"Pseudo-witzige Aussage über etwas, wovon er keine Ahnung zu haben scheint."

ZDF-Talker Markus Lanz und seine Show stehen regelmäßig in der Kritik. Mal wegen unangenehmer Altherrenkommentare über das Aussehen von Bundeskanzlerin Merkel, mal wegen seines staubig-großmütterlichen Interviewstils gegenüber jungen Menschen wie Tom Kaulitz

Am Dienstagabend sprach Markus Lanz wieder mit einem jungen Menschen: Dem international erfolgreichen, 24-jährigen DJ Felix Jaehn. 

Nachdem Lanz zu Beginn des Interviews erfolglos versucht hatte, Jaehn mit dem mutmaßlich durch Suizid verstorbenen Musiker Avicii zu vergleichen ("Kennst du das auch, Felix, dieses Gefühl, ich stürze da jetzt rein und nichts und niemand fängt mich auf?"), wechselt das Thema auf Jaehns Bisexualität, über die er 2018 erstmals sprach. 

Anfangs ging Lanz souverän mit dem Thema um und erklärte, beim letzten Interview mit dem DJ nicht darüber gesprochen zu haben, weil es einfach total egal sei – Szenenapplaus inklusive. 

Aber Lanz wäre nicht Lanz, wenn er es dann nicht doch vermasseln würde. In diesem Fall mit einer vom Moderator frei zitierten Aussage. Ihm habe mal ein namenloser Professor gesagt: 

Bisexuelle wollen 100 Prozent, die wollen sich nicht mehr festlegen.

Die Lacher seines Publikums hat Lanz in diesem Moment auf seiner Seite. Aber war es nur ein kleiner Witz oder doch ein verletzendes Vorurteil, das Lanz hier vor 1,83 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern als "interessant und plausibel" weiterverbreitete? DJ Felix Jaehn zumindest blieb professionell und höflich. Es sei eben nicht so, dass er sich nicht entscheiden wolle, sondern, dass er sich nicht entscheiden könne. Und genau das sei auch vollkommen okay für ihn. 

Wir haben in unserer queeren Facebook-Gruppe nachgefragt, wie andere Bisexuelle mit solchen Klischees und Sprüchen umgehen. 

Lean, 22

(Bild: Privat)

"Ich bin bi- oder pansexuell. Es ist für mich keine Mischung aus Hetero- und Homosexualität, sondern das Losgelöstsein von jeder Geschlechterkategorie – so etwas ist für mich einfach nicht relevant. Dämliche Bemerkungen dazu gibt es immer wieder, sowohl aus der Hetero-Welt als auch aus der queeren Community. Viele sagen mir, ich wolle mich doch nur ein bisschen ausprobieren oder ich sei nur bi, weil es gerade 'in' sei. Es wird gern so getan, als sei das eine Willensentscheidung. Manche denken, dass mir ein Geschlecht oder eine Person nicht reichen würde, oder dass ich noch nicht das Richtige für mich gefunden hätte. Und dann kommen Sprüche wie 'die braucht mal ein richtiges Dicking'.

Dass Lanz solche Vorurteile in seiner Show durch läppische Bemerkungen weiterträgt, finde ich verletzend.

Das ist eine pseudo-witzige Aussage über etwas, wovon er keine Ahnung zu haben scheint. Damit hilft er, das gerade beschriebene Bild aufrechtzuerhalten. Ich verstehe nicht, warum man Labels wie Geschlechter überhaupt weiter propagieren muss, denn exakt die gleichen Sprüche höre ich auch in Bezug auf mein Geschlecht (nicht-binär) – es wird einem immer wieder vorgeworfen, dass man sich nur nicht entscheiden wolle."

Die Frage ist doch vielmehr: Warum sollte ich mich überhaupt entscheiden müssen?

Stephanie, 19

(Bild: Privat)

"Ich definiere mich seit fünf Jahren als bisexuell. Aussagen wie die von Herrn Lanz musste ich mir schon sehr oft anhören. Inzwischen ignoriere ich so etwas. Aber mit 15 Jahren tun solche Sprüche weh und nagen am Selbstbewusstsein. Ich mag kein Geschlecht lieber: Wenn mir eine Frau gefällt, gefällt mir eine Frau, und wenn mir ein Mann gefällt, gefällt mir ein Mann. Das ist rein von der Person abhängig.

Ich bekomme doofe Sprüche aber nicht nur von Heteros an den Kopf geworfen. Auch in der Community haben Menschen versucht, meine Ausrichtung als falsch und nichtexistent darzustellen. 'Ich soll mich doch einfach entscheiden', wurde mir gesagt. 

Aber ich wurde so geboren. Ich kann mich nicht einfach entscheiden.

Ich finde es eigentlich eher traurig, dass das gerade in der Community wenig verstanden wird, obwohl das B ja im LGBT mit drin steckt.

Iria, 27

(Bild: Privat)

"Ich finde die Reaktion von Felix Jaehn super! Aus Kommentaren wie dem von Lanz hört man heraus, dass er sich selbst mit dem Konzept der Bisexualität nicht identifizieren kann, es nicht nachfühlen kann. Gerade da finde ich es wichtig,  die eigene Gefühlswelt so sachlich wie möglich zu erklären und freundlich zu bleiben. Wie sollen Außenstehende das sonst begeifen?

Queer in Deutschland

Du lebst queer oder interessierst dich für das Thema? In unserer Facebook-Gruppe diskutieren wir über queeres Leben in Deutschland. Hier kannst du Mitglied werden.

Wir nehmen nur Menschen in unsere Community auf, die ein echtes Interesse an LGBTQ-Themen zeigen und noch im bento-Alter sind. Ein vertrauter Austausch ist uns wichtig. Deswegen kann es manchmal etwas dauern, bis neue Anfragen beantwortet werden.

Es gab einmal eine Begegnung, die mich sehr nachdenklich gemacht hat, als mir eine lesbische Bekannte erzählt hat, dass es wirklich schwer sei, jemanden zu finden, weil Lesben so eine kleine Randgruppe seien. Ich meinte daraufhin – eigentlich nur, um sie aufzumuntern – dass es ja auch viele Bisexuelle gebe. Ihre Antwort darauf war, dass man mit Bisexuellen nichts anfangen könne, die würden früher oder später wieder zu Männern abhauen, sobald sie ihre Neugierde befriedigt hätten. Ich habe seitdem viele gegenteilige Erfahrungen gesammelt, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es in der queeren Community gerade wegen 'Bi-Neugieriger' die ein oder andere Frustration gibt."

Daniel, 25

(Bild: Privat)

"Genauso wie Heteros und Homos ja nicht auf ALLE Menschen eines Geschlechts stehen, ist das ja auch bei Bisexuellen. Ich für meinen Fall bin sehr wählerisch. Zudem bedeutet bi für mich nicht 'Männer und Frauen'. Das ist mir zu binär gedacht. Ich bin bi, stehe aber tendenziell eher nicht auf Frauen, sondern auf Männer und verschiedene nicht binäre Geschlechter."

Anka, 23

(Bild: Privat)

"Solche Kommentare habe ich persönlich immer wieder erlebt. 'Die wollen 100 Prozent' klingt für mich ähnlich wie das typische 'du bist also offen für alles...', was schon suggeriert, dass mein Gegenüber an einen Dreier denkt. Das nervt.

Ich versuche nicht mehr, mich einzuordnen. Ich habe mich lange als lesbisch identifiziert, bis ich festgestellt habe, dass das Geschlecht für mich schlussendlich egal ist. Den Menschen macht doch so viel mehr aus. Egal, welches Geschlecht eine Person hat: Wenn ich sie attraktiv finde, finde ich sie attraktiv. 

Ich kann verstehen, dass Labels helfen können, sich selbst besser zu identifizieren. Problematisch finde ich, wenn mit dem Labeling ein Schubladendenken oder eine Bewertung einhergehen. Es gibt nämlich durchaus Menschen, die Bisexuelle nicht als 'vollwertiges Mitglied' der queeren Community akzeptieren oder eben davon ausgehen, dass man 'nur ausprobiert'. Das finde ich persönlich besonders schade."

Sascha Catrin, 20

(Bild: Privat)

"Die Leute halten Bisexualität für eine Charakterschwäche. Es gibt einfach Zeiten, da habe ich mehr Interesse an Frauen oder eben an Männern. Das Geschlecht spielt für mich keine Rolle. Ich denke jetzt nicht 'Oh ein Mann! Den finde ich gut.' Ich urteile nach dem Charakter und lasse mich von den Geschlechtern einfach nicht einschränken. 

Oft bekomme ich aber auch so was zu hören wie 'ist doch nur eine Phase' oder auch 'du brauchst doch nur einen Mann der dich so richtig ******.'

Toshio*, 21

"Was ich immer wieder gehört habe: Dass ich ja alles und jeden einfach bloß 'vögeln' wolle. Und dann die Frage, wie es möglich sein soll, mit Männern und Frauen befreundet zu sein, wenn man doch beide Geschlechter sexuell attraktiv findet. Das ist ein ziemlich schräger Eindruck. Selbst wenn ich jemanden attraktiv finde, bedeutet das ja nicht, dass man die Person gleich im Kopf auszieht. Ich kann einfach mit Frauen und Männern gute und enge Freundschaften führen.

Von Labels halte ich aber gar nichts. Man kann weder alle Homosexuellen, Transgender, Pansexuelle noch Bisexuelle in eine Schublade stecken. Jeder Mensch ist anders. Labels sollte man sowieso bei Menschen grundsätzlich einfach sein lassen. Außer bei Nazis versteht sich!

*Name geändert



Food

Grillen kann man immer! Wenn man das Zubehör besitzt
"Du grillst es doch auch!"

Es gibt zwei Arten von Menschen. Die einen sehen in der Wettervorhersage, dass es morgen voll schön warm werden soll und sagen: "Oh, guck mal, morgen soll es voll schön warm werden! Wollen wir nicht mal wieder grillen?" Den anderen ist scheißegal, was für Wetter es ist. 

Die wollen immer grillen. 

Das hier ist für euch!