Bild: Annika Krause
"Mein Geschlecht ist mir absolut egal."

Laura und Alex sind seit fünf Jahren ein Paar, verheiratet und wohnen zusammen. Doch mit einem klassischen Ehepaar haben die beiden wenig gemein: Sie leben nicht nur in einer offenen Beziehung, sondern sind beide pansexuell.

Hier erzählen sie, wie  ihre Pansexualität entdeckt haben und wie sie als Paar ihr Sexleben gestalten.

Laura und Alex(Bild: Tatjana Thamerus)

Alex, 29, promoviert in Informatik:

Laura hat für mich eine unglaublich wichtige Rolle dabei gespielt herauszufinden, wer ich bin und was ich möchte. Durch sie habe ich überhaupt erst angefangen, über Themen wie Geschlechtsidentität oder sexuelle Orientierung nachzudenken. Auch um sie besser kennenzulernen.

Laura, 23, promoviert in Bioinformatik:

Kennengelernt haben wir uns während des Studiums in Hamburg, beim gemeinsamen Kochen mit Freunden. Seitdem führen wir eine offene Beziehung. Die Initiative dazu ging von mir aus. Alex war mein erster Sexualpartner, ich wollte mich noch ein wenig ausprobieren.

Was bedeutet Pansexualität?
In den Sechzigerjahren diagnostizierte der amerikanische Psychiater Otto Kernberg "Pansexualität" als Symptom einer Borderline-Erkrankung.
Er hielt es für eine psychische Störung, sich nicht auf ein Geschlecht festlegen zu wollen.
Als Selbstbezeichnung ist der Begriff noch sehr neu und wurde erst durch das Outing von Miley Cyrus bekannt.
"Ich habe das Wort 'bisexuell' immer gehasst, weil es mich in eine Schublade steckt", sagte Miley der Zeitschrift "Variety". "Es ist mir egal, ob jemand ein Junge oder ein Mädchen ist." Am ehesten sie sie pansexuell.
In der Wissenschaft werde Pansexualität kaum behandelt, sagt die Soziologin Lea Schütze:
"Das liegt zum einen daran, dass der Begriff so ungenau ist. Er soll sichtbar machen, dass man Sexualität nicht definieren kann."
Im Grunde sagt der Begriff aus: Menschen haben Sex mit Menschen, alles andere ist egal.
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Alex:

In unserer Beziehung experimentieren wir viel – zusammen und jeder für sich. Das geht von BDSM, über Polyamorie und Polygamie, bis hin zur eigenen sexuellen Orientierung.

Wir versuchen, offen miteinander umzugehen und uns gegenseitig immer wieder auf den anderen und seine Bedürfnisse einzulassen. Wir schauen, was sich für uns gut anfühlt. Alles andere lassen wir bleiben.

Laura:

Seit circa drei Jahren weiß ich, dass ich pansexuell bin. Zu der Zeit war ich mit einem Mann zusammen, der sich im Laufe unserer Beziehung immer mehr als Frau fühlte und sich heute als "Queer" definiert.

Ich hatte das Gefühl, das bisexuell nicht mehr passt und ich so seine Identität nicht respektiere. Und vor kurzem hatte ich eine Beziehung mit einer Person, die sich mit keinem Geschlecht identifiziert.

Ich bin pansexuell, weil es für mich unwichtig ist, ob jemand männlich oder weiblich oder nichts davon ist. Ich mag die Menschen und nicht ihre Geschlechtsorgane. Das Geschlecht ist einfach nicht das Erste, was ich von einem Menschen wissen möchte.

Alex:

Für mich war es ein schleichender Prozess von "Ich bin ein heterosexueller Mann" bis hin zu "Ich bin pansexuell".

Ich komme aus einem sehr konservativen Elternhaus. Als Laura und ich in Schweden studierten, hatten wir viel Kontakt zur polyamourösen Szene. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich Menschen mit unglaublich facettenreichen Einstellungen zu den Themen Geschlechtsidentität, Partnerschaft und Sex begegnet. Da habe ich angefangen, die Schubladen in meinem Kopf zu hinterfragen.

Laura:

Als ich herausfand, dass ich pansexuell bin, habe ich erst einmal den Begriff gegoogelt, um herauszufinden, ob es eine Community gibt. Ich habe Blogs und Erfahrungsberichte gelesen, seitdem passt alles für mich besser. Es tat gut, meine Sexualität zu benennen.

Alex:

Ich habe viel länger gebraucht als Laura, um mich dem Gedanken zu öffnen. Es ärgert mich, dass ich erst so spät herausgefunden habe, dass ich pansexuell bin. Es fühlt sich an, als wäre ich jahrelang mit einem Holzbrett vor dem Kopf herumgelaufen.

Laura:

Vor allem jetzt, da wir verheiratet sind, gehen alle gleich davon aus, dass ich mit niemand sonst Dates haben kann. Ich bin in der Ehefrau-Schublade gelandet. Deshalb bezeichne ich Alex lieber als meinen Partner. Er ist meine Hauptbeziehung und mir am wichtigsten, aber nicht der klassische Ehemann.

Alex:

Als Kind hatte ich diese komische Angst davor, homosexuell zu sein. Das lag wahrscheinlich daran, dass meine Eltern das niemals akzeptiert hätten. Deshalb fand ich es auch auf der körperlichen Ebene schwierig, mich allen Geschlechtern zu öffnen.

Dann traf ich diesen einen Menschen und hatte keine Ahnung, ob Mann oder Frau. Ich habe mich Hals über Kopf verliebt und auf einmal war mir egal, was diese Person zwischen ihren Beinen hat. Optisch fühle ich mich zwar immer noch mehr von weiblichen Menschen angesprochen. Aber sobald ich jemand geistig anziehend finde, ist mir der Körper egal.

Allmählich fing ich an, auch meine eigene Geschlechtsidentität in Frage zu stellen. Schon während meiner Pubertät habe ich mich gerne als Frau verkleidet. Natürlich immer nur mit passenden Ausreden für meine Mitmenschen. Heute definiere ich mich weder als Mann noch als Frau, manchmal trage ich auch Nagellack oder hohe Schuhe. Mein Geschlecht ist mir absolut egal.

Was hat Geschlechtsidentität mit Sexualität zu tun?
Wie man sein eigenes Geschlecht definiert, hat noch lange keinen Einfluss darauf, mit wem man ins Bett möchte.
Cis-Menschen identifizieren sich mit ihrem angeborenen Geschlecht.
Transsexuelle sind im falschen Körper geboren und wollen ihr Geschlecht wechseln.
Intersexuelle werden mit weiblichen und männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren.
Genderfluide Menschen wechseln ihre geschlechtliche Identität je nach Stimmung.
Agender sind geschlechtslos.
Und was ist mit Sexualität?
Heterosexuell ist jemand, der auf Sex zwischen Mann und Frau steht. Homosexuell, der auf Sex zwischen Mann und Mann, bzw. Frau und Frau steht.
Bisexuelle Menschen haben sowohl Sex mit Männern, als auch mit Frauen. Asexuelle Menschen wollen gar keinen Sex. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Der Begriff Pansexualität ist daher angenehm allumfassend, denn er sagt einfach aus: Menschen haben Sex mit Menschen, alles andere ist egal.
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Laura:

Ich definiere mich selbst als "genderfluid". Es gibt Tage, an denen fühle ich mich eher wie ein Mann und an anderen eher wie eine Frau und manchmal wie etwas dazwischen. Das zeige ich dann auch durch Kleidung oder Parfüm.

Ich würde mir wünschen, dass man mich nicht nur als Frau wahrnimmt, sondern als ganzen Menschen.

Alex:

Für uns ist es das Wichtigste, miteinander zu reden. In meinen vorherigen Beziehungen haben wir nie darüber geredet, was wir wirklich fühlen und wollen. Themen wie Eifersucht oder Lust auf andere Menschen haben wir nie angesprochen.

Tabus können nur gebrochen werden, wenn man so ausführlich wie möglich darüber redet. Wenn ich sage, dass ich pansexuell oder in einer offenen Beziehung bin, dann reicht das nicht. Ich muss erklären, was das bedeutet.

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