Bild: Marta Bogdanowicz

Die queere Szene in Polen sieht sich immer größeren Anfeindungen ausgesetzt. Seit Jahresbeginn verabschiedeten vier Regionalparlamente Resolutionen gegen die "LGBT-Ideologie". Eine rechtskonservative Zeitschrift legt ihren Ausgaben Sticker mit der Aufschrift "LGBT-freie Zone" bei (MDR). Und vergangenes Wochenende bat Bischof Miroslaw Milewski anlässlich einer Weihe darum, vor der "kranken LGBT-Ideolgie" beschützt zu werden (queer.de).

Der bisherige Höhepunkt der öffentlichen Anfeindungen gegen die queere Szene in Polen wurde in der Großstadt Bialystok erreicht, gut zwei Stunden nordöstlich von Warschau. 

Zum ersten Mal sollte hier eine Gay-Pride stattfinden, doch Hooligans und Nationalisten attackierten den Umzug, es flogen Flaschen, Steine und Feuerwerkskörper. 

Laut polnischen Medienangaben kamen auf etwa tausend Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gay-Pride rund 4000 Gegendemonstranten. Neben Nationalisten hatten auch katholische Gruppen zu den Protesten aufgerufen. 

Gesichert wurde die Pride von rund 700 Polizisten – zu wenige, sagt Anna Pietrucha. Die 26-Jährige aus Warschau sollte eigentlich als Rednerin auf der Parade auftreten. Doch dazu kam es nicht.

Zu gefährlich wäre es gewesen, hätte sie auf einem Podium gestanden. Wir haben mit Anna über die aktuelle Situation für queere Menschen in Polen gesprochen. 

Anna, was hat sich seit der Gay-Pride in Bialystok für dich verändert?

"Ich war bereits zuvor so vorsichtig wie nur möglich, ging beispielsweise nach Demonstrationen nie allein nach Hause. Einmal wurde ich körperlich angegriffen, aber insgesamt ist mir nichts wirklich Schlimmes passiert. Die Gefahr schien in recht weiter Ferne. Aber seit Bialystok habe ich Angst, jederzeit angegriffen werden zu können. Vor einer Woche habe ich eine Regenbogenflagge in mein Fenster gehangen, habe sie aber nach ein paar Stunden wieder heruntergenommen, weil ich andauernd dachte, jemand würde mir deshalb die Scheibe einwerfen."

Wie hast du die Situation während der Gay-Pride denn erlebt?

"Ich habe schon viele Demonstrationen besucht, auch in kleineren Städten – so schlimm war es noch nie. Ich hatte wirklich Angst. 

Schon auf dem Weg zur Pride wurden wir von Nationalisten als Pädophile bezeichnet. Ich sah einen Protestmarsch von Katholiken, manche von ihnen trugen Schilder und Banner mit homophoben Sprüchen.

Anna Pietrucha

... ist Mitglied bei der "Kampagne gegen Homophobie", der größten NGO Polens, die sich für die Rechte von queeren Menschen einsetzt. Seit etwa zwei Jahren kämpft sie für die polnische LGBT-Szene. Sie lebt und arbeitet in Warschau.

Am Startpunkt der Parade waren überall Gegendemonstranten. Hunderte Menschen riefen uns zu, dass wir verschwinden sollen, sie bewarfen uns mit Böllern und Pflastersteinen.

Die Demonstranten waren überall entlang des Weges, den wir gingen, und auch nach der Parade wurden noch Menschen attackiert, als sie zurück zu ihren Autos gingen. Uns riefen Leute zu, dass sie uns vergewaltigen würden, sie riefen: 'Verpisst euch, ihr Schwuchteln!'"

Hast du dich von der Polizei geschützt gefühlt?

"Die Polizei trennte die Gegner von uns, konnte sie aber nicht davon abhalten, uns zu bewerfen. Ihre Präsenz half uns, aber geschützt habe ich mich nicht gefühlt.

Ich würde mich eigentlich als mutige Person bezeichnen, aber ich glaube, ein Teil dieser Menschen wollte uns wirklich umbringen. Während der Parade habe ich gedacht, dass heute jemand von uns sterben muss, so schlimm war es. 

Bialystok war für mein Leben als Aktivistin auf jeden Fall ein einschneidendes Erlebnis."

Wie hat sich die Situation für queere Menschen in Polen entwickelt?

"Es wird jeden Tag schlimmer. Seit einiger Zeit werden zwar auch immer mehr Prides organisiert – das ist ja eine gute Sache. Aber in den vergangenen Monaten fallen die Reaktionen darauf immer heftiger aus.

Meine Freunde und ich fühlen uns nicht mehr sicher. Wir haben Angst davor, in der U-Bahn Händchen zu halten. Homophobe Angriffe auf der Straße nehmen zu, ich sehe fast jeden Tag auf Facebook einen Post von jemandem, der eine Attacke erlebt hat. 

Allerdings beginnen auch Unterstützer von außerhalb der Community damit, den Mund aufzumachen. Vor einigen Jahren sagten sie noch bei Demonstrationen, bei denen es um etwas anderes ging, man solle die Regenbogenflaggen wegpacken – heute kommen sie selbst zur Pride."

Wie groß ist der Einfluss der regierungsnahen Medien auf die öffentliche Stimmung?

"Ich glaube, sie haben einen riesigen Einfluss auf die Debatte und darauf, wie die Gesellschaft auf queere Menschen blickt. 

Die öffentlich-rechtlichen Medien reden über uns nicht als Menschen, sie sprechen stattdessen von einer 'LGBT-Ideologie'. Du wirst nicht mehr als Mensch gesehen, sondern als Teil einer Ideologie. Die Medien aus dem rechten Spektrum gehen noch weiter und bringen uns in Verbindung mit Pädophilie. Das heißt, sie sehen uns als Kriminelle.

Queere Menschen werden nicht gezeigt als das, was sie sind – Menschen. Dabei sind sie deine Ärztin, dein Lehrer, deine Schwester oder dein Nachbar." 

Wie verhält sich die Kirche?

"Ihr Einfluss ist riesig und LGBT-feindliche Äußerungen gibt es häufig. Der Erzbischof von Krakau warnte vor Kurzem vor der "Regenbogen-Plage". Und in Bialystok gab es sogar Priester, die die Nationalisten dafür gelobt haben, dass sie die Parade attackierten. Sie haben ihnen dafür gedankt, die Stadt vor 'Verdorbenheit und Demoralisierung' zu schützen.

Auch wenn andere Mitglieder der Kirche die Attacken verurteilt haben – die homophoben Stimmen sind sehr laut."

Wie siehst du die Zukunft der LGBT-Community in Polen?

"Ganz realistisch gesehen glaube ich nicht, dass sich bald etwas zum Besseren ändern wird. Es wird eher noch schlimmer werden. 

Seit Jahren schon ist die Situation für queere Menschen in Polen schlecht – es gibt keine Homo-Ehe, kein Recht auf Adoption für gleichgeschlechtliche Paare, keine Rechte für Transsexuelle. Aber heute werden wir attackiert. 

Vielleicht wird diese ganze Debatte jetzt manche Menschen dazu bringen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wir stehen unter Beschuss – aber jetzt stehen wir auch in der Öffentlichkeit. Verschwinden werden wir nicht. Vielleicht wird uns das auf lange Sicht helfen."

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Grün

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