es ist für mich das Allerschlimmste, was an Unterhaltung im Fernsehen angeboten wird. Menschen werden hier vorgeführt und mit ein paar Euros dafür abgespeist. Verachtung und Arroganz gegenüber dem als dumm dargestellten Bauern oder dem dreckigen, 40-jährigen "Messie" sind die Eckpfeiler dieser Sendungen. 

Mit "lustiger" Musik werden die Verfehlungen der Charaktere noch hervorgehoben, die Moderatoren sorgen dafür, dass auch wirklich knackige Zitate aus ihnen herausgepresst werden. Es sagt wahrscheinlich viel aus über unsere Gesellschaft, dass solche Formate von Millionen Zuschauern geguckt werden. 

Besonders schlimm sind sogenannte Umstyling-Shows. 

Hier wird den Menschen ganz offen gesagt: "Hey, du bist richtig scheiße. Sei doch mal anders!" Das Signal an die Zuschauer ist klar: Menschen sollen nicht sie selbst sein, sondern sich ändern, sich anpassen. Genau so ein Format könnte eigentlich auch "Queer Eye" sein, das seit 2018 auf Netflix gezeigt wird. Gerade wurde der Trailer für die vierte Staffel veröffentlicht: 

Trotz Reality-TV gehört "Queer Eye" dennoch zum Besten, was ich je gesehen habe. 

Die Prämisse von "Queer Eye" hört sich denkbar bescheuert an: Fünf Schwule kommen für eine Woche zu jemandem nach Hause und helfen ihm oder ihr, ein glücklicheres Leben zu führen. 

3 Gründe, warum das richtig gut ist:

Die Menschlichkeit

Ich habe mich, ehrlich gesagt, gesträubt, die erste Episode zu schauen. Meine Frau musste mich überreden – und am Ende der Folge hatte ich Tränen in den Augen. Sie handelte von einem alten, ungepflegten Mann, weit über 60, der schon lange Single war. Sein Leben bestand aus einem kleinen Raum, seinem Auto und einem modrigen Sessel. Er hatte aufgegeben. 

Doch anders, als zum Beispiel bei "Bauer sucht Frau", wurde er nicht vorgeführt, nicht verarscht, nicht lächerlich gemacht. Sondern ernstgenommen

Er wurde gelobt. Er wurde wertgeschätzt. Es war, als würden ihn die fünf Moderatoren, zusammen und in Einzelgesprächen, wieder gesund pflegen. Am Ende der Sendung war er voller Lebensfreude und traute sich sogar, seinen Schwarm zu einem Date einzuladen.

Die motivierenden Moderatoren:

In "Queer Eye" geht es nicht darum, die Teilnehmer oberflächlich zu verändern. Die fünf Moderatoren versuchen, so pathetisch das klingt, ihnen das Selbstwertgefühl wiederzugeben. 

Sie sagen ihm nicht, wie er sein soll. Sie fragen ihn, wie er sein möchte und helfen ihm dabei, dieses Ziel zu erreichen. Das motiviert auch mich als Zuschauer – viel mehr als über jemanden zu lachen. 

Indem Teilnehmer lernen, auf sich selbst mehr acht zu geben, schaffen sie es, aus alten Routinen auszubrechen

  • Sie helfen dem ängstlichen Schwulen, endlich sein Coming-Out vor der Familie zu haben und stolz zu sein.
  • Sie helfen dem katholischen Familienvater, sich mehr um seine Bedürfnisse zu kümmern und kein Burn-Out zu bekommen.
  • Sie helfen dem notorischen Lügner, seiner Familie endlich die Wahrheit zu sagen und seine Fehler wieder gut zu machen.
Antoni ist der Koch unter den "Fab 5". Er bringt den Teilnehmern Lebensmittel einkaufen und kochen bei, damit sie sich oder ihre Familie versorgen können.
Tan ist Muslim, Designer und bringt den Menschen in der Sendung bei, sich anzuziehen.
Johnathan kümmert sich um Haare, Bart und Hautpflege. Er spielt mit weiblichen und männlichen Merkmalen und trägt gerne Frauenkleidung.
Bobby ist Inneneinrichter. Er baut die Wohnungen der Teilnehmer um und kauft ihnen neue Einrichtung.
Karamo hilft den Teilnehmern eher psychisch. Ähnlich wie ein Therapeut bringt er ihnen bei, Ängste zu überwinden und auf andere Menschen zuzugehen.
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Die Ehrlichkeit

Es gibt so viele menschliche und ehrliche Momente in "Queer Eye". Zum Beispiel, wenn der katholische Vater seine Position zur Homosexualität reflektiert. Oder als  Life-Coach Karamo mit Teilnehmer Cory im Auto durch Atlanta fährt: Cory ist Polizist und Trump-Fan, Karamo ist schwarz und schwul. 

Sie scheuen tatsächlich nicht davor zurück, Polizeigewalt gegen Schwarze zu thematisieren – und haben danach mehr Verständnis für den jeweils anderen. Denn, Überraschung: Beide sind trotz aller Vorurteile keine Stereotype, sondern vielschichtige Menschen. 

"Alleine, dass du zugibst, das andere Polizisten Fehler machen, hilft mir. Ich höre immer nur von Cops, die zusammenhalten und sich gegenseitig schützen. Aber wer schützt uns? Wir leiden beide am der selben Sache … nur an zwei verschiedenen Seiten", sagt Karamo. 

Und Cory entgegnet: "Ich bin froh, dass du so fühlst. Schwarze Leben sind wichtig. Polizisten sind wichtig. Wir sollten uns zusammensetzen, das wäre gut für unsere Gesellschaft. Alle wollen immer nur reden – und keiner will zuhören." 

Und diese Sätze sagen sie IN EINER UMSTYLING-SHOW!

Warum gibt es nicht mehr solcher Serien, die tatsächlich etwas Gutes für die Menschen tun? 

Die dafür sorgen, Vorurteile in alle Richtungen abzubauen? Warum muss "Queer Eye" etwas besonderes sein? 

Klar: Wie alle TV-Shows zeigt auch Queer Eye nur das, was wir sehen sollen. Natürlich ist das nicht die komplette Wahrheit. Bobby baut nicht alleine innerhalb von zwei Tagen die Wohnungen um, die Teilnehmer sind nicht nach ein paar Tagen von allen Problemen geheilt.

Es ist eine große Inszenierung, in der viel zusammengeschnitten und verkürzt wird. Dennoch sind die Tränen der Teilnehmer am Ende einer Folge echt – weil sie so dankbar sind, dass jemand an sie glaubt und ihnen eine neue Chance gibt. 

Für solche Gefühle würde ich glatt wieder häufiger den Fernseher einschalten. 

Und nicht nur ich sehe das so: Die Sendung hat 2018 einen Emmy als "beste Reality-Sendung" gewonnen. Dieses Jahr könnten es noch mehr werden. 

"Queer Eye" Staffel 1, 2 und 3 sind 2018 auf Netflix erschienen, eine vierte Staffel erscheint am 19. Juli 2019Die Dreharbeiten für Staffel fünf haben Ende Juni 2019 begonnen. 


Gerechtigkeit

Die AfD zitiert auf ihrem Meldeportal einen Wissenschaftler – jetzt widerspricht er
Extremismusforscher Klaus Schroeder über ein neues AfD-Portal und die angebliche Gefahr von Links.

Vergangene Woche startete die AfD ein bundesweites Portal zur Aufklärung über angebliche linke Straftaten und Linksextremismus im Allgemeinen. Über ein Formular sollen Nutzerinnen und Nutzer auf "Blick nach Links" auch die Möglichkeit haben, Vorfälle zu melden. Diese würden anschließend von dem Portal geprüft – wofür aktuell laut AfD ein Mitarbeiter zuständig sei. (Tagesspiegel)

Finanziert wird das Projekt vom Berliner Landesverband. Verantwortlich für das Portal ist laut Impressum Beatrix von Storch, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag.

"Linke Gewalttäter agieren praktisch im rechtsfreien Raum", sagt von Storch in einem Video zum Start des Portals. In einem Artikel werden Kevin Kühnert Aussagen zu Enteignungen als "marxistischer Vorstoß" bezeichnet. Und unter der Rubrik "Netzwerke und Geldgeber" findet sich ein Bericht über 45 Millionen Euro an Gebührengeld, das mit "Funk", dem jungen Angebot von ARD und ZDF, in politische Propaganda gesteckt werde.

In einer Meldung auf der Seite wird zudem behauptet, es gebe 460.000 gewaltaffine Linksextreme in Deutschland. Die AfD beruft sich dabei auf eine Studie von Klaus Schroeder, Politikwissenschaftler und Extremismusforscher an der Freien Universität Berlin. 

Wir haben mit Klaus Schroeder über die Darstellungen auf dem AfD-Portal gesprochen und ihn gefragt, wie groß das Problem des Linksextremismus in Deutschland tatsächlich ist.