Bild: Westend 61/imago

Mit meinem männlichen Partner könnte ich an jeder Straßenecke Berlins wild rumknutschen. Wir können zusammen nachts durch dunkle Parks gehen, im Club eng tanzen und ich fühle mich absolut sicher. Nicht, weil mein Partner so stark ist und mich beschützt – sondern weil Männer mich in seiner Gesellschaft in Ruhe lassen. Sie respektieren mich, weil ich scheinbar schon einem anderen Mann "gehöre".

Das Gefühl der Sicherheit fällt mir auf, weil ich es auch anders kenne.

Bevor ich meine Ex-Freundin in der Öffentlichkeit geküsst habe, sah ich mich um. Was für Leute sind da? Guckt jemand? Zwei Frauen, die offen zärtlich sind, kriegen oft das Doppelte an Belästigungen ab. Und Frauen, die Frauen lieben, fühlen sich auch heute noch oft unsicher. 

Auch mitten in Deutschland, selbst in liberalen Großstädten.

In einer Studie der Lesbenorganisation LesMigras gab ein Drittel der befragten queeren Frauen an, schon einmal von Menschen aus dem engen Umfeld (Freunde, Familie) beschimpft worden zu sein. 65 Prozent seien von Fremden in der Öffentlichkeit beschimpft worden. Ein Fünftel hat schon Gewalt in der Öffentlichkeit erlebt. 

Die Macherinnen der Studie schreiben, dass viele Betroffene nicht Anzeige erstatten – sie wollen sich nicht vor der Polizei outen. In der polizeilichen Kriminalstatistik tauchen diese Fälle dann nicht auf.

Wer also glaubt, in Deutschland könne man lieben, wen man will, ist wahrscheinlich hetero.

Schon bevor ich eine Frau date, überlege ich gut, wo. Der Klassiker geht nämlich so: Ich sitze mit meinem Date in einer Bar. Wir unterhalten uns angeregt, sehen uns tief in die Augen, meine Hand liegt auf ihrem Oberschenkel. Und keine zehn Minuten später zieht ein Typ seinen Barhocker zu uns und klinkt sich ins Gespräch ein.

Einmal saß ich eng umschlungen mit einer Frau auf einem Sofa – und zwei Männer setzten sich links und rechts neben uns, um uns jeweils penetrant anzuflirten. Wären wir hetero, egal ob ein Paar oder nur Freunde, die Szene wäre unvorstellbar.

Zwei solcher Fälle, nur noch viel drastischer, gingen im Juni durch die Medien.
In London wurde ein lesbisches Paar in einem Nachtbus von vier Männern sexuell belästigt und brutal geschlagen. Sie hatten sich geweigert, sich vor den Männern zu küssen. Das Bild der zwei blutverschmierten Frauen ging viral. (SPIEGEL ONLINE)

Ein wenig später gab es in Berlin-Tempelhof einen ähnlichen Fall: Ein 53-jähriger Mann schlug vor einem Berliner Imbiss zwei jungen Frauen ins Gesicht als er verstand, dass sie ein Paar waren.

Auch ich kenne diesen Hass.

Auf einer Skala von Belästigung bis Gewalt habe ich schon einiges erlebt. 

Das fängt damit an, dass unsere Gesellschaft so tut, als ob es Lesben gar nicht gibt. Wenn Frauen als Paar unterwegs sind, werden sie oft gar nicht ernst genommen. Männer scheinen zu denken: Da sitzen zwei Frauen händchenhaltend im Park – sie müssen Freundinnen sein. Ohne Mann zählt offenbar nicht, ohne Penis geht ja schließlich kein Sex. Sogar heterosexuelle Freundinnen von mir sprechen nur bei Penis-Vagina-Penetration von Sex.

Platz zwei der unangenehmen Begegnungen, die lesbische Paare in der Öffentlichkeit haben: Oh, da fehlt ein Mann – die warten sicher auf mich. Wenn zwei Frauen sich küssen oder sexy miteinander tanzen, wird unterstellt, sie wollten damit Männer anlocken. Ich wurde schon lange nicht mehr so viel begrabscht, unerwünscht angetanzt und lüstern angegafft, als ich das letzte Mal unter Heteros eng mit einer Frau tanzte. Sogar auf der queeren Party, nach dem letzten CSD, bestand der Raum zur Hälfte aus Männern, die uns Frauen beim tanzen anglotzten, oder uns von hinten antanzten.

Viele heterosexuelle Männer turnt es an, wenn Frauen knutschen. 

Keine Sorge, ich verstehe das. Ich bin die Erste, die aufhört zu atmen, wenn sich zwei schöne Frauen in meiner Gegenwart küssen. Aber ich gehe nicht davon aus, dass sie darauf warten, dass ich mich dazwischen werfe.

Manchmal bleibt es nicht bei unangenehmen Anmachen. Meine damalige Freundin und ich saßen mal in einer queeren Bar auf einem Sofa und knutschten. Wir waren die letzten Gäste – bis auf einen Mann. Plötzlich sagte meine Freundin : 

Lou, wir müssen sofort gehen!

Der Mann masturbierte und grinste uns dabei an. Er sexualisierte uns nicht nur – er demonstrierte seine Macht. Es war ein Versuch uns einzuschüchtern: zwei Frauen, die offensichtlich aufeinander standen und nicht auf Männer – das durfte nicht sein.

Ein anderes Mal küssten meine Freundin und ich uns vor einem U-Bahn-Eingang zur Begrüßung. Eine Gruppe von jungen Männern sah uns. Sie kamen auf Zentimeternähe mit ihren Gesichtern an unsere Gesichter heran – und brüllten uns an. Das ist der Hass, der auch den Frauen in London und in Berlin-Tempelhof widerfahren ist, wenn auch in viel drastischerer Form.

Du bist eine queere Frau und hast Gewalt erlebt?

Die Berliner Telefonhotline L-Support berät Frauen, die homophobe Gewalt erlebt haben: Von verbaler Gewalt bis hin zu körperlichen Übergriffen. Sie ist jeweils Abends, an zwei Tagen in der Woche erreichbar.

Eine weitere Anlaufstelle ist das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" vom Familienministerium. Es ist rund um die Uhr, jeden Tag und auch per Mail erreichbar. Und bei der Polizei kann Anzeige erstattet werden.

Was muss sich ändern?

Wenn wir wollen, dass lesbische und queere Frauen sich in der Öffentlichkeit sicher fühlen, müssen wir akzeptieren, dass es sie gibt.

Wir müssen verstehen, dass es unterschiedliche Arten gibt, Sex zu haben und Beziehungen zu führen, die alle legitim sind. Vor allem Heteromänner müssen lernen, dass Frauen nicht dazu da sind, ihre Bedürfnisse zu befriedigen – sondern dass wir auch unsere eigenen Bedürfnisse haben. Zum Beispiel in Ruhe miteinander rumzuknutschen.



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